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Deutscher Meister mit Handicap

Marcus Schlenkrich aus Kamenz fand nach einem schweren Unfall zum Karate-Sport. Mittlerweile hat er damit sehr erfolgreich.

Von Ina Förster
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Marcus Schlenkrich (36) aus Kamenz ist dreifacher Deutscher Meister im Para-Karate und hat auch über den Sport wieder ins Leben zurückgefunden. Er trainiert zweimal wöchentlich im Sportzentrum Tomogara.
Marcus Schlenkrich (36) aus Kamenz ist dreifacher Deutscher Meister im Para-Karate und hat auch über den Sport wieder ins Leben zurückgefunden. Er trainiert zweimal wöchentlich im Sportzentrum Tomogara. © privat

Kamenz. Elf Jahre ist der Unfall her. Marcus Schlenkrich aus Kamenz weiß nicht mehr viel davon. Er muss den Erzählungen anderer Menschen Glauben schenken. Dass er auf dem Heimweg aus dem Urlaub war. Dass das Auto in den Gegenverkehr geriet. Er auf dem Beifahrersitz saß, herausgeschnitten werden musste. Und dass er anschließend drei Wochen lang im Koma in der Uniklinik Dresden lag. Marcus Schlenkrich war zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Die Welt stand dem jungen Industriemechatroniker offen. Er hatte Pläne, Träume. Dann kam der Schnitt. Als er aufwachte, war nichts mehr wie vorher.

„Ich hatte ein Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades. Da der Hirndruck zu hoch wurde, mussten sie dann auch noch meinen Schädel öffnen. Anschließend war ich rechtsseitig gelähmt. Und damit habe ich heute noch zu kämpfen“, erzählt er. Dass der Unfall von 2009 nicht nur äußerliche Spuren hinterlassen hat, merkt man immer noch ein wenig. Kein Wunder, Marcus sprang dem Tod von der Schippe. Und das prägt. „Ich musste in der anschließenden Reha in Kreischa wieder alles von vorn lernen. Sprechen, laufen, die einfachsten Dinge“, sagt er. Da stand das Leben Kopf.

Pro Woche zweimal Training

Doch der Kamenzer ist ein Kämpfer. Und hatte in manchen Dingen einfach obendrein Glück. Zum Beispiel, eine super tolle Therapeutin in der Reha zu bekommen. „Was sie alles aus mir rausgeholt hat, das war einfach perfekt“, erzählt der 36-Jährige. Mit ihr trifft er sich immer noch regelmäßig einmal im Jahr privat. Sie hat ihn stark gemacht. Den Rest des Rüstzeuges holt er sich heute noch wöchentlich im Therapiezentrum Westlausitz in Kamenz. „Man muss etwas tun, wenn man wieder ins Leben zurückwill. Ein Spaziergang ist das aber nicht“, weiß Marcus Schlenkrich.

Dass er ein paar Jahre später mehrere Meistertitel und Pokale daheim stehen haben würde – das hätte jedenfalls damals keiner gedacht. „Ich kam irgendwann an den Punkt, wo ich mir dachte: Mensch, man sieht dir deine Behinderung schon an. Ehe dich irgendjemand doof von der Seite anmacht, lerne, dich zu wehren“, sagt er. „Ich wollt mich einfach im Falle eines Falles nicht absolut hilflos fühlen.“

Auf der Suche nach einer passenden Sportart für sich fand er den Verein Tomogara in Kamenz. „In der Grundschule hatte ich mal ein paar Wochen lang Judo gemacht, aber auch nicht weiter verfolgt. Kampfsportarten waren eigentlich nicht mein Ding“, erinnert sich der 36-Jährige. Doch bei Jan Geppert und Jens Skarupski vom Sportzentrum Tomogara fand er Verständnis für sein Ansinnen. Er startete mit einem halben Jahr Einzeltraining. Kraftaufbau, erste Grundkenntnisse in Karate-Techniken standen im Fokus. „Und das hat mir dann schon Spaß gemacht. Anschließend bin ich in die normale Trainingstruppe gewechselt“, erzählt er. Dort fühlt er sich seitdem richtig wohl. Zweimal Training in der Woche müssen drin sein. Marcus hat hier tolle Freundschaften geschlossen, möchte das Ganze nicht mehr missen. Ein Paradebeispiel für gelebte und gelungene Inklusion, findet nicht nur er.

Und dann kam die erste Anfrage für eine Meisterschaft 2014. „Ich hab’ am Anfang ein bisschen Düsengang gehabt, als ich zu meinen ersten Para-Landesmeisterschaften nach Hoyerswerda sollte. Ich erfuhr erst knapp vorher davon. Und wollte eigentlich lieber nur zuschauen, entschied mich dann über Nacht aber doch noch um“, sagt er. Eine gute Entscheidung: Er holt bei den Landesmeisterschaften im ersten Anlauf Gold in der Gruppe Cerebralparese stehend. Damals noch mit orangenem Gürtel. Heute trägt er den Blauen mit 4. Kyu. Und ist dreifacher Deutscher Meister seines Faches.

In zwei Wochen zur Deutschen Meisterschaft

„Mit Fleiß und Beharrlichkeit hat Marcus es bis dahin im Para-Karate in seiner Klasse geschafft. Er trainiert zusätzlich, neben seinem Karatetraining in der allgemeinen Trainingsgruppe der Oberstufe, um sich auf Meisterschaften vorzubereiten. Im Verein ist er übrigens nicht der einzige Sportler mit Einschränkungen. Bei uns wird auch nicht diskutiert, ob es nun Handicap, Disabilities, Behinderung oder Beeinträchtigung heißt. Das ist einfach der Marcus, und er trainiert mit uns. Und wir sind stolz, dass er so erfolgreich im Para- Karate ist“, heißt es aus den Tomogara-Reihen. Erst vor ein paar Tagen holte er erneut eine Silbermedaille bei den „Dresden Open 2020“. Dort traten die Teilnehmer im Para-Karate in den Klassen Rollstuhlfahrer, Cerebralparese stehend, Hörbehinderung, Geistige Behinderung und Sehbehinderung an. Und am 7. März startet der 36-Jährige bei der nächsten Deutschen Meisterschaft in Hamburg. Die Vorbereitungen laufen.

Marcus Schlenkrich genießt sein Leben heute in einem Haus, das er selbst mit gebaut hat. Zusammen mit seiner zweiten Frau Sandra. Er arbeitet immer noch bei seinem alten Arbeitgeber, der TD Deutsche Klimakompressor GmbH in Straßgräbchen. Nun allerdings in der Endkontrolle. Denn er hat eine 70-prozentige Behinderung zurückbehalten. Die Firma bot ihm gleich nach der Reha einen unbefristeten Arbeitsvertrag an. Das fanden viele ganz stark. Und das ist es auch.

„Als wir Weihnachten auch noch erfuhren, dass wir nun noch Eltern werden, war unser Glück perfekt“, sagt Marcus Schlenkrich stolz. „Ich hatte immer eine Art To-do-Liste, was alles werden soll in meinem Leben. Das fing mit ganz kleinen Dingen an. Aber nun habe ich so viel anderes noch dazu geschenkt bekommen – es lohnt sich wirklich, zu kämpfen“, sagt er.

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