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Deutschland hält am Amalgam fest

Der umstrittene Füllstoff soll bis 2030 verschwinden. Doch sächsische Zahnärzte sehen gute Gründe, ihn weiter einzusetzen.

Eine Amalgam-Pistole und Amalgam-Kapseln vor der Verarbeitung zu einer Zahnfüllung.
Eine Amalgam-Pistole und Amalgam-Kapseln vor der Verarbeitung zu einer Zahnfüllung. © Matthias Rietschel

Die silberfarbenen Zahnfüllungen sind in Deutschland selten geworden – nur etwa jeder 20. kariöse Zahn wird noch mit Amalgam gefüllt. Das hat meist ästhetische Gründe, denn die zahnfarbenen Kunststoff- oder Kompositfüllungen fallen einfach weniger auf.

Doch nicht nur aus kosmetischer Sicht ist Amalgam seit Jahren umstritten. So sieht zum Beispiel die Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin im Quecksilber ein Zell- und Nervengift, das sich nicht nur im Kiefer, sondern auch in Nieren, Gehirn und Gelenken ablagern kann. Deshalb warnt sie immer wieder vor den Gefahren durch Amalgam. Laut EU-Quecksilberverordnung soll Amalgam bis 2030 aus der Zahnmedizin verschwinden – weniger aus gesundheitlichen, sondern aus Umweltschutzgründen. 

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Bis 1. Juli dieses Jahres mussten die EU-Mitgliedsstaaten nationale Aktionspläne beschließen, wie sie Amalgam weiter reduzieren wollen. Schweden und Norwegen sind hier Vorreiter. Bei ihnen gilt nach Auskunft der Interessengemeinschaft Umwelt und Zahnmedizin bereits seit zehn Jahren ein Amalgamverbot. Finnland, Irland und die Slowakei haben Gesetze verabschiedet, die das Verbot ab 2030 festschreiben. Deutschland folgt dem Beispiel allerdings nicht. Die Bundesregierung verspricht lediglich, die Verwendung von Amalgam zu senken und den Einsatz auf unverzichtbare Spezialfälle zu beschränken.

Kunststoff gibt es nach Begründung

Bereits seit Juli letzten Jahres bekommen Schwangere, Stillende, Kinder bis zum 15. Lebensjahr sowie Nierenkranke und Allergiker keine quecksilberhaltigen Zahnfüllungen mehr. „Für sie bezahlt die Kasse Kunststoff – wenn der Zahnarzt das begründet“, sagt Dr. Holger Weißig, Chef der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Sachsen. Denn das Gesetz verbiete Amalgam nicht komplett. Wenn der Zahnarzt die Verwendung für therapeutisch besser geeignet hält, könne er es weiterhin einsetzen. Zum Beispiel, wenn bei Kindern in Vollnarkose viele Füllungen gelegt werden müssen oder die für Kunststofffüllungen notwendige Trockenlegung des Zahnbereichs schwer durchführbar sei.

Für alle anderen, die nicht zur genannten Risikogruppe gehören, bleibt Amalgam in Deutschland weiterhin die Regelversorgung. Das heißt, sie müssen für Kunststofffüllungen privat zuzahlen. „Das können bis zu 100 Euro pro Füllung sein, bei Keramik- oder Goldinlays sogar noch weit mehr“, sagt Kassenzahnarztchef Weißig. 

Dr. Holger Weißig, Chef der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Sachsen
Dr. Holger Weißig, Chef der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Sachsen © Matthias Rietschel

Bessere ästhetische Ergebnisse

Wie er stehen viele schulmedizinisch tätige Zahnärzte weiter hinter Amalgam. „Keine Studie hat bisher die Gesundheitsschädlichkeit sicher belegt“, sagt Weißig. „Amalgam ist der am besten untersuchte Zahnfüllstoff überhaupt.“ Das könne man von den Kunststoffen noch nicht sagen. Weißig warnt deshalb vor übertriebenem Aktionismus und regt weitere Untersuchungen an. „Denn hätten wir ein generelles Amalgamverbot, müssten die Mehrkosten für Alternativen von den Kassen getragen werden. Das könnte sich auch auf die Beiträge auswirken.“

Um Patienten und Ärzte vor Quecksilberimmissionen zu schützen wird Amalgam nur noch in verkapselter Form angewendet. Sogenannte Amalgampistolen ermöglichen die Verarbeitung des Füllstoffs in einem geschlossenen System.

Florian Schulze allerdings, Geschäftsführer der IG Umwelt und Zahnmedizin, kritisiert die Zurückhaltung der Bundesregierung. „Es wurde weder ein Zeitpunkt für den Amalgam-Ausstieg festgelegt, noch eine konkrete Maßnahme dafür beschlossen, wie man den Einsatz von Amalgam auf unverzichtbare Spezialfälle beschränken möchte.“ Die Verwendung sei ein soziales Problem. Solange Patienten beim Zahnarzt zwischen kostenlosen Amalgamfüllungen und oft teuren Alternativen entscheiden könnten, werde es auch eine Nachfrage geben.

„Andere Länder sind da fortschrittlicher"

Schulze bezeichnet Quecksilber als eines der giftigsten Elemente der Erde. Geringste Mengen könnten bereits schwerwiegende Gesundheitsschäden nach sich ziehen. „Wenn die meisten quecksilberhaltigen Produkte wie Batterien, Lampen oder Thermometer ab 2020 verboten werden, sollte bei Amalgamfüllungen keine Ausnahme gemacht werden“, sagt er. Den Einwand der höheren Kosten von alternativen Füllstoffen will er nicht gelten lassen: „Andere Länder sind da fortschrittlicher und haben bereits beschlossen, das Preisniveau anzupassen. Das wäre auch in Deutschland möglich“, so Florian Schulze.

Ab 2020 beraten Krankenkassen und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung über die Umsetzung des Amalgamausstiegs. „Die Verhandlungen werden kaum vor 2030 abgeschlossen sein, weil wir sichergehen wollen, dass die alternativen Zahnfüllstoffe kein höheres Gesundheitsrisiko darstellen“, so Weißig. Ihm zufolge könnten Kunststoffe Spuren von giftigem Strontium enthalten. „Auch wie der Kunststoffabrieb im Körper wirkt, wissen wir noch nicht“, sagt er.

Unbestritten hätten Kunststofffüllungen aber Vorteile. Es müsse weniger Zahnsubstanz entfernt werden und es würden bessere ästhetische Ergebnisse erzielt. Nachteilig an dem Material sei aber, dass es aufwendiger in der Verarbeitung sei. „Bei Kunststoff muss die ausgebohrte Stelle absolut trocken sein. Das ist im hinteren Mundbereich oder bei starkem Schluckreflex schwer.“

Handlungsbedarf beim Thema Karies

Die Bundesregierung setzt stattdessen auf Vorsorge. Denn der beste Weg sei, Karies zu verhindern, um gar keine Füllung erst zu benötigen. Und hier sei Deutschland auf einem sehr guten Weg. Der aktuellen Mundgesundheitsstudie zufolge sind 80 Prozent der Zwölfjährigen kariesfrei. Sorgen bereiten aber die Jüngeren. „Die frühkindliche Karies hat in den letzten Jahren entgegen dem sonstigen Trend zugenommen“, sagt Holger Weißig. Hier sieht er großen Handlungsbedarf. Die Eltern seien wohl sorgloser geworden, was den Konsum von zuckergesüßten Getränken und das Dauernuckeln an der Trinkflasche betrifft.

Deshalb hat Deutschland sein Vorsorgeangebot für Kinder erweitert. Seit 1. Juli können sich Eltern von Babys ab dem sechsten Lebensmonat vom Zahnarzt zur Pflege und Gesunderhaltung der Zähne beraten lassen. Ab dem ersten Zahn kann durch Auftragen von Fluoridlack das Kariesrisiko gesenkt werden. Bisher war diese Präventionsmaßnahme erst ab dem dritten Lebensjahr auf Kassenkosten möglich.

Trotz neuer EU-Verordnung scheiden sich beim Thema Amalgam also weiterhin die Geister.

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