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„Deutschland hilft der Reisebranche gar nicht“

Diamir-Geschäftsführer Jörg Ehrlich über die Lage des Dresdner Erlebnisreise-Anbieters und Reiseabsagen.

Abenteuerlicher als jede angebotene Safari: Reiseveranstalter steuern gerade durch sehr angespannte Zeiten.
Abenteuerlicher als jede angebotene Safari: Reiseveranstalter steuern gerade durch sehr angespannte Zeiten. © VOLODYMYR BURDIAK

Herr Ehrlich, die Touristik befindet sich in ihrer größten Krise. Wie ist die wirtschaftliche Situation bei Diamir?

Bei Diamir sind gegenwärtig von 140 Mitarbeitern über 100 in Kurzarbeit null. Weitere Mitarbeiter sind teilweise in Kurzarbeit und müssen abgesagte Reise für die Kunden rückabwickeln. Unser Unternehmen hat Umsatzrückgänge von weit über zehn Millionen Euro zu beklagen. Einen Ausblick in die Zukunft können wir als Anbieter von Erlebnisreisen rund um den Globus nicht treffen, da ein Ende der geschlossenen Grenzen nicht abzusehen ist. Das ist sehr tragisch.

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Bei Ausflügen mit Kindern stehen Erlebnis und Abenteuer im Vordergrund. Das sollte bei der Tourenplanung und beim Packen des Rucksacks bedacht werden.

Durch die Reiseabsagen schrumpft die Liquidität. Was tun Sie, um den Fortbestand des Unternehmens und die Arbeitsplätze zu sichern?

Wir haben noch im März Gespräche mit unserer Hausbank und mit der KfW-Bank geführt. Zum Glück haben wir einen Kredit bekommen, mit dem wir die aktuelle Situation überbrücken können. Die Mitarbeiter sind weitestgehend in Kurzarbeit, wir haben die Kosten auf ein Minimum gesenkt, das Büro für den Besucherverkehr ist ohnehin geschlossen.

Verfügt Diamir über eigene finanzielle Rücklagen, um etwa das Kurzarbeitergeld aufzustocken?

Kein einziges touristisches Unternehmen ist in der Lage, das Kurzarbeitergeld aufstocken zu können. Und wenn unsere Landesregierung der Touristik nicht hilft, werden fast alle Unternehmen früher oder später Konkurs anmelden müssen. Wir bei Diamir sind glücklicherweise so gut aufgestellt, das wir sicher bis zum Jahresende planen können, auch wenn sich die Pandemie noch eine Weile hinzieht.

Warum helfen Ihnen die bisherigen Hilfsprogramme von Landes- und Bundesregierung nicht?

Durch die geschlossenen Grenzen sind wir nicht in der Lage, unserem Geschäftszweck nachgehen zu können. So hart trifft das keine andere Branche. Durch die kundenfreundlichen Gesetze in Deutschland müssen die Reiseveranstalter das komplette Reiserisiko zu 100 Prozent allein tragen. Alle Gäste haben das Geld zurückerstattet zu bekommen. Die Rechnung muss allein der deutsche Reiseveranstalter zahlen. In Spanien, Frankreich, Holland oder Dänemark hat der dortige Staat anders entschieden. Deutschland hilft der Reisebranche gar nicht. Seit zwei Monaten werden wir von der Politik vertröstet und am Ende vergisst man unsere Branche komplett.

Heute gibt es wieder bundesweit große Demonstrationen der Reiseunternehmen. Was erhoffen Sie sich davon?

Wir erhoffen uns die Aufmerksamkeit bei Politikern, unserer Branche zu helfen. Die durch Corona entstandenen Zusatzkosten für abgebrochene Reisen, für Rückholaktionen von Gästen, die doppelte Arbeitsbelastung – hier erwarten wir klare Hilfe vom Staat. Da sind Zuschüsse erforderlich. Ich empfinde es als sehr bitter, dass gerade unser Land in Europa aus der Reihe tanzt und die Reiseveranstalter deutlich schlechter gestellt werden. Wenn diese Gutscheinlösung, wie sie in den anderen europäischen Ländern praktiziert wird, in Deutschland unmöglich ist, dann muss es einen Hilfsfonds mit Geldern geben, die die Verluste der Reiseunternehmen durch Zuschüsse auffangen.

Wie gehen Sie bei Diamir mit den Absagen um?

Unsere Mitarbeiter versuchen, gemeinsam mit unseren Kunden die beste Lösung zu finden. Viele Gäste sind ja nach wie vor an der Traumreise interessiert und buchen diese gern zu einem späteren Termin um. Andere treten von der Reise zurück und möchten ihr Geld sofort wieder. Dem kommen wir dann natürlich auch nach, weil das wie gesagt vom Staat so gesetzlich vorgegeben ist. Es wird sicher viele unserer Wettbewerber geben, die auf Grund dieses aus meiner Sicht unfairen Gesetzes Insolvenz anmelden müssen. Das ist sehr bedauerlich und hilft am Ende dem Kunden auch nicht weiter.

Diamir-Geschäftsführer Jörg Ehrlich
Diamir-Geschäftsführer Jörg Ehrlich © Kurt Füssel

Viele Urlauber beklagen, dass Reisen oft vom Veranstalter so kurzfristig abgesagt werden. Warum geht das nicht langfristiger?

Wir bedauern es auch zutiefst, dass die Reisen eher kurzfristig abgesagt werden müssen. Schuld daran hat aber unsere Regierung, die eben extrem kurzfristig plant und unserem Unternehmen somit auch keine langfristige Planbarkeit ermöglicht. Bei uns im Hause versuchen wir, Kunden zu einer vorausschauenden Umbuchung zu raten, wo das möglich ist. Aber auch hier ist wieder unzählige Arbeit bei den Reisebüros erforderlich, die keiner bezahlt. Die Kosten trägt immer und ausschließlich der Reiseveranstalter. Hier den Kunden, der am Ende von einer organisierten Reise profitiert, in dieser Ausnahmesituation mit einem Kostenanteil einzubinden, würde ich für absolut fair halten. Warum muss jedes Reisebüro seine Arbeit kostenfrei und unbezahlt machen?

Wann glauben Sie, kann Diamir wieder Reisen durchführen?

Das kann ich nicht fundiert beantworten. Natürlich wünsche ich es allen Reisegästen, die im Juli oder August ihren wohlverdienten Urlaub geplant hatten, diesen auch antreten zu können. Wir sind jederzeit in der Lage, die gebuchten Reisen durchzuführen und freuen uns darauf, wenn wir, sobald es sicher möglich ist, das auch wieder dürfen. Jedoch sind Vorgaben der Reiseziel-Länder und unsere eigenen die Grundlage, die wir beachten müssen.

Welche konkreten Maßnahmen planen Sie, um die Gesundheit Ihrer Gäste abzusichern?

Unsere Kleingruppen- und Individualreisen sind bereits jetzt sehr sicher. Eine Gruppe, die durch die Berge des Himalayas in der unberührten Natur wandert, trifft gar keine „gefährdende“ Menschenmenge. Sicher kann man bei einem Stadtrundgang jetzt andere Prioritäten setzen oder diesen Besichtigungspunkt auch einsparen. Bei Safariprogrammen in Nationalparks wie der Serengeti oder Krüger sitzt man in seinem Fahrzeug und hat gar keinen Kontakt zu anderen unbekannten Leuten. Wir bieten ja keine Großgruppenreisen mit 80 Menschen in einer Gruppe und besuchen dann große kulturelle Feste, wo man eng an eng steht und sich anstecken könnte. Mit sehr wenigen sensiblen Maßnahmen können wir bei allen unseren Reisen eine sehr gute Sicherheit vor einer Infektion gewährleisten. Aber klar, die Anreise im Flugzeug wird nach wie vor die größte Herausforderung sein.

Das Gespräch führte Nora Miethke.

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