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Wirtschaft

Deutschland isst geteilter

Das Essverhalten hat sich in den vergangenen zehn Jahren radikal verändert. Dabei geht es nicht nur um die Preise von Lebensmitteln.

Für viele bleibt es oft nur beim Wunsch: gemeinsames Essen in Familie.
Für viele bleibt es oft nur beim Wunsch: gemeinsames Essen in Familie. ©  Foto: dpa

Frankfurt. Die Essgewohnheiten der Deutschen werden einer Studie zufolge diverser – und Wunsch und Wirklichkeit klaffen oftmals weit auseinander. So haben zwar für die allermeisten Menschen gemeinsame Mahlzeiten in der Familie eine hohe Bedeutung, doch gerade unter der Woche wird immer seltener zusammen gespeist, wie aus einer vom Lebensmittelkonzern Nestlé Deutschland in Auftrag gegebenen Umfrage hervorgeht.

„Ernährung wird immer mehr an die individuellen Bedürfnisse und Lebenssituationen angepasst“, sagte Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, zur Vorstellung der Studie „So is(s)t Deutschland 2019“ am Freitag in Frankfurt. „Dadurch lösen sich feste Gewohnheiten auf und die Ansprüche an die eigene Ernährung wie der Ernährungsalltag unterscheiden sich immer mehr.“ Die Meinungsforscher befragten 1 636 Menschen zwischen 14 und 84 Jahren und verglichen die Ergebnisse mit ihrer Umfrage von 2009.

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Keine Zeit für Rituale

Unter der Woche isst demnach nur noch jeder Zweite der Befragten sein Mittagessen in Gesellschaft, 39 Prozent frühstückten noch gemeinsam. Eine warme Mahlzeit stehe für 45 statt zuvor für 55 Prozent auf dem täglichen Speiseplan. Rund ein Drittel der Befragten esse nicht zu festen Zeiten, sondern wenn sie gerade Hunger oder Zeit haben. Zudem werde häufiger auswärts gegessen.

Die Studienmacher sahen aber noch weitere Unterschiede: „Deutschland isst immer geteilter. Vor allem zwischen den sozialen Schichten geht die Schere beim Essen zunehmend auseinander“, so Marc-Aurel Boersch, Vorstandschef von Nestlé Deutschland bei der Vorstellung der Studie. „Die Ernährung der Bevölkerung hat sich in den  letzten zehn Jahren auch wegen der Entwicklung der Einkommen gravierend verändert“, sagt auch Renate Köche. Erstaunlich trotzdem: Beim Einkauf von Lebensmitteln spielen günstige und niedrige Preise in allen Schichten eine geringere Rolle als noch 2008, als Nestlé die erste Ernährungsstudie vorgelegt hat. Gaben dies damals noch 57 Prozent der Befragten als Grund an, waren es jetzt nur noch 45 Prozent. Boersch ist gleichwohl überzeugt, dass der Preiswettbewerb im Handel nicht nachlässt.

Kantinen-Essen. Immer weniger Deutsche nehmen sich dafür Zeit.
Kantinen-Essen. Immer weniger Deutsche nehmen sich dafür Zeit. © Foto dpa

Reich isst gut

Klar ist aber, dass im unteren Fünftel der Bevölkerung aufgrund des in den letzten zehn Jahren nur um ein Drittel gestiegenen frei verfügbaren Einkommens von im Schnitt 213 Euro pro Kopf und Monat weniger Geld auch für die Ernährung da ist. Bei den oberen 20 Prozent sind es im Schnitt 735 Euro pro Kopf und 45 Prozent mehr als 2008. „Über diese Spaltung sollte sich Deutschland Gedanken machen“, sagt der Nestlé-Chef. Diese Spaltung zeigt sich auch mit Blick auf die Bedeutung von gutem Essen. „Ob es um den Stellenwert guten Essens geht, um eine bewusst gesunde Ernährung, Essen als Genusserlebnis oder Ernährungsmaximen – die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten sind groß und wachsen“, erklärt Köcher. Während 72 Prozent der Personen aus der Oberschicht betonen, sie ernährten sich aus Überzeugung gesund, sind es bei den wenig Vermögenden nur 39 Prozent.

Dies führt auch dazu, dass der wachsende Trend zu Produkten aus der jeweiligen Region, zu Saisonprodukten, zu natürlichen Lebensmitteln, zu Nachhaltigkeit und artgerechter Tierhaltung nur von der Ober- und Mittelschicht vorangetrieben wird.

Frische Küche leisten sich vor allem Reiche und Vertreter der Mittelschicht.
Frische Küche leisten sich vor allem Reiche und Vertreter der Mittelschicht. ©  Foto: dpa

Junge Leute holen sich Rat bei Großeltern

Alle Schichten aber vermeiden immer stärker Zucker, Fett und Salz. Dies gilt für zwei Drittel der Bevölkerung. Aber nur 20 Prozent wollen generell auf Fertigprodukte verzichten, elf Prozent setzen auf vegetarische, nur zwei Prozent auf vegane Ernährung. Im Vordergrund stehen für rund 60 Prozent bei der Ernährung die körperliche Fitness und die Gesundheit. Allerdings räumt rund ein Drittel auch ein, zu wenig Obst und Gemüse zu essen und zu selten auf Süßes zu verzichten. Erstaunlich auch: Junge Menschen holen sich Ernährungstipps immer häufiger bei ihren Großeltern als etwa bei Ernährungsberatern und im Internet.

Die Erkenntnisse aus der Studie nutze Nestlé, sagt Vorstandschef Boersch, um die Angebote auf die Ansprüche der Verbraucher anzupassen. Obwohl die Umfrage als Misstrauensvotum gegen Fertigprodukte aufgefasst werden könne, sieht er dort noch erhebliches Wachstumspotenzial. Dafür müsse aber etwa mehr frisches Gemüse verarbeitet und der Salzgehalt weiter reduziert werden. Wobei Nestlé in den letzten Jahren schon um zehn Prozent reduziert habe.

Auch das Problem Plastikverpackungen und Verpackungsflut sei erkannt, sagt Boersch. Schon jetzt seien 95 Prozent aller Nestlé-Verpackungen recyclingfähig. Riegel etwa sollen künftig nur noch in Papierverpackungen stecken. Nestlé baut nach Angaben von Boersch in der Schweiz gerade ein Verpackungsinstitut auf, um neue umweltfreundliche Verpackungen zu entwickeln, vor allem auch mit Blick auf die Flut von Plastikmüll in Afrika und Asien. „Wenn ich auf die vielen neuen Produkte und Verpackungen schaue, die hier entstehen, fühle ich mich manchmal wie in einem Start-up“, sagt der Manager. (mit dpa)

Auch das ist Essalltag in Deutschland.
Auch das ist Essalltag in Deutschland. ©  Foto: dpa