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Deutschland sucht den Super-Virologen

Warum Wissenschaftler in der Corona-Krise wie Popstars wirken – und warum sie trotzdem keine werden können.

Derzeit groß im Rampenlicht: Sängerin Britney Spears, Virologe Alexander Kekule, Virologe Christian Drosten und Popsängerin Christina Aguilera (v. l. o. n. r. u.)
Derzeit groß im Rampenlicht: Sängerin Britney Spears, Virologe Alexander Kekule, Virologe Christian Drosten und Popsängerin Christina Aguilera (v. l. o. n. r. u.) © dpa/imago-images

Bach oder Händel, Beatles oder Stones, Britney Spears oder Christina Aguilera? Solche Fragen hatten immer schon das Potenzial, Menschen zu entzweien. Denn der Verehrung von Popstars wohnt weit mehr inne als eine harmlose Vorliebe für bestimmte Interpreten und deren Musik. Und Musik war noch niemals ein ausschließlich verbindendes Element.

Stars und ihre Musik sind für viele Fans Idole, Identifikationsfiguren, sie verleihen unseren Gefühlen und Lebensanschauungen einen schöntönenden Ausdruck. Kurz: Sie singen aus, was wir empfinden, denken und tun. Oder gerne tun würden. Sie geben uns Orientierung, Bestätigung, das Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit, von Wahrhaftigkeit, ja: von Wahrheit. Genau so sehe ich das auch! Endlich singt's mal einer! Wer sie und ihre Wahrheit angreift, nachgerade aus der gegnerischen Gefolgschaft der mit ihnen konkurrierenden Stars, greift damit auch uns und unsere Wahrheit an. Nicht nur darin sind die Parallelen von Schauspieler-, Fußball- oder Popfans und religiösen Glaubensgemeinschaften offenkundig.

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Nichts zeigt das dieser Tage so deutlich wie der Kult um den Popstar der Gegenwart schlechthin – den Virologen. Die Gretchenfrage unseres Glaubens heißt nun nicht mehr Brad Pitt oder Johnny Depp, Ronaldo oder Messi, Söder oder Laschet. Vielmehr: Christian Drosten oder Alexander Kekulé. Beide sind Experten ihres Fachs und Leiter renommierter Forschungsinstitute. Drosten an der Berliner Charité, Kekulé an der Universität Halle.

Freilich gibt es in Deutschland eine Vielzahl ausgezeichneter Virologen. Doch niemand ist momentan nur annähernd so präsent in den Medien wie diese beiden.

Die Mediengesellschaft verlangt nach „Idolen"

Das liegt an den Mechanismen der Mediengesellschaft. Gerade in Zeiten des Gefühls von kollektiver Sorge und Hilflosigkeit haben die Menschen bohrende Fragen. Medien bemühen sich, Antworten zu finden, und leiten die Fragen an Experten weiter. „Funktioniert“ jemand vor Kameras und Mikrofonen besonders gut und kommt beim Publikum an, stürzen sich immer mehr Medien auf ihn. Dann geschieht mit ihm im Prinzip nichts anderes als einst mit Christina Aguilera und Britney Spears, die in der Masse unzähliger ähnlich talentierter – oder sogar talentierterer – Sängerinnen von Medien entdeckt, aufgebaut und in den Olymp der Popularität gehievt wurden.

Was Spears und Aguilera in so wichtigen Lebensdingen wie Musik, Mode, Rollenmodell für die Teenies der Neunziger waren, sind nun für unzählige Erwachsene Drosten und Kekulé. Gebannt hängen wir an ihren Lippen, lauschen ihren täglichen Radio-Podcasts im NDR (Drosten) und MDR (Kekulé) und teilen ihre Statements millionenfach im Internet. Denn diesmal geht es um die existenziellste aller Fragen: Leben oder Tod?

Auch wenn viele so tun als ob, vor dem Spiegel oder in den sozialen Netzwerken: Noch weniger als die meisten von uns singen oder schauspielern können, verfügen wir über medizinische geschweige denn immunologische oder virologische Kenntnisse. Wer sie aber besitzt, auf den hören wir, denn der hat den Schlüssel zur Wahrheit, und nur in der Wahrheit liegt Rettung. Nie zuvor war diese Wahrheit derart wichtig. Und nie zuvor lag das Schicksal der Menschheit in den Händen so weniger Menschen.

Wenn Forscher heimlich die Welt regieren

Wir erleben gerade, dass die mächtigsten Politiker der Welt machtlos sind und das Schicksal ihrer Nationen in die Hände einer bestürzend kleinen Schar von Wissenschaftlern legen. Forschern wie Christian Drosten und Alexander Kekulé. Ihre Aussagen bestimmen maßgeblich die Entscheidungen unserer Regierung. Damit haben ihre Worte direkte Auswirkungen auf unser Überleben, und noch bevor es für uns wirklich ums Ganze geht: auf unsere individuelle Freiheit. Nur - an wessen Lippen soll man nun hängen, bei wem Sicherheit und Geborgenheit suchen, wem glauben? Britney Drosten oder Christina Kekulé? Wir müssen uns entscheiden. Und viele tun es.

Das aber hat, und hierin liegt der oberflächlichere Unterschied von klassischen Popstars und Viro-Idolen, weniger mit ihrem Aussehen und Auftreten zu tun. Wobei auch das nicht gänzlich irrelevant für unsere Entscheidung ist. Drosten gehört da tendenziell ins Rollenfach vom Typ Brad Pitt, wuschelige Haare, leicht knitteriges Gesicht, gern mal mit Holzfällerhemd unter dem Kittel; ein wenig wie die Techno-Nerds aus Hollywood-Katastrophenfilmen. Alexander Kekulé hingegen hat einen deutlich ausgeprägteren Hang zu Krawatten und klassisch-seriösem Erscheinungsbild, man würde eher an George Clooney in einem Science-Thriller denken.

Doch wie vergleichsweise irrelevant das Äußere ist, zeigt sich an Wolfgang Wodarg. Obwohl der betagtere Mediziner über keine vergleichbare Expertise verfügt und immer ein wenig survival-mäßig wirkt, so, als hätte er die letzten zehn Jahre in einem abgeschiedenen Dorf indigener Amazonas-Anwohner verlebt, findet auch er über zumeist obskure und Verschwörungstheorien zugeneigten Videokanäle Millionen Fans. Es liegt am entscheidenden Faktor für unsere Wahl. Nämlich daran, inwieweit die Ansichten des jeweiligen Viro-Superstarkandidaten den eigenen Bauchgefühlen von uns kenntnislosen Normalos entsprechen oder, noch wichtiger: unseren Hoffnungen. Und denen schmeichelt Wodarg so sehr wie kaum einer seiner Kollegen. Seine Kernaussage lautet auf dem kürzesten Nenner: Alles nicht so schlimm, es besteht kein Bedarf an einschneidenden Maßnahmen, die die individuellen Freiheiten ausnahmslos aller Bürger stark beeinträchtigen.

Wem glauben wir mehr, den Harten oder den Sanften?

Das ist der Punkt: Natürlich würde jede und jeder von uns gerne genau so weiterleben wie zuvor, würde arbeiten gehen, sein Geschäft weiterführen, keine Existenzängste haben müssen, die Freunde sehen, ins Kino, ins Konzert oder auf Party gehen. Und laut Wodarg wäre – fast – all das eigentlich auch möglich. Dass seine fachlichen Qualifikationen für ein solches Urteil mitnichten ausreichen und seine Ansichten von wirklichen Experten nahezu samt und sonders als falsch und sogar gefährlich abgelehnt werden; es spielt für viele keine Rolle. Weil Wodarg, darin ähnlich wie Helene Fischer, unseren elementarsten Sehnsüchten eine Stimme gibt.

Drosten und Kekulé haben es ungleich schwerer im Wettbewerb „Deutschland sucht den Super-Virologen“. Wollen wir zwischen ihnen wählen, müssen wir zum Bauch auch den Kopf zuschalten. Und uns entscheiden: Neigen wir eher dem klassischen Technokraten Kekulé zu, der mehr an die statistische Berechenbarkeit des virologischen Phänomens glaubt, schon vor Wochen vor der Gefahr von Schulkindern als Corona-Überträger gewarnt hat, als erster Schulschließungen forderte und als Vertreter der schwarzen Pädagogik drastische Maßnahmen empfiehlt?

Oder Drosten, der volkserzieherisch nach- und vorsichtiger als sein Kollege ist, lieber abwägt und abwartet, wie der Faktor Mensch auf die jeweiligen Maßnahmen reagiert, um wiederum darauf zu reagieren? Der das Biertrinken im Freien (aber nur aus der Flasche!) legitimiert und sich aufs Normalmenschlichste auch einmal selbst korrigiert?

Zu relevant, um Popstar zu sein

Es sind Fragen, die uns auf uns selbst zurückwerfen, auf unser jeweiliges Wesen, unseren Charakter. Sind wir eher Drostenisten oder Kekulianer? Davon ist es vor allem abhängig, wie wir uns entscheiden. Denn wir wissen nicht, wer von beiden recht hat. Wie auch; sie wissen es schließlich ebenso wenig wie, vorläufig, irgendjemand sonst auf der Welt.

Diese zutiefst beklemmende und erst recht hilflos machende Erkenntnis, dass nicht einmal die besten Naturwissenschaftler sich auf Strategien, Lösungen und damit Auswege aus der Krise einigen können, lässt manche Menschen erst recht in ein mitunter aggressives Drosten- und Kekulé-Fantum abgleiten. Das aber ist im Grunde nichts anderes als jener Fanatismus, den viele halbwüchsige Anhänger klassischer Popstars an den Tag legen. Nur schlimmer. Denn es geht nicht um Musik, um Herz- und Schmerzbotschaften, um Styles, um Rollenmodelle. Es geht um – fast – alles.

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Deshalb mögen Virologen wie Christian Drosten und Alexander Kekulé durchaus wie medial gepushte und öffentlich gehypte Popstars wirken. Aber sie werden niemals auch welche sein. Weil – alle Bach-, Beatles- und Britney-Fans mögen es verzeihen – der Kunst der Virologen gegenüber der Kunst klassischer Stars dafür eine entscheidende Eigenschaft fehlt: deren existenzielle Irrelevanz.

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