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Tschechien: Grenze offen, viele Läden noch zu

Wenige Stunden nach der Öffnung rollen wieder Autos über den Übergang in Sohland. Bei den Nachbarn ist aber noch längst nicht alles wie immer.

Die Familie von Son Lethe, die einen Minimarkt in Rožany betreibt, gehörte zu den ersten, die nach der überraschenden Grenzöffnung am Freitag wieder ihre Türen für Kunden öffnete.
Die Familie von Son Lethe, die einen Minimarkt in Rožany betreibt, gehörte zu den ersten, die nach der überraschenden Grenzöffnung am Freitag wieder ihre Türen für Kunden öffnete. © SZ/Uwe Soeder

Sohland/Rožany. Vor dem Minishop kurz hinter dem Grenzübergang von Sohland nach Rožany (Rosenhain) reihen sich die Gartenzwerge eng an eng. Fast scheint es, als hätten sie nur darauf gewartet, Spalier zu stehen für deutsche Autofahrer, die am Freitagnachmittag dem östlichen Nachbarn einen Besuch abstatten. Die überraschende Öffnung der Grenzen nach Tschechien nach der Corona-Zwangspause ist da erst wenige Stunden her.

Wegen der Gartenzwerge sind aber nur die wenigsten Deutschen hier. "Blumen und Zigaretten" seien es, was die Kunden an diesem Tag am häufigsten kaufen, sagt Son Lethe, dessen Eltern den kleinen Markt betreiben. Dort ist die Auswahl an Pflanzen noch gering. Leere Paletten warten vor dem Laden nach genau zwölf Wochen auf die erste Lieferung. Die, verspricht der 17-Jährige, komme noch heute an. Darüber sei er sehr froh.

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Obwohl die tschechische Regierung seiner Familie in den vergangenen Monaten gestaffelt Hilfsleistungen in Höhe von insgesamt 48.500 Kronen (etwa 1.830 Euro) zukommen ließ, habe das gerade so zum Überleben gereicht.

Leere und Langeweile

Denn nicht nur die weggebrochenen Einnahmen machten den Vietnamesen das Leben schwer. "Nach der Grenzschließung haben wir noch ein paar Tage offen gehabt. Aber es kamen zu wenig Kunden. Wir mussten viele Blumen wegschmeißen", erklärt Son Lethe in gebrochenem Deutsch. Sein Alltag als Schüler sei infolge der Schutzmaßnahmen nur unwesentlich beeinflusst worden. "Ich habe eben zu Hause gelernt. Aber meine Eltern, die haben sich gelangweilt." Sie hätten begonnen, Schutzmasken zu nähen, und sie an ältere Menschen zu verschenken. Alles in allem sei es in dem kleinen Schluckenauer Ortsteil vor allem eines gewesen: "leer".

Bereits vor der offiziellen Grenzöffnung um 12 Uhr mittags fanden an der deutsch-tschechischen Grenze keine Kontrollen mehr statt. Das nutzten auch in Sohland zahlreiche deutsche Autofahrer. Neben regionalen Kennzeichen waren auch viele auswärtige zu sehe
Bereits vor der offiziellen Grenzöffnung um 12 Uhr mittags fanden an der deutsch-tschechischen Grenze keine Kontrollen mehr statt. Das nutzten auch in Sohland zahlreiche deutsche Autofahrer. Neben regionalen Kennzeichen waren auch viele auswärtige zu sehe © SZ/Uwe Soeder

Während bereits Freitagnachmittag die Ortsdurchfahrt wieder von zahlreichen Autos mit deutschen Nummernschildern bevölkert wird, sieht es in den kleinen Büdchen links und rechts der Straße noch weitgehend verlassen aus. Im Gegensatz zum Minimarket versperren vor anderen Läden Gitter den Zugriff auf Hundekörbe, Radkappen und Vogelhäuschen. Im kleinen Spree-Laden direkt hinter der Grenze sind die Lichter aus; ebenso im großen Travel-Free und an vielen Tankstellen. Allein an der Aral-Tankstelle kann bereits wieder billig Sprit gezapft werden. 1,03 Euro kostet der Liter Benzin – etwa 20 Cent weniger als an den deutschen Tankstellen in Grenznähe.

Rückkehr in die Normalität

Ein Schnäppchen, das sich auch eine Wilthenerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, nicht entgehen lässt. Sie habe, erzählt sie, auf dem Weg nach Bautzen aus dem Radio erfahren, dass die Grenze früher als geplant wieder passierbar würde. Auf dem Rückweg habe sie die Gelegenheit genutzt – und tankt nun ihren silbernen Ford auf. "Wenn Sie die Preise hier mit denen an der Tankstelle in Kirschau vergleichen, ist das schon ein himmelweiter Unterschied. Aber wir hatten ja in den vergangenen Wochen keine andere Wahl", sagt sie, während der Zapfhahn beharrlich Sprit in den Tank pumpt. 

Doch nicht nur ob der offensichtlichen Ersparnis freut sie sich, dass der Weg ins benachbarte Tschechien wieder offen steht. "Ausflüge mit der Familie, mal schnell was essen gehen – alles das fand ja nicht mehr statt. Es wird Zeit, dass es endlich wieder normal wird", sagt sie. Dann blickt sie zu einem kleinen Büdchen auf der anderen Straßenseite: "Mal ganz abgesehen von den armen Leuten hier. Die leben doch von den Deutschen."

Obwohl die Händler bereits vor mehreren Tagen aus der tschechischen Presse von der bevorstehenden Grenzöffnung erfuhren, verlief der Auftakt in den Lädchen eher schleppend. Vor zahlreichen Buden und Ständen blieben die Gitter am Freitag noch zu.
Obwohl die Händler bereits vor mehreren Tagen aus der tschechischen Presse von der bevorstehenden Grenzöffnung erfuhren, verlief der Auftakt in den Lädchen eher schleppend. Vor zahlreichen Buden und Ständen blieben die Gitter am Freitag noch zu. © SZ/Uwe Soeder

Davon kann auch Dat Tran Ngoc ein Lied singen, der wenige Meter weiter Zigaretten in die Regale des Restaurace und Shop Richard räumt. In nur wenigen Monaten wurde das rot-graue Haus, in dem sich das Unternehmen befindet, gebaut. Kurz vor Fertigstellung und der großen Eröffnung kam die Grenzschließung. Natürlich sei das ein Schock gewesen. Umso mehr habe er sich gefreut, als er vor einigen Tagen aus der tschechischen Presse erfuhr, dass er an diesem Freitag wieder öffnen könne. Viel Zeit zum Erzählen hat er nicht. Eine Schlange hat sich in dem Laden gebildet. Eine Verkäuferin schwenkt Zigarettenstangen und ruft jedem Kunden fröhlich entgegen: "Willst du auch Zigaretten kaufen?"

Beim Weg zurück auf die deutsche Seite der Grenze verrät emsiges Treiben und Räumen hinter den Gitterzäunen, dass auch viele andere Buden und Lädchen im Verlauf des Wochenendes ihre Tore wieder aufsperren werden. Erst dann wird sich zeigen, wie viele von ihnen nach der Corona-Pause tatsächlich noch mit Hundekorb, Radkappe und Vogelhaus die Schnäppchenjäger locken. 

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