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Deutschlands beste Breakdancer sind Sachsen

The Saxonz tanzen in neuer, olympischer Dimension und bleiben dabei doch ihrem alten, urbanen Straßenzirkus treu.

Felix Roßberg (links), Philip Lehmann (Mitte) und Alexander Miller haben The Saxonz 2013 in Dresden gegründet.
Felix Roßberg (links), Philip Lehmann (Mitte) und Alexander Miller haben The Saxonz 2013 in Dresden gegründet. © Matthias Rietschel

Es bleibt ein Balanceakt, geht ums Abwägen zwischen Altem und Neuem. „Wir vergessen nicht, wo unser Tanz herkommt“, sagt Philip Lehmann. Doch weder er noch Alexander Miller oder Felix Roßberg hat auf der Straße angefangen, dafür jeder einen Spitznamen, wie üblich in der Breaking-Szene: Lehmi, Kelox und Rossi. Daher möchten die Gründer der Gruppe The Saxonz auch beim Foto ohne Klischee auskommen. „Bloß keine Aufnahme vor Graffiti“, sagt Kelox. „Das ist doch abgegriffen.“ Also lassen sie sich auf einem Spielplatz ablichten – posend, sitzend, stehend, mit oder ohne Basecap.

„Wir wollen von dem Bild wegkommen, Breaking sei ein bisschen Rumhopsen auf der Straße“, sagt Lehmi. „Wir können mehr, als uns lustig auf dem Kopf zu drehen.“ Er hält seinen Körper auf einer Hand. Die Wurzeln reichen bis in die frühen 1970er-Jahre zurück. Damals streiten afroamerikanische Jugendliche sich tänzerisch in den Fußgängerzonen von Manhattan und der südlichen Bronx in New York zu Hip-Hop-Musik aus ihren Ghettoblastern. Der Film Beat Street macht diese coolen Typen mit ihrer Alternative zur Gewalt ab 1984 weltweit bekannt.

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Er ist älter als die The-Saxonz-Köpfe und beeinflusst sie. „Ich wusste gleich: Diese Art, sich zur Musik zu bewegen, ist es“, sagt Lehmi. Breaking bestimmt ab 2002 sein Leben. Er macht daraus seinen Beruf. „Wir reden miteinander per Körpersprache.“ Wie bei Ballett und klassischem Tanz fangen B-Boys und B-Girls jung an, brauchen Technikschule, Kraft- und Muskeltraining. „Viele ahnen nicht, was dahinter steckt. Ballettausbildung wird staatlich anerkannt. Man weiß, wie anstrengend das ist. Doch auch bei uns geht es um extreme Körperbeherrschung“, sagt der 32-Jährige.

Kelox sieht die 1980er-Jahre auch kritisch. Er spricht von einer finsteren Zeit, „in der es Leute gab, die Breaking ausschlachteten, kommerzialisierten und davon profitierten“. Anschließend sei der erste Aufschwung vorbei gewesen. In den 1990er-Jahren beginnt die Szene, konstant zu wachsen, auch in Sachsen.

Der Chemnitzer Verein Kraftwerk bietet Breaking seit 1993 im Training an. Die Besten treiben es immer weiter auf die Spitze. „Wenn sich Ende der 1990er-Jahre einer auf einer Hand sechsmal drehte, war das utopisch“, sagt Lehmi. Inzwischen gebe es Tänzer, denen 30 Runden gelingen.

Rossi beginnt 2003 auf einer Gartenparty. Die ersten Schritte lernt er vom mehrfachen DDR-Meister Heiko Hahnewald. Irgendwann finden sie zueinander. „Die sächsischen Breaking-Gruppen in Chemnitz, Dresden und Leipzig waren schon lange gut vernetzt“, sagt Kelox. Doch jede für sich sei nicht besonders leistungsstark gewesen. Sie bündeln ihre Kräfte und kümmern sich um eine bessere Nachwuchsarbeit. „Wir wollten Sachsen vertreten und nicht mehr einzelne Städte.“ 2013 gründen sie The Saxonz – eine verschworene Gemeinschaft der besten Tänzer.

Von Anfang an bewegt sie sich zwischen Tanz, Theater und Wettbewerb. Ihr Plan geht auf und es danach Schlag auf Schlag. Die Crew spielt auf Dresdner Bühnen, im Europäischen Zentrum der Künste im Festspielhaus Hellerau sowie im Staatsschauspiel. Sie gastiert mit ihren Shows bei Auto- und Modehäusern, Gesundheitskassen und Verbänden. Die Formation tourt durch Belgien, Großbritannien, Italien, Österreich, Russland, Südkorea, die Ukraine und die USA. Sie gewinnt Preise in Frankreich, den Niederlanden und die deutsche Meisterschaft 2014 als erste Sachsen seit 1999. Die Gruppe verteidigt den Titel 2015 als erste Breaking-Truppe. Sie wiederholt diesen Erfolg 2019.

Die Siege öffnen Türen – auch zur Staatskanzlei. Sie gibt im Rahmen ihrer Kampagne „So geht sächsisch“ einen Film in Auftrag. „Life is a dance“ entsteht. Die Bilder von Handständen auf Sandsteinkuppen gehen seit 2015 um die Welt und die Zugriffe im Netz „durch die Decke“, sagt Lehmi. Millionenfach klicken Nutzer den Streifen an. Er bekommt einige Preise, darunter den fürs Webvideo 2016 in der Kategorie Sport. „Einige von uns dachten, sie könnten in Rente gehen“, sagt Lehmi.

„Außergewöhnlich war in jedem Fall der Dreh im Elbsandsteingebirge“, sagt Rossi. „Da mussten wir früh morgens um vier Uhr raus, um das richtige Licht zu erwischen.“ Sie hätten es gejagt, seien ihm auf der Spur gewesen. „Dann kletterten wir auf die Felsen und tanzten oben auf Kommando und ohne Sicherung, während die Drohne mit der Kamera um uns herum flog. Das war ein besonderer Moment.“

Dabei bleiben The Saxonz immer ihren Wurzeln treu. Sie veranstalten am Samstag zum zweiten Mal nach 2019 den Street Circus in der Ballsportarena. Bei der Show der urbanen Artisten treten Parkourläufer, Frisbee- und Seiltanz-Weltmeister zu Rap-Sound auf. Am 14. Mätz gestaltet die Crew bei der langen Nacht der Dresdner Theater das Programm in Hellerau. Das Haus und die Formation kooperieren schon länger.

Diesen Part übernimmt Kelox. Er studiert Choreografie an der Palucca-Schule. Der 31-Jährige führt die Gruppe künstlerisch und kann vom Breaking genauso leben wie die sportlichen Leiter Lehmi und Rossi. Letzterer kümmert sich derzeit um das nächste Projekt: Breaking bei Olympia. Das Internationale Olympische Komitee entscheidet 2020 über die Aufnahme ins Programm der Sommerspiele 2024 in Paris.

Dafür strafft Rossi die bisher recht losen Strukturen. Ein Verein existiert, um an Fördergeld für Projekte zu gelangen. Kontakte mit Landes- und Deutschem Olympischen Sportbund sowie Deutschem Tanzsportverband gibt es. Beim DTB laufen die Fäden zusammen. „Wir möchten einen eigenen Verband gründen“, sagt der 31-Jährige und erklärt es so: Breaking unterscheide sich doch stark vom klassischen Standardtanz.

Balanceakt zwischen Altem und Neuem

Er sieht weitere Aufgaben auf die Szene zukommen: „Wir müssen Trainer ausbilden und Programme erarbeiten.“ An Talenten mangelt es nicht. Der Physiotherapeut spricht von vielen jungen B-Boys und B-Girls auf dem Leistungshöhepunkt. „Wir müssen auf die nächste Generation blicken.“

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 Er appelliert an die Tänzer: Sie müssten sich früh entscheiden, ob sie sich künftigen Regeln von Olympia stellen möchten. Rossi weiß, dass nicht alle die Begeisterung dafür teilen. Schließlich ist Breaking aus einer Subkultur entstanden. Viele wollten diese Tanzszene ungebunden und ohne große Regeln leben. Es bleibt ein Balanceakt zwischen Altem und Neuem.

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