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Deutschlands erster verständlicher Patientenbrief

Dresdner Mediziner machen Schluss mit dem Ärztelatein. Dank einer neuen Methode.

Das Ärztelatein wollen Dresdner Mediziner in verständliches Deutsch übersetzen.
Das Ärztelatein wollen Dresdner Mediziner in verständliches Deutsch übersetzen. © Rolf Vennenbernd/dpa (Symbolbild)

Was hab’ ich? Wenn Patienten nach einem Arztbesuch ihren Befund lesen, verstehen sie meist Bahnhof. Deshalb nutzen immer mehr Menschen die gleichnamige Internetplattform in Dresden. Dort werden die Befunde von Ärzten und Medizinstudenten in eine verständliche Sprache übersetzt – ein kostenloses Angebot, das laut Geschäftsführer Ansgar Jonietz bereits mehr als 40.000 Menschen geholfen hat. 

Nun geht das gemeinnützige Unternehmen einen Schritt weiter: Patienten des Dresdner Herzzentrums erhalten zusätzlich zum Entlassbrief einen leicht zu verstehenden Patientenbrief – übersetzt von einem Computerprogramm. Das Projekt ist einmalig in Deutschland. Wie funktioniert das? Und ist es möglicherweise ein Vorbild für alle Kliniken?

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Was ist eigentlich ein Patientenbrief?

Krankenhäuser dokumentieren alle Untersuchungen, Befunde, Behandlungen und verordneten Medikamente in einem Arzt- bzw. Entlassbrief. Er dient in erster Linie zur Information des behandelnden Arztes, der die Einweisung veranlasst hat. Auch Patienten können den Brief zur Information nutzen, allerdings ist er in der Regel schwer verständlich. „Die mit Fachtermini vollen Dokumente geben nur wenig oder unzureichend Aufschluss über das Krankheitsbild und verunsichern Patienten“, sagt Professor Axel Linke, Ärztlicher Direktor am Herzzentrum Dresden.

Welchen Nutzen erhofft man sich von verständlichen Patientenbriefen?

„Arzt-Patienten-Gespräche finden häufig unter zeitlichem oder auch emotionalem Druck statt“, sagt Jonietz. „Bis zu 80 Prozent der Informationen sind bereits wieder vergessen, sobald die Tür des Arztzimmers hinter dem Patienten zufällt.“ Der Arztbrief könnte hier eine gute Hilfe sein – wenn ihn der Patient verstehen würde. „Je besser die Patienten informiert sind, desto konsequenter ist ihre Therapietreue“, bestätigt Professor Antje Bergmann. Die Allgemeinmedizinerin begleitet mit ihrem Team von der TU Dresden das Vorhaben wissenschaftlich und hat bereits Erfahrungen bei einem ähnlichen Projekt an einer Klinik in Bad Ems gesammelt. 

Ergebnis: Patienten verstehen ihre Diagnosen, Untersuchungen und Medikationspläne besser und gewinnen dadurch Sicherheit im Umgang mit Erkrankungen und Behandlungen. Dies sei auch für die niedergelassenen Ärzte hilfreich, weil die Patienten bereits vorbereitet in das Gespräch kommen.

Wie wird der Arztbrief eigentlich übersetzt?

Die Experten von „Was hab’ ich?“ haben im Laufe der Jahre über 10 000 Fachbegriffe in eine verständliche Sprache übersetzt und in Textbausteine integriert. Die Textbausteine gibt es zu Diagnosen, Untersuchungsverfahren, Medikamenten und Behandlungsempfehlungen. Beim Pilotprojekt in Bad Ems übermittelte die Klinik die Arztbriefe verschlüsselt an „Was hab’ ich?“. Dort wurden sie mithilfe der Software in Patientenbriefe umgewandelt und wiederum elektronisch an die Klinik versandt. Die Klinik druckte die Briefe aus und verschickte sie per Post an die Patienten. 

Bei dem neuen Projekt am Herzzentrum Dresden geht das noch einfacher: Übersetzungssoftware und Klinik-IT sind miteinander verbunden und ermöglichen einen direkten Datenaustausch. Der gesamte Prozess – von der Zusammenstellung der Textbausteine bis zum Ausdruck des Briefes am Abend – läuft automatisch ab. Das heißt: Weder Ärzte noch anderes Personal werden zusätzlich beansprucht. Kleines Manko: Wegen eines Softwareproblemens sind verständliche Informationen zu den Medikamenten noch nicht im Brief enthalten. Der Bund fördert das Projekt mit insgesamt 870 000 Euro.

Erhalten alle Patienten am Herzzentrum diesen Brief?

Nein. Patienten müssen zunächst einwilligen, dass sie an dem Projekt teilnehmen möchten. Ziel ist es, innerhalb von zwölf Monaten 2 300 Patienten dafür zu gewinnen. Von ihnen wird allerdings nur die Hälfte einen Patientenbrief erhalten. Nur so können die Wissenschaftler durch Befragungen am Ende Vergleiche ziehen und den Nutzen des Patientenbriefes nachweisen. Bisher wurden knapp zwei Dutzend Patientenbriefe verschickt.

Kann der Patientenbrief den Arztbrief ersetzen?

„Der Patientenbrief enthält nur Basiswissen und ist deshalb eine vielversprechende Ergänzung zum regulären Arztbrief“, sagt Prof. Linke. Klinikärzte müssten ihren Patienten bei der Entlassung auch künftig in verständlichen Worten erklären, was warum und mit welchen Konsequenzen getan wurde. Ein Nachteil der Software sei, dass sie nicht zwischen wichtigen und weniger bedeutungsvollen Informationen wichten könne.

Wird es die Patientenbriefe künftig auch an anderen Kliniken geben?

Das ist der Plan. Laut Jonietz laufen bereits Gespräche mit anderen Fachbereichen. Aus Sicht von Prof. Bergmann ist etwa eine Erprobung an einer Onkologie-Klinik wünschenswert. Das Herzzentrum habe man gewählt, weil die Zahl der Prozeduren hier überschaubar sei. Die Ärztin ist zuversichtlich, dass künftig noch sehr viel mehr Patienten einen verständlichen Entlassbrief erhalten: „Was in Sachsen funktioniert, sollte auch bundesweit funktionieren.“ Und vielleicht braucht irgendwann niemand mehr die Hilfe von „Was hab’ ich?“.

Ärztelatein – Patientendeutsch

Endosonographie – Transösophageale Echokardiographie: Ihr Herz wurde mit Ultraschall untersucht.

Akute Blutungsanämie: Sie haben stark geblutet. Deshalb haben Sie zu wenig roten Blutfarbstoff im Blut.

Reine Hypertriglyzeridämie: Sie haben zu viel Fett im Blut.

Hyperurikämie: Sie haben zu viel Harnsäure im Blut.

Benigne essentielle Hypertonie: Ihr Blutdruck ist dauerhaft zu hoch.

Alter Myokardinfarkt: Sie hatten in der Vergangenheit einen Herzinfarkt.

Sonstiger Pruritus: Ihre Haut juckt.

Anlegen eines aortokoronaren Bypass – Bypass zweifach mit autogenen Arterien: Sie hatten eine Bypass-Operation. Dabei wurden verengte Herz-Kranzgefäße durch Ersatz-Blutgefäße überbrückt.

Intraoperative Blutflussmessung: Während der Operation wurde bei Ihnen der Blutfluss gemessen.

Quelle: Herzzentrum Dresden Universitätsklinik

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