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Deutschlands größte Dorfkirche gesperrt

In Cunewalde droht Gefahr, weil Stuck herabfällt. Doch die wichtigste Weihnachtstradition ist gerettet.

Mit solchen Lichterpyramiden, wie Pfarrer Friedemann Wenzel eine in den Händen hält, ziehen rund 35 Kinder und Jugendliche am Heiligabend in die Cunewalder Kirche ein. Auch dieses Jahr soll so sein – obwohl die Kirche zurzeit gesperrt ist.
Mit solchen Lichterpyramiden, wie Pfarrer Friedemann Wenzel eine in den Händen hält, ziehen rund 35 Kinder und Jugendliche am Heiligabend in die Cunewalder Kirche ein. Auch dieses Jahr soll so sein – obwohl die Kirche zurzeit gesperrt ist. © Steffen Unger

Cunewalde. War das ein Schreck, als ein Mitglied des Kirchenvorstandes ein faustgroßes Stück Stuck auf dem Fußboden der Cunewalder Kirche fand. Es konnte nur von der 13 Meter hohen Decke herabgestürzt sein. „Zum Glück lag es hinter dem Altar, wo sich eigentlich niemand aufhält“, sagt Pfarrer Friedemann Wenzel, der sich lieber nicht vorstellen will, was passiert wäre, hätte jemand den Brocken abbekommen.

Zusammen mit Baufachleuten sah er sich die Stuckelemente an der Kirchendecke näher an. Dabei wurde festgestellt, dass sich mehrere Teile gelockert haben, weitere Abstürze also nicht auszuschließen sind. Bisher war das nicht aufgefallen, obwohl die Kirchgemeinde laut Aussagen von Friedemann Wenzel aller zwei, drei Jahre Begehungen vornimmt. „Es gibt Spalten zwischen den einzelnen Stuck-Elementen. An einer Stelle fehlt sogar eine Ecke“, beschreibt Friedemann Wenzel und zeigt auf verschiedene Stellen an der Kirchendecke. 

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Von unten ist kaum etwas zu sehen. Doch von der oberen Empore aus, kann man einige schadhafte Stellen erkennen. Ob davon Gefahr ausgeht, kann im Moment niemand sagen. „Man müsste mal daran rütteln, um festzustellen, ob die Teile trotzdem noch halten“, sagt der Pfarrer. Doch um an alle Stellen heranzukommen, braucht man ein großes Gerüst. „Es nur für die Ursachenforschung aufzustellen, ist einfach zu teuer“, kommentiert Friedemann Wenzel. Um jegliche Gefahr auszuschließen, hatte sich der Kirchenvorstand sofort nach dem Fund des Stuck-Brockens entschlossen, die Kirche zu sperren. 

Aber sie ist nicht komplett geschlossen. Schließlich zieht das Gebäude, das mit seinen 2.600 Sitzplätzen als größte evangelische Dorfkirche Deutschlands gilt und Teil der touristischen Route Via Sacra ist, die herausragende sakrale Bauwerke und Kunstschätze in der Euroregion Neiße vernetzt, zahlreiche Besucher an. Führungen gibt es trotz der Sperrung. „Die Teilnehmer dürfen sich dabei aber nur unter den Emporen aufhalten“, betont Wenzel.

Gottesdienste jetzt im Kirchgemeindehaus

Die Gottesdienste finden seit Mitte Oktober an anderer Stelle statt, zuerst in der Friedhofskapelle, jetzt im Saal des Kirchgemeindehauses. Das sei kein Problem, sagt der Pfarrer. Denn ab dem ersten Advent eines jeden Jahres bis zum Sonntag vor Ostern werden die Gottesdienste ohnehin nicht in der Kirche abgehalten. Große Sorgen bereitet den Mitgliedern der Kirchgemeinde und vielen anderen Menschen jedoch die Frage, ob der traditionelle Lichterzug zur Christnacht ausfallen muss. Er ist der Höhepunkt im Jahr und eine Cunewalder Besonderheit. 

Rund 35 Konfirmanden und andere Jugendliche ziehen nach der Predigt mit Lichterpyramiden, an denen echte Kerzen brennen, in die abgedunkelte Kirche ein. Vor dem Altar versammeln sie sich zu einem großen Lichtermeer. Diese Pyramiden dienten einst armen Leuten als Ersatz für teure Weihnachtsbäume. Ungefähr 50 Stück werden heute noch in Cunewalder Familien gepflegt und nur für den Lichterzug am Heiligabend aus der Hand gegeben. Das Ereignis zieht jedes Jahr um die 2.000 Besucher in die Cunewalder Kirche. So soll es auch diesmal sein.

„Der Lichterzug findet wie gewohnt statt“, betont Friedemann Wenzel. Die Sicherheit der Besucher garantieren große sehr engmaschige Netze, die unter der kompletten Decke gespannt werden. Eine Firma wird das am 18. Dezember erledigen. Die Kosten dafür trägt die Kirchgemeinde.

Zuerst muss das Dach erneuert werden

Die Netze bleiben so lange hängen, bis der Stuck an der Decke saniert worden ist. Das kann allerdings fünf bis zehn Jahre dauern. „Unser Plan ist es, erst das Kirchendach zu erneuern und in einem nächsten Schritt den Stuck in Ordnung zu bringen“, berichtet Friedemann Wenzel. Dass das voraussichtlich so lange dauert, liegt daran, dass erst Planungen notwendig sind und die Finanzierung geklärt werden muss. Klar ist schon, dass das Dachgebälk in Ordnung ist. Dass weiß der Kirchenvorstand, weil vor etwa zwei Jahren Voruntersuchungen für die schon länger angestrebte Sanierung des Daches vorgenommen wurden.

Bis zur Ausführung der Arbeiten kann die Kirche dank der Netze wieder ohne Einschränkungen genutzt werden. Alle geplanten Konzerte und anderen Veranstaltungen finden statt, betont der Pfarrer. Die Probleme mit dem Stuck sieht er „nicht als Drama“ an. Sie seien ein Zeichen dafür, „dass etwas in der Kirche getan werden muss“. „Unsere dringendste Aufgabe ist es, Gefahr für Leib und Leben auszuschließen – und das tun wir durch die Notsicherung mit den Netzen“, sagt Friedemann Wenzel.

Lichterzug 2014
Lichterzug 2014 © Archivfoto: Wolfgang Wittchen
Lichterzug 2014
Lichterzug 2014 © Archivfoto: Wolfgang Wittchen
Lichterzug 2014
Lichterzug 2014 © Archivfoto: Wolfgang Wittchen

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