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Devise: Augen auf, immer freundlich bleiben und durch

Nüchtern rechnende Kaufleute für Benzin und Diesel geben den aktuellen Preis für den Liter Super Plus mit etwa 2,20 DM an - plus-minus fünf Pfennige. Kein Händler verlangt ihn. Noch nicht! Die Kraftfahrer aber schimpfen schon - erst an der Zapfsäule, dann an der Kasse.

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Von Reinhard Kärbsch

Nüchtern rechnende Kaufleute für Benzin und Diesel geben den aktuellen Preis für den Liter Super Plus mit etwa 2,20 DM an - plus-minus fünf Pfennige. Kein Händler verlangt ihn. Noch nicht! Die Kraftfahrer aber schimpfen schon - erst an der Zapfsäule, dann an der Kasse. Und zahlen. Wie sehen das aber die "Freien" und "Kleinen" unter den Kraftstoff-Händlern?
Günter Hetmank, Leiter Service der Agrargenossenschaft Liebenau e. G., hat schon bessere Zeiten mit den zwei Tankstellen in Liebenau und Jesau erlebt. "Nichts bleibt mehr für uns hängen. Der Treibstoff läuft bei uns zu null durch. Die Schmerzgrenze haben wir längst überschritten." Für den Außenstehenden bleibe die Preispolitik der Produzenten und Großhändler undurchschaubar, meint er. Teilweise mussten die Genossenschaftler schon acht Pfennige pro Liter zulegen. "Da müssen wir durch und durchhalten. Wir haben ja mehrere Standbeine als Landwirtschaftsbetrieb."
Andere setzen auf Hoffnung, Ausdauer und Humor. Wie Simone Witt, die die Tankstelle an der Kamenzer Macherstraße leitet. Manche Kunden schimpften schon ganz ordentlich. "Unverschämt" zählt, das bestätigen auch andere Händler, noch zu den harmlosen Worten. Was sie treffe, seien die direkten Schuldzuweisungen. "Viele Menschen wissen nicht, wie die Dinge wirklich liegen. Nicht wir machen die Preise, und wir gewinnen auch nichts bei den Preisschwankungen." Pächter hätten eine vorher festgelegte Provision, klärt sie auf. Das sage sie auch den Kunden. Und: "Heben Sie den Kassenbon auf für die Enkel, damit diese erfahren, wie billig mal das Benzin in Deutschland war."
Jürgen Felfe betreibt die Tankstelle "An der Windmühle" in Kamenz. Eine "so große Wut" auf die Preise habe er nicht feststellen können. Er führe jetzt mehr Gespräche mit den Kunden und stelle mit ihnen fest, "dass es immer die Kleinen treffe, den Kraftfahrer, den Fuhrunternehmer und den Tankstellenpächter". Und alle würden jetzt mehr als zuvor auf den einen Pfennig achten, der den Unterschied ausmacht.
Kerstin Hörig von einer Königsbrücker Tankstelle wundert sich über das Hoch und Runter am Markt nicht. Sie stellt zwar auch fest, dass Kunden über die Zusammensetzung des Preises so gut wie nichts wüssten und schimpften. Aber sie spricht auch von der Umkehrung: "Früher haben die Freien versucht, die Preise nach unten zu treiben wegen des Geschäfts, jetzt machen es die Großen." Das seien ja die Gepflogenheiten, um zu verkaufen und am Markt zu bleiben.
Das sind die Domschkes in Schwepnitz seit über 40 Jahren. Schon zu DDR-Zeiten betrieben sie eine Tankstelle. "Klar, jetzt müssen wir die Leute beruhigen und freundlich bleiben. Aber die Kunden laufen nicht weg", freut sich Gisela Domschke. Diese müssten da durch - und die Pächter auch. "Anpassen an die Entwicklung, was anderes bleibt uns nicht. Wir haben doch gelernt, aus Dreck Bonbons zu machen. Die haben wir schon, nur müssen wir sie noch ins Papier wickeln", gibt sie sich letztlich optimistisch.