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Dezentes Werben um Schweizer Investoren

Görlitz geht auf Zürcher Reise-Messe, präsentiert sich bei der Commerzbank in Zürich. Briefaktionen soll es aber nicht geben.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Sebastian Beutler

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Wenn morgen die Ferien-, Sport- und Freizeitmesse in Zürich öffnet, ist Görlitz mit von der Partie. Am Stand der Deutschen Tourismuszentrale wird die Neißestadt bis Sonntag bei der größten schweizerischen Reisemesse auf sich aufmerksam machen. Für Thomas Klatte ist die Schweiz ein wichtiges Herkunftsland der Görlitzer Touristen. Auch die aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes in Kamenz, die für die ersten elf Monate des vergangenen Jahres vorliegen, bestätigen die Ansicht des Chefs der Europastadt GmbH. Danach buchten von allen ausländischen Gästen in der Stadt die Schweizer mit 1 720 Übernachtungen die meisten. Im Vergleich mit den 231 000 Nächten, die Touristen in Görlitzer Hotels und größeren Pensionen verbrachten, ist das noch ein geringer Anteil. Aber immerhin: jede zehnte Nacht eines Besuchers aus dem europäischen Ausland bezahlt ein Schweizer in Görlitz. Allerdings: 2013 waren es noch deutlich mehr. Görlitz muss also um die Gunst der Schweizer werben. Das könnte seit zehn Tagen leichter gehen. Seit die Schweizer Nationalbank den Franken von der festen Bindung an den Euro gelöst und damit freigegeben hat, ist der Wert der Schweizer Währung um 20 Prozent gestiegen. Mithin ist das Urlauben in Görlitz und der Oberlausitz für die Schweizer über Nacht 20 Prozent billiger geworden.

Stellt Skan AG mehr Leute ein?

Ganz ähnlich stellt sich die Lage für die Schweizer Wirtschaft da. Die Produktion im Lande ist auf einen Schlag um 20 Prozent teurer geworden. Da ist manch einer glücklich, dass er schon vor ein paar Jahren Betriebe in der EU oder Deutschland eröffnet hat, die jetzt stärker ausgebaut werden können, um den starken Franken zu umgehen. So geht es auch Rolf Henzmann, der die Geschäfte bei der Skan AG bei Basel führt. Angelockt von den Werbebriefen des damaligen Görlitzer Wirtschaftsförderers Lutz Thielemann, sah sich Henzmann 2012 in Görlitz um – und entschied sich im Industriegebiet Hagenwerder einen Betrieb aufzubauen. Dabei legt der Unternehmer bis heute Wert darauf, dass die Investitionsentscheidung für Görlitz nicht nur wegen der Währung fiel, sondern auch wegen der Nähe zu Polen und Tschechien und weil die Stadt mitten in der EU liegt.

Mittlerweile läuft die Produktion von Anlagen für die pharmazeutische und chemische Industrie im Süden von Görlitz. 15 Mitarbeiter zählt die Belegschaft. Henzmann ist mit der Investition zufrieden. „Wir haben gute Leute gefunden, eine gute Firmenkultur aufgebaut und durchweg positive Erfahrungen gemacht.“ Bislang wollte die Skan AG bis Ende des Jahres weitere 15 Stellen im Görlitzer Werk schaffen. Doch seit der Nationalbank-Entscheidung sind die Pläne überholt. „Es könnte durchaus sein, dass wir mehr Jobs in Görlitz schaffen.“ Ähnliche Überlegungen könnten auch andere anstellen. Der Görlitzer Wirtschaftsförderer Thomas Klatte berichtet von Anrufen Schweizer Firmen. Der eine oder andere erinnert sich jetzt der Briefe, die Görlitz 2011 an 1 500 deutschsprachige Unternehmer in der Schweiz verschickte. Wiederholen will Klatte die Aktion seines Vorgängers aber nicht. Er setzt auf einen anderen, dezenteren Weg. Ende Februar wird sich der Wirtschaftsstandort Görlitz den Firmenbetreuern der Commerzbank in deren Zürcher Filiale vorstellen. Klatte, der früher mal bei der Commerzbank tätig war, nutzt alte Kontakte für seinen neuen Job. Die Pläne für die Präsentation sind dabei nicht erst gestern entstanden, schon seit vergangenem Jahr arbeitet er mit der Commerzbank an dem Vorhaben. Dass es ausgerechnet jetzt Gestalt annimmt, ist eine glückliche Fügung. Klatte will aber nicht nur das Währungsgefälle ansprechen, sondern vielfältig für die Möglichkeiten an der Neiße werben: die zunehmende Suche nach Fachkräften, die Grundstückspreise und -verfügbarkeiten, den Branchenmix und vieles mehr. Zugleich versuchen seine Mitarbeiter telefonisch persönlichen Kontakt zu Firmenchefs in der Schweiz zu knüpfen, die nach Görlitz passen. Von der Branche her, aber auch von der Unternehmensgröße. Es seien klassische Mittelständler, sagt Klatte, die die Europastadt anspreche.

Klatte wird sich an dem Erfolg der aggressiven Werbestrategie seines Vorgängers in der Schweiz messen lassen müssen. Die war zwar hoch umstritten, doch war Görlitz dadurch in aller Munde. Schweizer Tageszeitungen wie die Neue Zürcher Zeitung berichteten ganzseitig über die Görlitzer Charmeoffensive bei den Eidgenossen. Firmen wie der Fahrzeugbauer Notterkran siedelten sich tatsächlich in Görlitz an. Dass die Stadt noch immer an Schweizer Investoren interessiert ist, weiß die Wirtschaftsförderer-Branche noch heute. So bot die Deutsch-schweizerische Außenhandelskammer der Stadt an, sich in der April-Ausgabe von deren Zeitschrift vorzustellen, die in der Schweiz vertrieben wird. Ebenso im Internet-Magazin. Görlitz griff gern zu.