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Diese Frau will den DFB aufmischen

Ute Groth möchte DFB-Präsidentin werden. Im Interview spricht sie über nervige Funktionäre, marode Vereine – und was sie ändern würde.

Ute Groth ist Vereinsvorsitzende der DJK TuSA 06 Düsseldorf. Jetzt hat die 60-Jährige ihre Bewerbung als Präsidentin des DFB eingereicht.
Ute Groth ist Vereinsvorsitzende der DJK TuSA 06 Düsseldorf. Jetzt hat die 60-Jährige ihre Bewerbung als Präsidentin des DFB eingereicht. © dpa

Frau Groth, nachdem Sie am 5. April Ihre Bewerbung um das Amt des DFB-Präsidenten nach Frankfurt geschickt hatten, wuchs Ihnen die Sache medial rasch über den Kopf. Haben Sie das inzwischen im Griff?

Es ist deutlich ruhiger geworden. Es gibt zwischendurch immer noch mal ein paar Anfragen. Aber ich muss nicht mehr jeden Tag zwei oder drei Interviews geben, wie ich es ja teilweise gemacht habe. Es ist ruhiger – auch, weil keiner weiß, was passiert. Ich denke, das ist vom DFB so gewollt. Ich kann im Moment nichts anderes machen als abwarten.

Das ist vom DFB so gewollt – wie meinen Sie das?

Bis zum DFB-Bundestag ist es noch ein bisschen hin, aber bis Ende Juli wollen sie ja jemanden benennen oder auswählen. Weil man sich – wie ich inzwischen weiß – nicht selbst direkt beim DFB bewerben oder vorschlagen kann, haben wir von Vereinsseite her beim Fußballverband Niederrhein offiziell einen Antrag gestellt. Das wird alles irgendwie ruhig gehalten – vielleicht auch mit der Absicht, dass dann irgendwelche Fristen verstreichen. Es ist alles ein bisschen undurchschaubar.

Sie haben die Vermutung, Ihre Ambitionen könnten totgeschwiegen werden, damit sie irgendwann im Sande verlaufen. Sollte das so sein, gehen Sie wohl auf die Barrikaden, oder?

Wenn es unfair zugeht – auf jeden Fall. Ich habe mir zum Beispiel fest vorgenommen, beim Verbandstag des Fußballverbands Niederrhein vor Ort zu sein. Egal, ob ich offiziell eingeladen werde oder nicht. Es ist ja eine öffentliche Sitzung.

Am Tag des Rücktritts von Ex-Präsident Reinhard Grindel gab Rainer Koch als einer von zwei kommissarischen DFB-Präsidenten abends ein Fernsehinterview, das Ihnen ordentlich aufstieß. Was genau missfiel Ihnen an seinen Aussagen?

Herr Koch wurde in der Halbzeitpause des Pokal-Viertelfinalspiels Augsburg gegen Leipzig zu dem Thema interviewt, die Sache war da noch ganz frisch. Der Reporter fragte Herrn Koch, wie es nun weiter gehe im DFB, und ob er sich auch eine Frau als Kandidatin für das Präsidentenamt vorstellen könne. Einige waren im Vorfeld ja schon genannt worden. Herr Koch verzog daraufhin mehr oder weniger das Gesicht und quetschte hervor: Ja, auch das könne er sich vorstellen. Das hat mich geärgert. Das war so völlig halbherzig. Obwohl in der Satzung eindeutig steht, dass beide Geschlechter in Frage kommen. Aber so etwas ist in der DFB-Welt, glaube ich, noch schwer vorstellbar.

Kurz darauf haben Sie Ihre Bewerbung nach Frankfurt geschickt. War das ein kompletter Alleingang? Oder haben Sie zuvor mit jemandem gesprochen?

Nein, ich hab‘ das ganz spontan für mich entschieden. Ich hatte mich schon ein paar Jahre lang über die ganzen Geschichten geärgert, die da abliefen. Dass das immer so komisch ist mit den Vorsitzenden, das hat mich schon lange genervt. Und nun war einfach der Punkt erreicht, wo ich das Gefühl hatte: Jetzt musst du selber etwas tun, sonst passiert nichts mehr. Von der Couch aus hab‘ ich mich direkt aufgemacht und am nächsten Tag das Bewerbungsschreiben abgeschickt – und erst im Nachhinein meine Vorstandskollegen im Verein informiert.

Das große Echo auf Ihr erstes Signal, DFB-Präsidentin werden zu wollen – glauben Sie, das lag daran, dass Sie eine Frau sind? Oder dass Sie relativ unbekannt sind?

Dass das Echo so groß geworden ist, liegt definitiv nicht daran, dass ich eine Frau bin. Das liegt daran – das höre ich in allen Gesprächen und aus ganz vielen E-Mails, die ich bekomme, heraus –, dass die Leute es wirklich satt haben, dass dieses Amt Menschen innehaben, die anscheinend korrupt sind.

Der Fußball ist eine Männerwelt, immer noch und vor allem ganz oben an der Spitze. Vorm DFB-Pokalfinale präsentieren sich DFB-Vizepräsident Rainer Koch, Fifa-Präsident Gianni Infantino und Liga-Präsident Reinhard Rauball.
Der Fußball ist eine Männerwelt, immer noch und vor allem ganz oben an der Spitze. Vorm DFB-Pokalfinale präsentieren sich DFB-Vizepräsident Rainer Koch, Fifa-Präsident Gianni Infantino und Liga-Präsident Reinhard Rauball. © dpa

Welche Personen sind das, die Ihnen dieses Gefühl vermittelt haben?

Ich habe jetzt Kontakt zu Leuten, die ich irgendwann mal beruflich kennengelernt habe, mit denen ich aber teilweise zehn oder 15 Jahre nichts mehr zu tun hatte. Von denen melden sich viele zurück. Oder eine Tante von mir, weit über 70, aus Norddeutschland, die drei Mal in Ihrem ganzen Leben mit mir telefoniert hat. Die rief bei mir an und sagte: Ute, das hast du gut gemacht. Es sind ganz verschiedene Leute, aus allen möglichen Bereichen. Aus Hessen habe ich gerade eine Rückmeldung von Schiedsrichtern und Trainern bekommen, die sagen: Super, dass Sie das machen. Wir brauchen da jemanden, der mit diesem ganzen Klüngel nichts zu tun hat. Das ist irre – und hat mich total überrascht.

Rainer Koch hat Sie mit seiner Haltung auf die Palme gebracht – was aber sind die inhaltlichen Dinge, die Sie beim DFB stören? Was wollen Sie ändern?

Zum einen geht es mir darum, eine Vorbildfunktion auszuüben. Die Leute, die an der Spitze stehen, müssen ehrlich und aufrichtig sein. Das ist schon mal ganz wichtig – denn das strahlt nach unten aus, bis in den Amateurbereich hinein. Dann finde ich, dass viel zu viel Geld unterwegs ist – zum Beispiel für das Mitwirken bei Uefa und Fifa. Eine Bekannte von mir sagte mal: Wenn du das während deiner Amtszeit als DFB-Präsident machst, bist du danach Millionär. Ich finde, für ein Ehrenamt geht so etwas überhaupt gar nicht. Da muss ganz deutlich abgespeckt werden. Wenn so viel Geld übrig ist, muss das an die Amateurvereine gehen. Und nicht an irgendwelche Ehrenamtler, die ein paar Mal im Jahr irgendwelche Sitzungen machen. Das finde ich schon ziemlich heftig.

Als DFB-Präsidentin wären Sie im Zweifelsfall auch in Uefa und Fifa tätig…

… wo man von Einkünften in Höhe von 500 000 Euro im Jahr spricht. Das ist einfach unglaublich (lacht entsetzt). Der Posten des DFB-Präsidenten ist ein Ehrenamt, das ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein.

Sie würden Einkünfte aus solchen Ämtern nicht in die eigene Tasche stecken?

Der allergrößte Teil muss abgegeben werden. Dass man eine gewisse Aufwandsentschädigung bekommt, ist richtig. Das sehe ich ein, das muss sein. Ein paar hundert Euro im Jahr bekommen wir in einem kleinen Verein wie unserem auch. Man macht da ja einiges, manchmal steckt man sogar noch Geld rein. Aber die Entlohnung eines DFB-Präsidenten muss einfach angemessen sein – auch im Vergleich zu allen anderen, die so etwas machen. Die Arbeit in einem kleinen Verein ist ja auch nicht viel weniger als in so einer großen Einheit. Dabei hat der DFB sogar hauptamtliche Mitarbeiter. Da muss ein ehrenamtlicher Präsident eigentlich nur eine Richtlinienkompetenz haben und Ideen vermitteln. Also etwas anderes machen als da wirklich arbeiten.

Dollarscheine auf dem Rasen im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion, darauf die Porträts vom damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, sowie Rainer Koch und Franz Beckenbauer. Eine Protestaktion der Dynamo-Fans.
Dollarscheine auf dem Rasen im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion, darauf die Porträts vom damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, sowie Rainer Koch und Franz Beckenbauer. Eine Protestaktion der Dynamo-Fans. © Robert Michael

Was stört Sie außerdem?

Im vergangenen Jahr, bei der Geschichte mit Mesut Özil, hat der DFB auch keine besonders gute Rolle gespielt. Die Aussagen aus der Verbandsspitze in diesem Zusammenhang waren nicht stark. Und in den Stadien gibt es weiterhin Rassismus-Probleme, bis hinunter in die Kreisliga. Da muss viel mehr passieren. Außerdem müssen wir uns viel mehr um die Amateurvereine kümmern. Es gibt viele Vereine, die wirklich am Existenzminimum sind, weil sie veraltete Sportanlagen haben. Die können das aus eigener Kraft nicht schaffen, und auch die Kommunen haben teilweise nicht genug Geld. Aber gerade im Amateurbereich werden unsere Kinder ausgebildet, da werden die Fans geboren und zum Fußball gebracht. Das ist der Unterbau, der in ganz vielen Bereichen einfach marode ist. Wenn man durchs Land reist, sieht man, wie die Fußballplätze und die Vereinsheime teilweise aussehen. Da muss der DFB viel mehr unterstützen, viel mehr unternehmen.

Womöglich steckt bislang oft noch die Hoffnung dahinter, die Vereine könnten die Probleme in Eigenregie stemmen – wie etwa bei Bundesliga-Aufsteiger Union Berlin, als rund 2.000 Fans eigenhändig halfen, das Stadion auf Vordermann zu bringen.

Reinhard Grindel hat ja noch beim Amateurfußball-Kongress im Februar in Kassel seine Empfehlung wiederholt, die Vereine sollten doch ihre Mitgliedsbeiträge erhöhen. Unser Verein brauchte vor ein paar Jahren mal ein neues Gebäude für die Umkleidekabinen. Da hatten wir dann zwei Duschen, zwei Kabinen, ein paar Toiletten und einen Geräteraum dazu. Das hat 200.000 Euro gekostet. Wer soll das denn bezahlen? Das kann ich als Verein auch nicht auf die Mitglieder umlegen. Dabei ist Düsseldorf finanziell noch ziemlich gut ausgestattet, wir bekommen viele Zuschüsse. Aber es gibt andere Regionen, da gibt’s das gar nicht mehr. Dort sieht’s dann eben furchtbar schlecht aus. Und der DFB hat ja offensichtlich das Geld – wenn man zum Beispiel von seinen über 300 Millionen Euro Ertrag im Jahr hört. Das kann man schon ein bisschen anders verteilen, denke ich.

Das Interview führte Andreas Morbach.

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