merken
PLUS

Pirna

"Wir lassen niemanden hängen"

Tobias Oertel ist Chef von 250 Diakonie-Mitarbeitern, die täglich Menschen helfen. Diese Hilfe geht weiter, ist jetzt noch wichtiger und stößt doch an Grenzen.

Tobias Oertel mit dem wohl in diesen Tagen wichtigsten Stück Stoff.
Tobias Oertel mit dem wohl in diesen Tagen wichtigsten Stück Stoff. © Norbert Millauer

Nie hätte Tobias Oertel gedacht, dass ihn eine Lieferung von Atemschutzmasken so froh machen könnte. Doch es war auch noch nie eine Situation wie jetzt. Die Pirnaer Diakonie hat in 146 Jahren etliche Krisen durchgemacht. Wie sie die jetzige durchmacht, wovor Vorstand Tobias Oertel Ehrfurcht und  Angst hat, sagt er im Gespräch mit  Sächsische.de. 

Mit welchem Gedanken wachen Sie in diesen Tagen morgens auf, Herr Oertel?

TOP Jobs
TOP Jobs

Finden Sie bei Top Jobs jetzt Ihren Traumjob in der Region!

Früh ist die Zeit meist knapp. Bei dem kurzen Frühstück mit meiner Frau geht es um unsere Familienorganisation. Wer kümmert sich um was? Haben die Kinder ihre Aufgaben? Wer wird voraussichtlich wann wieder da sein? Meistens läuft der Tag dann doch anders als gedacht. Ich bin dankbar, dass wir alle gesund und unsere Kinder sehr selbstständig sind.

Sie haben Verantwortung für die Diakonie-Mitarbeiter und sehr viele Menschen, die täglich die Leistungen und Angebote in Anspruch nehmen. Um wen machen Sie sich aktuell die meisten Sorgen?

Sorge macht mir die diffuse Angst in der Bevölkerung. Das betrifft unsere Mitarbeiter genauso wie Bewohner, Gäste und Klienten. Unsere Aufgabe ist es, den Mitarbeitern Stabilität zu geben und gemeinsame Gelassenheit zu leben. Davon profitieren dann alle Menschen, die wir versorgen und betreuen.

Gelingt das?

Natürlich nicht immer. Es ist für uns alle sehr schwer einzuschätzen, wie bedrohlich dieses Virus tatsächlich ist. Daher kann ich die Unsicherheiten gut verstehen. In den hektischen Momenten sind wir als Leitungsteam aber vor Ort und lassen die Mitarbeiter nicht allein. Das hilft allen, mit der Unsicherheit umzugehen und beruhigt die Situation.

Pfleger, Krankenschwester sind die Helden der Zeit. Weil sie an vorderster Front im Einsatz sind, kein Homeoffice machen können, sich täglich Risiken aussetzen. Sind noch alle im Einsatz?

Die Liste der Helden ist noch viel länger. Es ist für mich wirklich begeisternd, wie engagiert und kreativ sich viele Mitarbeiter einbringen und pragmatisch anpacken. Homeoffice können nur die wenigsten nutzen. Die persönliche Nähe ist nun mal zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Wo es irgend geht, leben wir diese Nähe jetzt per Telefon, Skype und E-Mail. In vielen Bereichen geht das natürlich nicht. Die Arbeit in Sozialstation, Seniorenheim und Kinderbetreuung bedarf schon einer Extra-Portion Mut. Da habe ich großen Respekt.

Diese Menschen haben auch Familien und Angst ...

Ja genau. Und dennoch wissen sie, wie wichtig, ja zur Zeit besonders wichtig ihr Arbeit ist. Ohne unsere vielen Mitarbeiter „an vorderster Front“ wären so viele Menschen hilflos und allein. Als Arbeitgeber sind wir aber auch flexibel und kreativ. Sinnhaftigkeit geht vor Formalismus, und eine gute interne Informationslage vermindert die Unsicherheit.

Was heißt das konkret?

Unser Leitungsteam trifft sich momentan regelmäßig dreimal pro Woche, um unsere interne Organisation an neue Gegebenheiten anzupassen und um vorauszuplanen. Das Ergebnis ist dann immer eine Mail-an-alle, die verbindlich unser Vorgehen regelt. Das vermeidet schwammigen Buschfunk und schafft Klarheit. Alle Mitarbeiter sind dazu eingeladen, die eigenen Fragen zu stellen. Die beantworten wir dann gleich mit.

Wie geht es den vielen behinderten und älteren Menschen, die allein zu Hause sind und für die Ihre Begegnungsangebote sonst ein wichtiger Anker im Alltag waren?

Die aktuelle Situation bedeutet Stress für einsame Menschen. Nahezu alle Personen, die sonst unsere Angebote nutzen, werden täglich angerufen oder besucht. So halten wir Kontakt und geben Sicherheit.

Reicht das?

Das ist extrem unterschiedlich. Unsere Mitarbeiter reden mit den Hilfesuchenden und können gut einschätzen, was benötigt wird und wie wir pragmatisch helfen können. Das reicht vom geduldigen Gespräch über die Vermittlung zu professionellen Fachberatern bis hin zur Einkaufshilfe.

Was machen Sie, wenn sie nicht helfen können?

Zaubern können wir leider auch nicht und manchmal ist die Wunschliste größer, als die Unterstützung, die wir bieten können. Dennoch lassen wir niemanden hängen.

Wenn Sie von Unterstützungen für Kleinstunternehmer und die Wirtschaft hören, wie ist Ihre Arbeit abgesichert?

Das ist eine echt schwierige Frage. Die Arbeit der Diakonie Pirna wird über viele verschiedene öffentliche Kanäle finanziert. Hier sind die Meldungen sehr unterschiedlich und oft wenig verbindlich. Klar ist, dass nicht unerhebliche Einnahmen wegbrechen, unsere Kosten aber weiterlaufen. Dies im Moment zu kompensieren, ist sportlich. Wir erfassen unsere „Corona-Schäden“ daher sehr genau. Erst wenn sich die Situation wieder etwas normalisiert hat, werden wir mit den Ämtern die Details nacharbeiten können und staatliche Unterstützungen konkret anfordern.

Kann es sein, dass die Diakonie irgendwann vor der Pleite steht oder Angebote und Leistungen kürzen muss?

Eine Insolvenz darf und wird uns nicht passieren. Unser Land hat ein starkes Sozialwesen, in dem wir fundamentale Leistungen erbringen. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass sich diese Philosophie wegen einer Virus-Pandemie maßgeblich ändert. Außerdem gibt es die Diakonie Pirna schon seit 1874. Der Verein hat also schon deutlich heftigere Stürme überstanden. Dennoch müssen wir momentan besonders gut haushalten und unsere eigenen Ressourcen gut im Blick haben. Änderungen bei Angeboten und Leistungen sind da natürlich nicht ausgeschlossen. Das erleben wir aber auch in coronafreien Zeiten.

Welchen Wunsch, welche Forderung haben Sie aktuell an die Politik vor Ort, in Sachsen und im Bund?

Zuerst möchte ich meinen Respekt gegenüber den Verantwortlichen in der Politik ausdrücken. Deren Entscheidungen sind besonders schwer zu treffen, da die Auswirkungen nur teilweise abschätzbar sind. Ich wünsche mir, dass vereinbarte staatliche und kommunale Finanzierungen auch jetzt wie üblich weiterlaufen und weder in der momentanen Anspannung noch in der folgenden Zeit bei den Schwächsten gespart wird. Einsame, Eingeschränkte, Behinderte, Senioren, Traumatisierte und viele andere benötigen unsere dauerhafte Unterstützung. Und das während und auch nach der Coronazeit.

Was ist in diesen Tagen ein guter Tag für Sie?

Weiterführende Artikel

Corona: Darf ich noch Erste Hilfe leisten?

Corona: Darf ich noch Erste Hilfe leisten?

Die Menschen sollen derzeit möglichst auf Abstand gehen. Gilt das aber auch dann, wenn man einem Verletzten helfen will?

Das sind Tage ohne neue sofort wirksame amtliche Verfügungen. Spaß macht das sehr gute interne Zusammenspiel. An einem guten Tag finde ich abends noch Zeit für die Familie. Leider oder zum Glück weiß man früh häufig nicht, was für ein Tag es werden wird. Ich bin meiner Familie sehr dankbar, die das so mitträgt.​

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier. 

Täglichen kostenlosen Newsletter bestellen. 

Mehr zum Thema Pirna