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„Dialog ist alternativlos“

Im Theater wurde am Sonntag debattiert – über Bautzens Ruf, den Umgang mit Konflikten und Ideen für die Zukunft.

Ist Bautzen ein Ort der Ausgrenzung? Wie kann Dialog trotz verhärteter Fronten gelingen? Zu einer spannenden Debatte kamen am Sonntag 180 Besucher ins Theater Bautzen. Die Veranstaltung war Auftakt für die neue Reihe „Zur Sache Bautzen“ von Theater und Sä
Ist Bautzen ein Ort der Ausgrenzung? Wie kann Dialog trotz verhärteter Fronten gelingen? Zu einer spannenden Debatte kamen am Sonntag 180 Besucher ins Theater Bautzen. Die Veranstaltung war Auftakt für die neue Reihe „Zur Sache Bautzen“ von Theater und Sä © Steffen Unger

Bautzen. Dialog ist alternativlos – dieser Satz von Cathleen Bochmann schwingt noch lange nach. Gemeinsam mit dem Soziologen Sebastian Kurtenbach war die Politikwissenschaftlerin am Sonntag im Theater Bautzen zu Gast. Im Mittelpunkt der 90-minütigen Veranstaltung standen zwei Fragen, die viele Menschen in Bautzen bewegen. Zum einen: Was ist dran am schlechten, rechten Ruf der Stadt? Zum anderen: Wie kann trotz verhärteter Fronten ein Dialog gelingen? Das Gespräch war der Auftakt der neuen Reihe „Zur Sache Bautzen“ der Sächsischen Zeitung und des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters. Moderiert wurde es von Intendant Lutz Hillmann und SZ-Redaktionsleiter Ulli Schönbach. 180 Besucher kamen ins große Haus.

Sebastian Kurtenbach lehrt und forscht an der Fachhochschule Münster. Gemeinsam mit seinem Team hat er die Situation in Bautzen intensiv untersucht. Drei Monate lang waren vier Wissenschaftler vor Ort. Sie sprachen mit mehr als 100 Politikern, Geflüchteten und Bürgern, werteten Sozialdaten und Hunderte Medienberichte aus. „Wir wollten verstehen, wie eine Stadt mit rechtsextremen Übergriffen umgeht. Ich hatte nach den Szenen auf dem Kornmarkt 2016 vermutet, dass es ein Aufstehen gegen Hass und Gewalt gibt. Dann hätte Deutschland von Ostsachsen lernen können, wie man die Zukunft einer pluralen Gesellschaft erfolgreich gestaltet“, sagte der Wissenschaftler.

Stars im Strampler aus Bautzen
Stars im Strampler aus Bautzen

Auch in der letzten Woche sind Babys auf die Welt gekommen, die im Landkreis Bautzen zu Hause sind.

Kollektive biografische Erschütterungen

Die Realität erlebt das Forscherteam anders. Flüchtlinge berichten von Ablehnung und Ausgrenzung. Rechte Straftaten werden verharmlost. Die Gründe für diese Haltung sieht der Wissenschaftler unter anderem in „tiefen Verletzungen der Wendezeit“, die nicht öffentlich thematisiert würden. „Bislang wird über die DDR als Unrechtsstaat gesprochen, daneben wird das Unrecht übersehen, das viele Menschen nach der Wiedervereinigung erduldet haben“. Vor dem Hintergrund dieser kollektiven biografischen Erschütterung träfen rechtspopulistische Botschaften auf ein empfängliches Publikum. Begünstigt werde das Abdriften der Mitte zudem durch das Fehlen von demokratischen Gegenangeboten. „In Zeiten von Verunsicherungen sucht man etwas, das Halt und Orientierung gibt. Die demokratische Infrastruktur wurde in Sachsen aber kaputt gespart“, kritisierte Kurtenbach.

Großen Raum nahm in der Diskussion „der Blick von außen ein“. Viele Bautzener sehen ihre Stadt zu Unrecht in der Kritik. Für Cathleen Bochmann ist diese Perspektive verständlich. Die Politikwissenschaftlerin leitet an der TU Dresden das Projekt „Krisen-Dialog-Zukunft“. Gemeinsam mit Partnern aus der Praxis suchen die Wissenschaftler nach neuen Formen des Gesprächs zwischen Politik und Bürgern.

Gäste auf dem Podium waren die Politikwissenschaftlerin Dr. Cathleen Bochmann und der Soziologe Dr. Sebastian Kurtenbach (3.v.l.) Moderiert wurde der Vormittag von Theaterintendant Lutz Hillmann (l.) und SZ-Redaktionsleiter Ulli Schönbach (r.).
Gäste auf dem Podium waren die Politikwissenschaftlerin Dr. Cathleen Bochmann und der Soziologe Dr. Sebastian Kurtenbach (3.v.l.) Moderiert wurde der Vormittag von Theaterintendant Lutz Hillmann (l.) und SZ-Redaktionsleiter Ulli Schönbach (r.). © Steffen Unger

„Bautzen ist bei Weitem nicht die einzige stigmatisierte Stadt“, sagt sie, „fahren Sie zum Beispiel mal nach Chemnitz. Klar ist auch, dass auf solchen Städten ein besonderer Medienfokus liegt. Aber das heißt ja nicht, dass die Kritik nicht gerechtfertigt ist.“ Für Cathleen Bochmann ist „Kommunikation der Grundmotor jeder Gesellschaft“. Notwendig sei eine Professionalisierung des kommunalen Konfliktmanagements. So seien zum Beispiel bei der Organisation des Bürgerforums in der Maria-und-Martha-Kirche Anfang Februar Fehler gemacht worden. Ziel müsse es sein, dass solche Veranstaltungen ohne Buh-Rufe, Gegröle und persönliche Angriffe ablaufen.

Um auf der persönlichen Ebene ins Gespräch zu kommen, empfiehlt sie kleine Formate. Um über ein Thema zu diskutieren, eigneten sich hingegen besser gut moderierte Podiumsdiskussionen. Dabei rät die Dresdner Politikwissenschaftlerin zum Diskurs bis an die Grenzen des Grundgesetzes. „In unserem politischen System gibt es Menschen, die rechtskonservativ denken. Auch mit der AfD sollten wir das Gespräch nicht vermeiden. Wir dürfen nicht ausgrenzen, sondern müssen die besseren Argumente haben“, sagte sie.

Der „dreckige, kleine Bruder“ der Demokratie

Populismus bezeichnete sie als „dreckigen, kleinen Bruder“ der Demokratie. „Populismus ist, wenn wir außerhalb von Deutschland schauen, die Normalität. Er war nur hier lange nicht vertreten. Es gibt immer Menschen, die zu einfachen Lösungen neigen. Das ist die Herausforderung, der sich die Demokratie zu stellen hat“.

Die letzte halbe Stunde der sachlichen Gesprächsrunde gehörte dem Publikum. So wies zum Beispiel Hubertus Schwerk daraufhin, dass es auch Bürger gibt, die selbstlos Geflüchtete unterstützen. „Das sind die Leisen, die gehören ebenfalls zum Bautzen-Bild. Aber es sind die Schreihälse, die laut Krawall machen, die die öffentliche Meinung für sich einnehmen.“ Wilfried Rosenberg vom Mittelstandsverband BVMW und Astrid Riechmann vom Verein „Willkommen in Bautzen“ wollten hingegen wissen, welche konkreten Maßnahmen die Wissenschaftler für Bautzen empfehlen.

Sebastian Kurtenbach sieht die Politik in der Pflicht. Er schlägt zum Beispiel vor, die Berufsakademie Bautzen zu einer Hochschule der Oberlausitz weiterzuentwickeln. „Das würde Perspektiven für die kommende Generation schaffen und wäre auch für Rückkehrer interessant.“ Bautzen brauche mehr als eine Diskussion über Brücken und Wölfe. „Es sollte darum gehen, in was für einer Stadt diejenigen leben werden, die heute jung sind und welche Zukunft sie hier vor Ort finden werden, egal ob hier geboren sind, zurückgekehrt oder neu hinzugekommen“.

Cathleen Bochmann wünscht sich für die Bautzener mehr Gelassenheit. „Zeigen Sie Anstrengungsbereitschaft für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und bleiben Sie im Gespräch.“

Wahlforum

Die nächste Veranstaltung in der Reihe „Zur Sache Bautzen“ findet am 15. Mai statt (Beginn: 19.30 Uhr), großes Haus.

Unter dem Motto „Wer hat das beste Rezept für Bautzens Zukunft?“ laden die SZ und das Theater zum Forum vor der Kommunalwahl ein. Es diskutieren die Vertreter aller Parteien und Wählervereinigungen, die sich am 26. Mai in Bautzen zur Wahl stellen.

Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. Zur besseren Planung werden Eintrittskarten vergeben. Diese gibt es ab 30. April an der Theaterkasse, Seminarstraße 12, geöffnet: Dienstag bis Freitag: 11.00 bis 18.00 Uhr.

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