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Die Frau, die Skeleton ins Erzgebirge brachte

Kopfüber im Eiskanal, das hat Diana Sartor sofort fasziniert. Sie wurde Weltmeisterin und war schwanger bei Olympia am Start. Das Porträt einer wagemutigen Powerfrau.

Die ehemalige Skeleton-Weltmeisterin Diana Sartor in ihrer Pension in Bärenfels.
Die ehemalige Skeleton-Weltmeisterin Diana Sartor in ihrer Pension in Bärenfels. © Robert Michael

Wie diese rasante Geschichte begonnen hat, weiß sie noch ganz genau. Als Zuschauerin ist Diana Sartor bei der Skeleton-WM 1994 in Altenberg dabei, damals, als noch keiner so richtig etwas mit dieser Sportart anfangen konnte. Dass es in dem Olympiajahr überhaupt eine Weltmeisterschaft gab, hat auch damit zu tun. 

Erst 1999 entschied das Internationale Olympische Komitee, dass sich bei den Winterspielen 2002 das olympische Programm wieder für die Bäuchlings-Fahrer öffnen darf.

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Für die also, die sich mit dem Kopf vornweg gefährlich knapp über dem Eis in die Bahn wagen. Bis dahin gab es olympische Episoden lediglich 1928 und 1948 im Skeleton-Geburtsort St. Moritz sowie in Davos.

Sartor, bis dato als Optikerin tätig, ist sofort begeistert, und sie beschließt: Das will ich auch machen. Die wagemutige Bärenfelserin ahnt nicht, dass sie damit einer gesamten Sportart den Weg auf die anspruchsvolle Kunsteisbahn in Altenberg ebnet. Wenn jetzt die besten Skeletonis der Welt wieder im Erzgebirge um WM-Medaillen fahren, lässt sich jedoch feststellen: Sie ist die Frau, die den Skeletonsport ins Osterzgebirge brachte.

Diana Sartor 2008 in Aktion.
Diana Sartor 2008 in Aktion. © Thomas Lehmann, SZ-Archiv

Schnell fand sich Sartor zurecht im eisigen Kurven-Labyrinth, gewann 1996 erstmals den deutschen Meistertitel. Bei der Skeleton-WM 1999 in Altenberg war eine Teilnahme für die Spätstarterin allerdings kein Thema: Da gab es für Frauen in der einstigen Männerdomäne noch keine Chance auf WM-Medaillen, sie feierten erst 2000 ihre WM-Premiere. Schon vier Jahre später erlebte Sartor am Königssee ihren größten sportlichen Triumph: WM-Sieg. Im gleichen Winter gewann sie auch EM-Gold.

Pokale, Trophäen, Medaillen zieren ein stattliches Regal im Gastraum der Pension Sartor, die von der einstigen Weltklasseathletin mittlerweile in vierter Generation geführt wird. Eine Olympiamedaille ist darauf nicht zu sehen. Ihre beiden Starts bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin endeten jeweils mit dem vierten Rang.

Sie startet schwanger bei Olympia

Der Olympia-Auftritt in Italien löste dabei einige Debatten und sogar Schlagzeilen aus. Sartor wagte sich auf die Eispiste, obwohl sie im dritten Monat schwanger war. Die damals 35-Jährige hatte sich für den Olympiastart entschieden, da sie ahnte, dass es ihre letzte Chance auf eine Olympia-Medaille sein könnte. Es war tatsächlich so, da ein Comeback-Versuch scheiterte. Die junge Konkurrenz in Deutschland war zu stark geworden.

Dieser Tage erzählte Sartor nun, dass ihre inzwischen 13-jährige Tochter Malin kein Interesse an einer Karriere auf Rodel- oder Skeleton-Schlitten habe. Sie pflege zu diesem Thema zu sagen: „Einmal Olympia reicht mir …“

Altenberg 2008: Diana Sartor gibt Tochter Malin nach dem Zieleinlauf ein Küsschen.
Altenberg 2008: Diana Sartor gibt Tochter Malin nach dem Zieleinlauf ein Küsschen. © Thomas Lehmann, SZ-Archiv

Dagegen bestritt ihr elfjähriger Sohn Silas am vergangenen Wochenende seine erste deutsche Meisterschaft im Rilden – und setzte die Siegesserie fort. Er gewann souverän. Vor zwei Jahren hatte sein Vater die Begeisterung ausgelöst. Steffen Sartor war unter seinem Geburtsnamen Skel im Rodel-Doppel mit Steffen Wöller zu sechs WM-Medaillen gefahren – davon einer goldenen und vier silbernen. Hinzu kamen drei EM-Titeln. Bei den Winterspielen 2002 belegte er wie seine Ehefrau Rang vier. Als Trainer bereitete Steffen Sartor fünf Jahre lang die Auswahl Südkoreas auf deren Heim-Olympia-Auftritt 2018 vor. Bei den Olympia-Übertragungen der Rodler sagte der Sohn plötzlich: „Da will ich auch hin.“ Seitdem gehört das Rodeltraining zu seinem Alltag.

Die Bahn ist für alle ein Segen

Nicht alltäglich wirkt gerade der Trubel im Osterzgebirge. Die WM im Bob und Skeleton sind sehr präsent. „Schon allein die Kunsteisbahn hat sensationelle Effekte, nicht nur für Hoteliers“, sagt Diana Sartor.

„Die Bahn ist für alle in der Region ein Segen. Das beginnt im November, wenn keine Reisezeit ist. Dann kommen Mannschaften zur Selektion, danach folgen Wettkämpfe, Welt- und Europacups. Und als Krönung nun diese WM. Da kommen Gäste, die bleiben nicht nur eine Nacht. Das schafft Planungssicherheit. Darüber freuen sich auch Gastronomen, Bäcker und Fleischer, die es noch gibt.“

Und alle würden von der Medienpräsenz profitieren. „Je öfter Altenberg und die Region gezeigt wird, desto mehr haben die Einheimischen davon“, sagt Sartor, und ihre Stimme klingt nachdrücklich. „Dann sagen sich manche Leute: Das will ich selbst sehen, da muss man mal hin.“ Früher endete die Wintersaison oft mit den Winterferien, nun nutzen Urlauber auch öfter den März – mit Hoffnung auf Schnee, der tatsächlich mitunter noch mal kommt.

Diana Sartor im WM-Podcast Dreierbob

Sieg bei ZDF-Küchenschlacht

In den WM-Tagen hat Sartor gut zu tun. Jury-Mitglieder wohnen in der Pension und Belgiens Skeleton-Team. Schon im Sommer erlebte sie eine Riesennachfrage nach Unterkünften für die WM-Tage. „Das hatte ich so noch nie erlebt“, erzählt die Wirtin. „Vermutlich hat sich da einiges rumgesprochen. Das liegt sicher auch an Serienweltmeister Francesco Friedrich, er ist für die WM eine Zugnummer. Da passierte ja auch etwas Besonderes in Altenberg mit dem sechsten Zweier-Triumph in Folge.“ Und überhaupt würde die Region mit Tradition und ihrer Sportgeschichte punkten. „Da kommt viel zusammen. Und nebenbei kann sich der WM-Besucher auch erholen, wandern und genießen, selbst wenn Schnee jetzt nicht sicher ist.“

Elf Zimmer bietet die Pension Sartor, 21 Betten. Stammgäste aus dem Wintersport nutzen sie, der frühere Weltklasse-Bobpilot André Lange aus Oberhof gehörte dazu, einer seiner Stammbremser kommt nun mit dem Juniorenteam. Für die Koreaner lernte Diana Sartor sogar fernöstliche Kochkünste, kaufte säckeweise koreanischen Reis. Sie ist zwar keine gelernte Köchin, nimmt die Herausforderung aber an. Eine Einladung zur ZDF-Küchenschlacht endete sogar mit ihrem Sieg am Herd.

Briten regenerieren beim Eisbaden

Als Ex-Athletin weiß die 49-Jährige, worauf es bei Sportlern ankommt. Daher wird die Garage im Winter zur Schlitten- und Kufen-Werkstatt umfunktioniert. Wenn es Sonderwünsche gibt, helfen Improvisationen. Als die britischen Skeletonis mit dem Trend gehen wollten, weil alle aufs Eisbaden zur Regeneration setzten, wurden kurzerhand Müll- und Regentonnen hinter dem Haus zu Eisbecken umfunktioniert.

Diana Sartor ist mit sich im Reinen. Die Pension füllt sie aus, der Familienbetrieb soll nicht größer werden. In dieser Woche wird sie auch an der WM-Bahn sein, Skeleton- und Bobrennen genießen, alte Bekannte treffen. Ihr Name hat noch immer einen guten Klang. Überrascht war sie kürzlich, als ein Japaner in Bärenfels auf einen Kaffee vorbeikam und ihr eine Rose schenkte. Die hatte er an der Bahn gewonnen. Lächelnd sagt sie: „Wir Wintersportler sind eben eine echte Sportlerfamilie.“

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