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Dichtes Dach für die Erinnerung

Das um 1900 entstandene Haus braucht eine Heizung, muss trockengelegt und saniert werden

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© Rafael Sampedro

Von Anja Beutler

Die Biberschwänze mit der ziegelroten Unterseite und der dunklen Schutzschicht obendrauf fühlen sich schon mal gut an. Und sie halten hoffentlich auch ein bisschen länger aus als ihre Vorgänger. Großschweidnitz‘ Bürgermeister Jons Anders (parteilos) und der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer hoffen das jedenfalls. Denn das Dach des zentralen Gebäudes der Gedenkstätte Großschweidnitz ist mit vergleichsweise kurzem Anlauf neu gedeckt worden. Es wäre eigentlich gar nicht dran gewesen.

Dass dennoch rasche Hilfe nottat, liegt an einem Fehlbrand der alten Dachziegel – also an einem Qualitätsmangel. Entdeckt wurde er nur deshalb, weil das Gemeindeamt zeitgleich ein neues Dach bekommen hatte und dort dasselbe Problem auftauchte. Das machte es nun nötig, auch die frühere Pathologie der damaligen Landesanstalt Großschweidnitz neu zu decken: „Die Ziegel waren porös wie Blätterteig, an den Rändern bröselte es auch schon“, skizziert Jons Anders die Lage.

Dass in den vergangenen zwei Wochen neue Ziegel aufgelegt werden konnten, liege vor allem an zwei Helfern, betont der Bürgermeister, der sich von Anfang an für die Gedenkstätte engagiert: Zum einen sei er beim Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer auf große Hilfsbereitschaft gestoßen. Er habe dafür gesorgt, dass das Bundessozialministerium 29 000 Euro aus einem Fonds aus dem Vermögen von Parteien und Massenorganisationen der DDR bereitstellt. Davon wird die Arbeitsleistung der Löbauer Dachdecker & Klempner GmbH bezahlt.

Zum anderen entschied sich das Görlitzer Dachziegelwerk spontan zur Hilfe. Auch hier habe Kretschmer den Weg geebnet und den Geschäftsführer in Hannover für die Idee gewonnen. „Es ist ja kein freudiges Thema, mit dem wir uns beschäftigen“, sagt Anders. Spenden oder Unterstützung dafür einzuwerben, sei deshalb umso schwieriger, weiß der Bürgermeister aus Erfahrung.

In der Tat ist das Gebäude, das die Zentrale der Großschweidnitzer Gedenkstätte für die Euthanasie-Opfer ist und bleiben soll, ein überaus trauriger Ort. Zwar seien hier nicht direkt Menschen über das Nazi-Euthanasie-Programm getötet worden. Aber hier kamen alle Toten der Landesanstalt hin – egal, ob sie eines natürlichen Todes gestorben waren oder zu Tode gebracht wurden, weil man Menschen mit Behinderungen oder psychischen Krankheiten als unwertes Leben klassifiziert hatte. Das Schicksal des Mädchens Ursula Heidrich aus Großhennersdorf soll einmal für die vielen Opfer stehen: „Sie ist noch 1945 als letztes Kindsopfer aus dem Leben gebracht worden“, umschreibt Jons Anders das Unsagbare. Und das nur, weil sie in einem Bein spastische Lähmungen gehabt hatte. „Wir müssen uns mit dieser Geschichte befassen“, sagt Anders eindringlich, „damit solche Gedanken nicht wieder Raum gewinnen.“ Die Gemeinde selbst, die das Gebäude 2008 vom Freistaat erhielt, investierte bereits in die zunächst nötigen Dinge wie einen Trinkwasseranschluss und eine Abwasserlösung sowie in Toiletten und einen Parkplatz. Rund 60 000 Euro hat Großschweidnitz dafür in die Hand genommen. Immerhin wurde und wird auch weiterhin ein Teil des Gebäudes als örtliche Trauerhalle genutzt. Nun arbeitet der Gedenkstätten-Verein an einem Finanzierungskonzept. Denn das um 1900 entstandene Haus braucht eine Heizung und muss trockengelegt und saniert werden. Denn die Wanderausstellungen zu den Schicksalen der Menschen, die ihr Leben lassen mussten, können jetzt nur in den warmen Monaten gezeigt werden. Kommentar

www.gedenkstaette-grossschweidnitz.org