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Dicke Babys machen Handwerkern Platz

Schloss Burgk will Querner und Dresdner Kunst zwischen den Weltkriegen zeigen. Wenn nicht gerade gebaut wird.

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Von Thomas Morgenroth

Nein, brisanter Zündstoff ist es ganz bestimmt nicht, den Wolfgang Vogel in einer etwas eingestaubten Kammer des Schlosses Burgk in einen alten Pappkarton packt. Die an der Seite auf dem Kopf stehende Aufschrift „VEB Zündwarenwerk Riesa“ führt gänzlich in die Irre. Inhalt und Verpackung sind zwar beide historisch, zeitlich allerdings durch mehr als ein halbes Jahrhundert getrennt, ganz zu schweigen von der Thematik. Der Mitarbeiter der Städtischen Sammlungen Freital verstaut alte Fotoalben „mit dicken Babys“, wie Museumsdirektor Rolf Günther scherzhaft bemerkt, in dem einstigen Behältnis für Streichhölzer. Vogel blättert die Seiten nur mal kurz durch: „Alles unbekannte private Bilder“, sagt er und wuchtet die Erinnerungsbücher ins Archiv nebenan.

Vielleicht werden sie irgendwann mal für eine Ausstellung gebraucht oder für Forschungsarbeiten. Ungefähr 50 000 Abzüge und Negative verwaltet Wolfgang Vogel, zuständig für die Regionalgeschichte, im Seitenflügel neben den Räumen für die Sonderausstellungen. Dass er sich jetzt mit dem Bestand befassen muss, hat freilich rein organisatorische Gründe: Die Bauarbeiten in diesem Teil des Museums, im vergangenen Jahr begonnen, werden in den nächsten Wochen fortgesetzt. Überraschenderweise auch in Räumen, die zunächst nicht in der Planung waren, wie dem einstigen Videoraum, der deshalb kurzfristig freigeräumt werden muss.

Rolf Günther nimmt die Ausweitung des Baugeschehens mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Einerseits ist er froh, dass es jetzt mehr Geld für die dringend nötige Sanierung gibt, andererseits könnte es sein, dass er seine Planungen für die Sonderausstellungen in diesem Jahr ad acta legen kann. Denn auch in den derzeit noch nutzbaren Räumen sollen nun im Sommer Handwerker statt Kunstwerke zu besichtigen sein, vor allem Elektriker. Auch die sind im Prinzip willkommen, allerdings hatte Günther im gleichen Zeitraum eine aufwendige Ausstellung mit Dresdner Kunst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also von 1918 bis 1939, geplant. Mit Werken aus eigenem Bestand, zum Beispiel von Ewald Schönberg, aber auch mit Leihgaben, die ja langfristig geordert werden müssen.

Noch aber ist alles in der Schwebe, bevor nicht der aktuelle Haushalt der Stadt Freital genehmigt ist, können die Arbeiten nicht einmal ausgeschrieben werden. Insofern erfreut sich Günther zunächst an den bereits fertiggestellten Räumen, deren Sanierung er als überaus gelungen bezeichnet: „Ein Gewinn für die Sonderausstellungen“, freut er sich. Und er konzentriert sich auf die nächste Schau, die im April auf die aktuelle des aus Freital stammenden Malers und Grafikers Andreas Küchler folgt.

Schloss Burgk bleibt in der Region und widmet sich nach zehn Jahren wieder einmal intensiv dem Werk des Künstlers Curt Querner (1904-1976) aus Börnchen bei Possendorf. Anlass ist der 110. Geburtstag des begnadeten Aquarellisten, der auch in seinen Gemälden die einfachen Leute und die Landschaften des Osterzgebirgsvorlandes in seelenvollen Porträts und wunderbaren Szenen verewigt hat. Günther verspricht einige Überraschungen, viele Bilder sind Neuzugänge und wurden noch nie gezeigt.

Rolf Günther freut sich auf Querner und wünscht sich viele Besucher. Fast 18 000 zahlende Gäste kamen im vergangenen Jahr auf Schloss Burgk, etwas weniger als sich Museum und Stadt erhofft hatten. Angesichts der erschwerten Bedingungen – das Herrenhaus bis Ende Januar geschlossen, die Sonderausstellungsräume ab Ende Mai, beides wegen Bauarbeiten – zeigte sich Rolf Günther aber nicht unzufrieden. Und hofft nun, dass die Erneuerung der Elektrik in den Sonderausstellungsräumen nicht zu lange dauert.

Sonst stünde auch die Ausstellung im Herbst zur Disposition, und das wäre dann wohl ein Politikum: Die Städtischen Sammlungen wollen mit Kunstwerken, zum Beispiel Gemälden des einstigen Hainsberger Pfarrers Christian Burkhardt; Fotos, Dokumenten und Objekten an fünfundzwanzig Jahre friedliche Revolution in der Stadt Freital erinnern. An Demonstrationen und Streiks, an große Hoffnungen und auch an viele Enttäuschungen.

Schloss Burgk gehört gewiss nicht zu den Verlierern der deutschen Einheit. Ohne den Anschluss der DDR an die Bundesrepublik und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Wandel hin zur Marktwirtschaft stünde das einstige Rittergut heute wohl weit weniger saniert da. Und noch immer wird investiert, wenn auch der Traum vom Wiederaufbau des Torhauses ohne Landesgartenschau derzeit unerfüllbar scheint. Aber in die Erneuerung des Ausbaus der Tagesstrecke wird noch in diesem Jahr ein fünfstelliger Betrag fließen, und in die bereits erwähnten Räume im Seitenflügel, wo Wolfgang Vogel in diesen Tagen zahlreiche sepiafarbene Kleinkinder und ihre Mütter in Sicherheit bringt.

Wenn alles klappt, könnte Rolf Günther zur Weihnachtsausstellung nach einem Jahr Pause wieder aus dem Türmchen des Schlosses um Hilfe rufen. Im Kleinformat, auf der museumseigenen Modellbahnplatte, die im Videoraum aufgebaut werden soll. Videos werden dort allerdings keine mehr vorgeführt, diese Technik sei endgültig überholt, sagt Günther. Loks und Hänger aber im Maßstab TT, erst recht eine spektakuläre Rettung des Direktors durch die Feuerwehr, das bleibt ewig aktuell.

Städtische Sammlungen Schloss Burgk, Ausstellungen zur Bergbau- und Regionalgeschichte, Stiftung Pappermann, Dresdner Kunst; bis 23. März Malerei und Grafik von Andreas Küchler; Di-Fr 13-16 Uhr, Sa/So 10-17 Uhr.

www.freital.de/museum