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Dicke Luft in Radeberger Altenheimküche

Dicke Luft in der Küche des städtischen Radeberger Altenheims. Und das hat nichts mit dem Dampf beim Kochen zu tun. Vielmehr sind die 22 Mitarbeiter des bisherigen Essenanbieters – der Firma Altenheimversorgung Jörg Witschas – stinksauer.

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Von Jens Fritzsche

Dicke Luft in der Küche des städtischen Radeberger Altenheims. Und das hat nichts mit dem Dampf beim Kochen zu tun. Vielmehr sind die 22 Mitarbeiter des bisherigen Essenanbieters – der Firma Altenheimversorgung Jörg Witschas – stinksauer. Der Firma ist bekanntlich im September der Vertrag für die Küchenbetreibung im Heim gekündigt worden (SZ berichtete). Die Firma konnte daraufhin ein neues Angebot abgeben, musste aber Kosten sparen. Von anfangs 45000 Euro weniger hatte Altenheimchef Jörg Goßmann gegenüber Firmenchefin Monika Trabhardt als Einsparung gesprochen; „bei dem Gespräch war auch meine Anwältin dabei“, so Monika Trabhardt. Die Anwältin bestätigte das auch bereits gegenüber SZ. Letztlich reichten aber auch die von ihr angebotenen 55000 Euro Einsparung nicht, wie die Firmenchefin aus einem Schreiben von OB Gerhard Lemm (SPD) erfuhr. An ein vorliegendes Konkurrenzangebot reiche die Summe nicht heran. Also entschloss sich Monika Trabhardt, den von ihr neben der Küche betriebenen Kiosk abzugeben, und legte schließlich ein um 65000 Euro reduziertes Angebot vor. Aber auch das reichte nicht – im November bekam die Firma RWS Catering GmbH aus Leipzig den Zuschlag. Ab 1. Januar soll nun RWS für die Bewohner des Heims kochen.

Und, so hatte auch OB Lemm bereits Ende November auf entsprechende Nachfragen im Stadtrat erklärt, die neue Firma müsse die Mitarbeiter des bisherigen Anbieters zu den bestehenden Konditionen übernehmen. Zumindest ein Jahr lang – das sieht der sogenannte Betriebsübergang laut Gesetz vor. Doch was die Mitarbeiter in ersten Personalgesprächen mit der neuen Firma erfuhren, hörte sich offenbar ganz anders an. „Nur für sechs Mitarbeiter gibt es eine Beschäftigung am bisherhigen Standort, die weiteren 16 Mitarbeiter sollen bereits am 1. Januar 2012 an die Standorte Chemnitz, Dresden und Pirna versetzt werden“, heißt es in einem offenen Brief der Mitarbeiter an die SZ. Außerdem: „Einigen Mitarbeitern wurde im Gespräch mitgeteilt, dass der bisherige Lohn ab 1. Januar 2012 nicht in dieser Höhe gezahlt wird.“ Zudem sei im Falle einer Nichtzustimmung einigen Mitarbeitern nahe gelegt worden, von ihrem jetzigen Arbeitgeber eine Kündigung zu erwirken, um Anspruch auf Arbeitslosengeld und Abfindung zu haben. Doch dafür reicht die Zeit wegen der notwendigen Kündigungsfristen gar nicht mehr aus, stellt Monika Trabhardt klar. „Und wenn ich mit meiner Firma ab Januar hier nicht mehr kochen darf, habe ich auch gar kein Geld, um die Mitarbeiter dann noch weiter zu bezahlen“, stellt sie klar.

Heute Vormittag trifft sich der neue Essenanbieter RWS mit OB Lemm und Altenheimchef Goßmann. „Erst danach kann ich etwas zum Thema Personal sagen“, stellt der Heimleiter klar. Ob die Versorgung tatsächlich mit sechs Mitarbeitern – also mit weniger als einem Drittel des bisherigen Personalbestands funktionieren kann – wird wohl ebenfalls heute zu besprechen sein. „Klar ist nur, dass wir an der Qualität des Essens keinerlei Abstriche zulassen werden“, so Jörg Goßmann.

Zu hohe Mitarbeiterzahl?

Der neue Essenanbieter RWS verweist darauf, sich umgehend nach der Zuschlagserteilung für die Essenversorgung und die Erbringung von Stationshilfsarbeiten im Altenheim Radeberg an den bisherigen Anbieter gewandt zu haben, „um die Übernahme des Personals miteinander zu besprechen“, so RWS-Geschäftsführerin Cornelia Härtel. Doch RWS sei lediglich an die Anwältin von Monika Trabhardt verwiesen worden. Deshalb gab es am 6.Dezember eine Informationsveranstaltung mit den Mitarbeitern der Firma, zu der 21 der 22 Mitarbeiter erschienen – „mit solch einer großen Anzahl von zu übernehmenden Arbeitnehmern hatten wir nicht gerechnet, der zu erbringende Leistungsumfang im Haus benötigt nicht eine so große Anzahl von Mitarbeitern“, ist Cornelia Härtel überzeugt. Grund der hohen Mitarbeiterzahl ist aus RWS-Sicht, dass bis vor einem Jahr aus der Küche heraus ein umfangreicher Cateringservice betrieben wurde, „der natürlich einen hohen Personalaufwand benötigt, nach Wegfall dieser Leistungen wurde das Personal nicht entsprechend reduziert.“ Aus diesem Grund müsse RWS, „um die von uns vorgesehene Personalkalkulation für das Haus annähernd zu erreichen“, einige Mitarbeiter umsetzen. „Wir haben vier Mitarbeitern eine Umsetzung in andere von uns betriebene Küchen angeboten – diese befinden sich in Dresden, Heidenau und Pirna, aus unserer Sicht sind dieses zumutbare Arbeitswege.“ Weitere zwei Arbeitsplätze habe man in RWS-Küchen in Chemnitz bereitgestellt. „Für eine Arbeitskraft, die täglich acht Stunden beschäftigt wird, ist ein Arbeitsweg von täglich 2,5 Stunden insgesamt arbeitsrechtlich zulässig“, so die RWS-Chefin. Auch Lohneinbußen, stellt Cornelia Härtel dann klar, müssen die Mitarbeiter nicht hinnehmen, das gehe schon allein per Gesetz gar nicht.

Die Mitarbeiter haben aus den Gesprächen mit RWS allerdings eine andere Sicht mitgenommen, was das Thema Lohneinbußen betrifft, wie sie in ihrem offenen Brief schreiben. Zudem ist die Unsicherheit groß – weil sich die Mitarbeiter bis 18. Dezember für oder gegen das RWS-Angebot entscheiden sollen. Aber viele wissen noch gar nicht, wo ihr Arbeitsplatz am Ende sein wird. Das, so haben sie im Gespräch nämlich auch erfahren, soll ihnen zwischen Weihnachten und Neujahr gesagt werden. „Wir wollten erstmal sehen, wie viele Mitarbeiter zu uns kommen “, begründet RWS-Chefin Härtel das Vorgehen. Stellt aber klar, dass zumindest diejenigen Mitarbeiter bereits schriftlich informiert worden seien, die an andere Standorte versetzt werden. Und tatsächlich haben gestern einige Mitarbeiter Post bekommen. „Viele wissen aber nicht, wie sie zu den anderen Standorten kommen sollen – etliche haben gar kein Auto“, so einige Mitarbeiter zur SZ.

Im Januar zwei Anbieter?

Für Monika Trabhardt ist zudem auch noch nicht gänzlich klar, dass es zum 1. Januar überhaupt zu einem Wechsel in der Küche kommt. „Meine Anwälte sind der Meinung, die Kündigung ist nicht rechtens!“ Das sieht OB Lemm anders: „Es wird am 1. Januar nur eine Firma geben, die hier kocht, RWS!“