SZ +
Merken

Dicker als der Durchschnitt

Die Menschen im Kreis Bautzen sind zu drall. Das ist nicht nur ein optisches, sondern auch ein gesundheitliches Problem.

Teilen
Folgen

Von Manuela Reuß

Michael* ist auf einem guten Weg. Der 20-jährige Student aus dem Landkreis Bautzen kann wieder Treppen steigen, ohne zu keuchen. Noch vor gut einem Jahr war das für ihn undenkbar. Bewegung war ihm ein Graus. Kein Wunder. Der junge Mann schleppt 140 Kilo mit sich herum. Inzwischen hat er  24 davon abgespeckt.

Ein seelisches Tief, in dem er sich Anfang 2013 befand, ließ erste Pfunde purzeln. Ganz von allein. „Das hat mich so beeindruckt, dass ich wissen wollte, was da noch möglich ist, wenn ich das Abnehmen bewusst angehe“, erinnert er sich. Anfangs habe er nur auf kleinere Portionen geachtet, später dann auch darauf, was im Einkaufswagen landet. Er stellte seine Getränke von Eistee, Cola und Limonade auf stilles Wasser und ungesüßten Pfefferminztee um. „Und ich begann mich zu bewegen“, erzählt Michael. Anfangs seien es nur Spaziergänge gewesen, später Wanderungen, inzwischen geht der Student regelmäßig klettern. „Wenn mir das jemand vor einem Jahr erzählt hätte, den hätte ich für verrückt erklärt.“ Inzwischen habe er einen regelrechten Bewegungsdrang entwickelt. „Ich fühle mich wesentlich besser. Fitter und auch ausgeglichener.“ Deshalb will er konsequent weiter abspecken. Früher war ihm dieses Thema nicht richtig bewusst. Zwar fanden in der Schule mal Projekttage oder Themenwochen dazu statt. „Aber das war viel zu wenig, um es verinnerlichen zu können.“ In seiner Familie gab es in der Beziehung leider keine Aktivitäten. Freunde, mit denen er etwas hätte unternehmen können, besaß er damals nicht.

W

ie viele Menschen sind

im Landkreis übergewichtig?

Michaels Übergewicht ist leider kein Einzelfall. Im Landkreis Bautzen hatten laut Erhebungen des Statistischen Landesamtes bei der letzten Mikrozensusabfrage 19,2 Prozent der Bevölkerung (ab 18 Jahre) einen Body-Mass-Index (BMI) von 30 und mehr – also starkes Übergewicht. Alle vier Jahre werden diese Angaben abgefragt. Damit liegt der Kreis deutlich überm Landesdurchschnitt. 16,1 Prozent der Sachsen haben einen BMI von 30 und mehr. Rechnet man die Leute mit leichtem Übergewicht dazu, gibt es 58 Prozent Übergewichtige im Kreis. Normal ist ein BMI bis 25. Ein BMI bis 30 bedeutet leichtes Übergewicht, ab 30 wird’s gesundheitlich bedenklich.

W

ie sieht die Entwicklung

bei den Jüngsten aus?

Haben kleine Kinder Speckröllchen auf den Hüften, findet man das niedlich. Babyspeck verliert sich, so der Volksmund. Mit drei Jahren sollte der verschwunden sein. Doch immer häufiger sind Kinder sogar adipös, sprich krankhaft fettleibig. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist zu dick, belegte das Berliner Robert-Koch-Institut in einer Untersuchung zur Kindergesundheit. Im Kreis Bautzen waren 5,2 Prozent der Erstklässler des Schuljahres 2012/13 übergewichtig und 3,3 Prozent adipös. In Klasse 6 dieses Schuljahres gab’s 11,6 Prozent Übergewichtige und 7,1 Prozent Fettleibige. Der Freistaat schneidet etwas besser ab.

W

elche Gesundheits-Folgen bringt Übergewicht mit sich?

Übergewichtige Kinder haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Gelenkverschleiß. Auch das Risiko für Arteriosklerose und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei ihnen stark erhöht. Diese Risiken bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen. Übergewicht hat nicht nur gesundheitliche Folgen – die Jungen und Mädchen leiden unter den Hänseleien, in der Schule sind sie Außenseiter. Häufig entwickeln sie dadurch auch psychische Störungen wie Ängste, Depressionen und aggressives Verhalten.

W

ie lässt sich das Übergewicht

in den Griff kriegen?

Mit schnellen Diäten keinesfalls. Was hilft, ist allein eine langfristige Änderung des Verhaltens: Richtiges Essen. Viel Bewegung. Gerade an Letzterem mangelt es oft. Kinder verbringen immer mehr Zeit vorm Fernseher oder Computer statt sich zu bewegen. Um das zu ändern, braucht’s Disziplin, elterliche Solidarität, Aufmerksamkeit und Zuspruch. Übergewicht sollte so früh wie möglich bekämpft werden, um die Gewichts-Spirale nicht weiter nach oben, sondern nach unten zu bewegen.

W

o finden Betroffene Hilfe und kompetenten Rat?

Die Probleme bekommen Betroffene selten alleine in den Griff. Dies gelingt sicherer und leichter mit kompetenten Fachkräften wie spezialisierten Ärzten, Ernährungsberatern und Trainern. Viele Krankenkassen haben spezielle Programme aufgelegt. Die Barmer bietet beispielsweise ein Programm an, bei dem sie in Zusammenarbeit mit der Uni Freiberg und der Sporthochschule Köln Erwachsene mit starkem Übergewicht ein Jahr lang u.a. in den Bereichen Bewegung, Psychologie und Ernährung betreut. Auch die AOK ist sehr aktiv mit ihrem Programm „Tigerkids“, weiß, Yvonne Kortt Fachfrau nicht nur für den Bereich Kinderernährung im Gesundheitsamt des Landratsamtes. Der Kreis selbst ist mit dem Programm „Klasse 2000“ in 12 Grund- und zwei Förderschulen unterwegs. Mit diesem bundesweit größten Programm will man die Lebenskompetenz der Kinder stärken. Auch in Sachen gesunder Ernährung und Bewegung, so Yvonne Kortt. „Klasse 2000“ begleitet die Schüler von der 1. bis zur 4. Klasse. „Das Interesse dafür wächst. Vor allem in Altkreis Kamenz“, weiß die Fachfrau. Das Amt versucht, auch Eltern und Lehrer ins Boot zu holen. Für 3. und 4. Klassen gibt’s die Möglichkeit, einen Ernährungsführerschein abzulegen. Selbst das Naturschutzzentrum Neukirch bietet eine Familienwerkstatt zu regionalem und saisonalem Kochen an. Nebst Ernährungsberaterin vor Ort. Vier Termine sind geplant.

*Name von der Redaktion geändert.