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Die 103-Jährige, die in Absatzschuhen feiert

Eine Seniorin blickt auf 103 Jahre Lebenszeit zurück. Mode spielte für die betagte Frau immer eine wichtige Rolle – auch heute.

© steffen füssel, steffen fuessel

Von Nora Domschke

Herta Lohel betritt den Besucherraum des Seniorenheims am F.-C.-Weiskopf-Platz. Das Klimpern ihrer schwarzen, glänzenden Schule durchschneidet die Stille, die Besucher starren erstaunt auf die Füße der Seniorin – denn sie trägt Absätze. Das weiße Haar ist gerichtet, die blumige Bluse hat sie passend zur schwarze Hose gewählt. Um die Schultern hat die Seniorin ein seidenes Tuch geschwungen. Ihr feierliches Outfit verrät den Anlass – Herta Lohel hat Geburtstag und zwar den 103.

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„Ich bin noch nie einer so jungen so alten Frau begegnet“, sagt Philipp Denzig scherzhaft zur Begrüßung. Der Seniorenheim-Chef kennt Herta Lohel gut, schließlich gehört sie seit 2008 zu den Bewohnern des Hauses „Am Müllerbrunnen“ – natürlich ist sie die Älteste. Doch das merkt man ihr nicht an. Sie lacht viel und laut, freut sich über alle Glückwünsche und Geburtstagsständchen.

Nur ihr Enkelsohn Ralf Kämpf weiß, dass Herta Lohel – wenn auch sehr selten – mit ihrem Alter hadert. „Sie ist zwar geistig fit“, sagt der 57-Jährige, „aber eigentlich braucht sie eine Brille.“ Doch dafür sei sie viel zu eitel, sagt sie selbst. Sie achtet stets auf ihr Äußeres, pflegt sich immer, legt Wert auf schicke Kleidung.

Das wird wohl an ihrem Beruf liegen, sagt Kämpf. Denn sie ist gelernte Schneiderin, hat Mode selbst entworfen und genäht. „Sie schwelgt oft in Erinnerungen an diese Zeiten“, sagt der Enkelsohn. Auch an ihrem Geburtstag erzählt sie von ihrer ersten elektrischen Nähmaschine.

Die hat sie auch benutzt, als sie in Freital bei einer wohlhabenden Familie als Haushälterin gearbeitet hat. Geboren wurde Lohel 1911 in Elstra bei Kamenz. Ihr Geburtshaus gibt es heute nicht mehr, doch in einer Ortschronik hat sie erst kürzlich ein altes Foto davon entdeckt. „Da sprudelte es sofort aus ihr heraus“, erinnert sich Kämpf und berichtet von den Pferden, mit denen sie aufgewachsen ist – Autos gab es damals nur selten. Ende der 1950er-Jahre zog sie mit ihrem Mann nach Dresden, hatte mit ihm einen Sohn. „Mein Vater ist jetzt selbst 83 Jahre alt, aber schon bettlägerig“, sagt Ralf Kämpf. Seine Großmutter scheint davon noch weit entfernt zu sein. Regelmäßig dreht sie ihre Runden mit dem Rollator durch die Gänge des Seniorenheims. „Nur hinaus geh ich nicht mehr – das Wetter ist immer so unsicher“, sagt sie. Und richtet sofort ihr Haar.