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Die Ära Zastrow ist vorbei

Nach ihrer Wahlniederlage versucht sich die Sachsen-FDP an einem Neustart – zunächst personell. Zum Abschied teilt Zastrow heftig aus.

Holger Zastrow ist nicht mehr Landesvorsitzender der sächsischen Liberalen.
Holger Zastrow ist nicht mehr Landesvorsitzender der sächsischen Liberalen. © dpa

Am Ende bleibt Holger Zastrow zumindest der Rekord. Seit 1999 Landesvorsitzender der sächsischen Liberalen gilt er mittlerweile als der dienstälteste Parteichef in Deutschland – auch wenn diese Ära am Sonnabend in Neukieritzsch zu Ende geht. Nachdem sein Landesverband - wie schon 2014 - auch in diesem Jahr bei der Landtagswahl im Freistaat an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, zog der 50-Jährige gemeinsam mit dem amtierenden Landesvorstand die Notbremse. Das Gremium kündigte komplett seinen Rücktritt an, damit die Parteibasis in Neukieritzsch auf einem Landesparteitag eine neue Führungsspitze wählen kann. Diesmal erstmals ohne Zastrow, der sich nicht erneut zur Wahl stellte.

Für den langjährigen Parteichef ist das nicht nur eine politische Zäsur, sondern auch der Höhepunkt einer langwierigen Auseinandersetzung innerhalb seines Landesverbandes. Dort galt Zastrow seit Langem nicht mehr als unangefochten, im Gegenteil. Viele Mitglieder störten sich zunehmend an seinen aggressiven Tönen in der Tagespolitik genau so wie an seinem dominanten Auftreten innerhalb der Partei. 

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Dass man ihn dennoch 2019 noch einmal zum Spitzenkandidaten kürte, dürfte vor allem mit der dünnen Personaldecke der Liberalen im Freistaat zusammenhängen. Von Begeisterung in den eigenen Reihen war dann schon während des Wahlkampfs wenig zu spüren. Nach dem Aus am 1. September standen sich große Teile der Partei und ihr Noch-Vorsitzender erst recht konträr gegenüber.

Zastrow verabschiedete sich dann tatsächlich mit schweren Vorwürfen von seinem Spitzenamt. Seine Rede an die Delegierten in Neukieritzsch geriet zu einer persönlichen Abrechnung: Die Sachsen-FDP sei zur Wahl vor allem an sich selbst gescheitert, lautete seine trotzig-leidenschaftliche Analyse. „Wir waren kein Team!“ Weder hätte es genügend Rückhalt für ihn als Spitzenkandidaten gegeben, noch eine Zusammenarbeit aller Mitglieder für eine konsequente Umsetzung des eigenen Wahlkampfkonzeptes. 

Zastrow sprach davon, dass die Eitelkeiten etlicher Parteifreunde deren Fähigkeiten bei Weitem überwiegen. Es hätte sowohl an einer flächendeckenden Präsenz im Freistaat als auch an Professionalität gemangelt. „Ich ertrage diese ritualisierte Politik, diese Ineffizienz, dieses Geschwätz und die Selbstverliebtheit nicht mehr“, warf er den zum Teil sichtlich betroffenen Delegierten an den Kopf.

Versöhnlicher schob er nach, dass auch er zu schwach gewesen sei, um das Ruder noch herumzureißen, und übernahm damit auch persönlich die Verantwortung für das Scheitern der Partei bei der Landtagswahl. Der Parteitag dankte ihm für die Brandrede unterschiedlich – von stehenden Ovationen bis hin zum Sitzen-bleiben, ohne auch nur ein höfliches Händeklatschen anzudeuten.

Der neue Landeschef: Frank Müller-Rosentritt.
Der neue Landeschef: Frank Müller-Rosentritt. © dpa/Peter Endig

Zastrow, der sich damit fast auf den Tag genau nach 20 Jahren von seinem Führungsposten verabschiedete, ließ nach seinem Abschiedsgeschenk – einem Ginkgobaum – dann aber alle in der Runde noch einmal aufhorchen. „Ich habe mich entschieden, eine landespolitische Pause anzutreten“, erklärte er selbstbewusst. Das lässt vieles offen, zumal der Gescheiterte ergänzte, er sei gerade erst im besten Politikeralter und habe den Kopf noch voll von Ideen. „Ich nehme keinen Abschied!“, legte er sich noch vor seinem Abgang von der Rednerbühne definitiv fest. Für manchen in der Neukieritzscher Tagungshalle klang das wie eine Drohung.

Die folgende Aussprache geriet sehr emotional, auch wenn gleich der erste Redner alle Anwesenden beschwor, er wolle „jetzt nicht im gleichen wütenden Ton reagieren, auch wenn ich großen Bock darauf hätte“. Er warnte, dann würde die Partei niemals damit aufhören, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Die meisten Delegierten hielten sich tatsächlich an diesen mit Beifall bedachten Aufruf. In den Reden ging es schnell um die Zukunft des Landesverbandes, um die neuen Kandidaten für den Landesvorstand und damit um eine langfristige Rückkehr auf die parlamentarische Landesbühne. 

Der einzige Kandidat für die Zastrow-Nachfolge - der Bundestagsabgeordnete Frank Müller-Rosentritt aus Chemnitz, der 2017 sächsischer Partei-Vize wurde - bekam schließlich viel Rückhalt. Der 37-jährige Betriebswirt wurde mit 189 Ja-Stimmen von den 250 Delegierten zum neuen Landesvorsitzenden gewählt. 49 Delegierte stimmten gegen ihn, zwölf enthielten sich. Ein liberaler Neustart mit gut 75 Prozent.

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In seiner knapp halbstündigen Antrittsrede sprach Frank Müller-Rosentritt davon, wie wichtig eine liberale Stimme für den Freistaat sei, dass die Freiheit gegen rechte und linke Extremisten verteidigt werden müsse und der Kampf gegen den Klimawandel genau so vehement geführt werden muss wie der für eine vernünftige Zuwanderungs- und Wirtschaftspolitik. Wenn dabei in der sächsischen FDP auch wieder große Meinungsvielfalt möglich sei, so sein Appell, wäre ihm um die Zukunft der Partei nicht bange. „Deshalb stehe ich hier!“ Die Liberalen haben offenbar einen neuen Plan.

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