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„Die AfD missbraucht das Lied meines Vaters“

In einem Wahlwerbespot der sächsischen AfD taucht die Melodie von „Unsere Heimat“ auf. Die Kinder des Komponisten gehen dagegen vor.

Jens Naumilkat kämpft im Sinne seines Vaters, der das Lied 1951 komponiert hat.
Jens Naumilkat kämpft im Sinne seines Vaters, der das Lied 1951 komponiert hat. ©  privat

Ein paar Takte der Melodie genügen, und der Kopf wühlt die Erinnerung hervor. Ganze Konzertsäle singen mit: „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer.“ Die Melodie von Hans Naumilkat erreichte schnell Volkshymnen-Charakter, schallte quer durch die DDR.

Ein aktuelles Video zeigt zu der Melodie von damals den Basteifelsen, einen Vogel, blühende Landschaften. Ein paar Takte, 20 Sekunden, dann sollten eigentlich die Kinderstimmen erklingen und Bäume, Tiere, das Korn auf dem Feld besingen. Stattdessen sagt eine Männerstimme: „Unser Sachsen, der schönste deutsche Freistaat.“ Es handelt sich um einen Wahlwerbespot der sächsischen AfD. Eine Joggerin erzählt darin später, dass man in Sachsen „super laufen“ gehen könne. Aber abends „seit Kurzem nur noch in Gruppen“.

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Ein Mann wünscht sich das Sachsen von „vor vier Jahren“ zurück. Eine Genehmigung für die Verwendung der Melodie haben die Produzenten nicht erfragt. Jens Naumilkat hörte den Spot der Partei im Radio. „Die AfD missbraucht das Lied meines Vaters, er wäre damit überhaupt nicht einverstanden. Sie steht für nichts, wofür er gestanden hat.“ Seit Hans Naumilkat 1994 gestorben ist, gehört die Komposition seinen drei Kindern. Eine Anwaltskanzlei aus Hamburg kämpft in deren Namen nun dafür, dass die AfD das Lied möglichst schnell aus ihrer Werbung streicht.

AfD lehnt Forderung Naumilkats ab

Die Forderung auf Unterlassung hat die AfD nach eigenen Angaben abgelehnt. Das Lied verwende sie, „weil es eins der schönsten ist, die es gibt“, sagt Andreas Harlaß, Pressesprecher und Kandidat der AfD. Man sei der Meinung, dass es sich bei dem Lied um öffentliches Gut handle. Jeder Mensch im Osten über 40 oder 50 kenne es, habe es in der Schule gesungen. „Den Anspruch des einzelnen Klägers sehen wir nicht als justiziabel an“, so Harlaß. Einer Verhandlung sehe man entspannt entgegen.

Jens Naumilkat sagt, dass die AfD den Ansichten seiner Familie widerstrebe. Einer Partei fühle er sich nicht zugehörig, seine Haltung sei links. Aus Sicht der AfD passt das Lied zur Kampagne. „Wir wollen zeigen, dass wir für die Heimat stehen. Dass wir unsere Heimat lieben und sie erhalten wollen“, heißt es. Naumilkat sieht das anders. Den Heimatbegriff wolle er der AfD nicht überlassen, sie verarme ihn. „Wir Linken haben auch eine Heimat. Migrantenhasser wollen sich hinter dem Begriff verschanzen.“

Für Naumilkat ist Heimat „wo ich lebe und mit meinen Freunden zusammen sein kann.“ Bis 1995 Berlin, heute Brandenburg. Früher hat der 65-Jährige vor allem als Cellist und nebenbei als Arrangeur und Komponist sein Geld verdient. Mit seinem Cello tritt er auch als Rentner noch auf, unterrichtet an der Musikschule und leitet ein Laienorchester. „Musik liegt bei uns im Blut.“ Auch seine Schwester führt die Passion des Vaters als Berufsmusikerin fort, sein Bruder musiziert privat.

Früher hat der 65-Jährige vor allem als Cellist und nebenbei als Arrangeur und Komponist sein Geld verdient. Mit seinem Cello tritt er auch als Rentner noch auf, unterrichtet an der Musikschule und leitet ein Laienorchester.
Früher hat der 65-Jährige vor allem als Cellist und nebenbei als Arrangeur und Komponist sein Geld verdient. Mit seinem Cello tritt er auch als Rentner noch auf, unterrichtet an der Musikschule und leitet ein Laienorchester. © privat

„Unsere Heimat“ wurde zum bekanntesten Werk von Hans Naumilkat. Er komponierte es 1951, Herbert Keller lieferte den Text. „Staatsnah“ sei der Vater gewesen, sagt Jens Naumilkat. 1961 verlieh der Staat ihm und Ehefrau Ilse, die häufig die Texte seiner Kompositionen schrieb, den Preis für künstlerisches Volksschaffen der DDR.

Wenn ein Chor das Lied singt, gebe es kein Problem, sagt Naumilkat. Nur wer es auf Tonträgern nutzt, brauche eine Genehmigung. Die Familie hat schon häufiger erlebt, dass Menschen die Melodie verwenden wollten. „Es gab die ulkigsten Anfragen.“ Ein Berliner Fußballverein etwa wollte es zur Klubhymne umdichten.

Naumilkat „liebt das Lied und den Text“, bei denen es nicht um nationalistische Gefühle, sondern eher um Naturschutz gehe. „Mich macht das Lied demütig, wenn ich mir überlege, was alles politisch und ideologisch kontaminiert ist. Ich denke an die Fische, die voll mit Blei und Abfällen sind, an die Dörfer in Mecklenburg, die verwaist sind.“

Ein Jurist, der Experte auf dem Gebiet ist, schätzte die Erfolgschancen auf eine einstweilige Verfügung in einem SZ-Gespräch als groß ein. Je nach Gericht könne die Entscheidung bestenfalls binnen drei bis vier Tagen fallen. Dann müsste die AfD die Verwendung unterlassen oder ihr drohe ein Bußgeld von bis zu 250 000 Euro. Sie könnte in Berufung gehen. Bis dahin müsste sie die Verwendung unterlassen.

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