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Die Affäre Rentzing wird zum Gesinnungskampf

Erzkonservative und nationale Kräfte solidarisieren sich mit dem Bischof und greifen die evangelische Landeskirchenleitung massiv an.

Der Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen, Carsten Rentzing, hat der Kirchenleitung seinen Rücktritt angeboten. Die will am Montag darüber entscheiden. Derweil macht im Internet eine Pro-Rentzing-Petition Furore, die auch von sächsisch
Der Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen, Carsten Rentzing, hat der Kirchenleitung seinen Rücktritt angeboten. Die will am Montag darüber entscheiden. Derweil macht im Internet eine Pro-Rentzing-Petition Furore, die auch von sächsisch © imago/epd/Norbert Neetz

Der Druck auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Sachsen ist auch am Donnerstag gestiegen. Mehr als 10.000 Menschen haben innerhalb von nur zwölf Stunden eine Petition unterschrieben, die den Verbleib von Carsten Rentzing als Landesbischof fordert. Der hatte vor einer Woche seinen Rücktritt angekündigt.

Wer die Petition verfasst hat, ist unklar. In der Erklärung ist von einer „Schmutzkampagne“ die Rede. Die Vorwürfe gegen Rentzing seien haltlos. Er sei seit seinem Amtsantritt 2015 „heftigen Anfeindungen und Angriffen“ ausgesetzt gewesen. Die Petition ist auf einer Internetplattform erschienen, die 2013 von ultrakonservativen Anwälten in Madrid gegründet worden war. Sie unterstützt vor allem Kampagnen gegen Abtreibung und liberale Auffassungen von Sexualität. In der Vergangenheit gestartete Petitionen auf der Plattform trugen Titel wie „Organspende: Nein zur Zwangsausschlachtung“.

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Die Kampagne zum Verbleib von Bischof Rentzing im Amt stößt vor allem in Sachsen auf Zustimmung. Der christdemokratische Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Petitionsausschusses, Marian Wendt aus Torgau, teilte mit, gegen den Landesbischof habe ein „von außen gesteuertes, linksorientiertes Kesseltreiben“ stattgefunden. Von einem „Kesseltreiben“ hatte zuvor auch schon der erzgebirgische CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß gesprochen.

Auf Twitter wurde in einem einheitlichen Tweet-Design zur Unterstützung der Petition aufgerufen, offensichtlich auch über computergesteuerte Programme. Unter den Befürwortern finden sich Klimaskeptiker, Esoteriker, Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker. Es sind aber auch namhafte Personen darunter, etwa die ehemalige sächsische Grünen-Fraktionschefin Antje Hermenau oder Hans-Joachim Berg, Ex-Referent des CDU-Hardliners Alfred Dregger. 

Zu den Unterstützern Rentzings gehören der Leipziger FDP-Politiker Friedrich Vosberg, der Leipziger Theologie-Professor Rochus Leonhardt, der Plauener Pfarrer Falk Klemm von der sächsischen Bekenntnis-Initiative sowie der pietistisch geprägte sächsische Gemeinschaftsverband.

Auch die sächsische AfD verteidigte Rentzing. Die Landeskirchenleitung habe sich „zum Erfüllungsgehilfen linker und linksextremistischer Meinungsvorgaben gemacht“, sagte Landeschef Jörg Urban. Entsprechend viel Zustimmung fand die Petition dann auch bei AfD-Lokalpolitikern von Berlin bis zum Erzgebirge. Auch die Gruppierung „Christen in der AfD“ solidarisierte sich mit dem Bischof. Der Vorstandschef der evangelischen Nachrichtenagentur Idea, Helmut Matthies, betonte, Rentzing sei beliebt an der Basis, nicht aber in den leitenden Gremien.

Der Präsident des sächsischen Landeskirchenamtes, Hans-Peter Vollbach, betonte, es sei allein die Entscheidung des Landesbischofs gewesen, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Keiner aus dem Landeskirchenamt habe ihn bedrängt. Aber es sei zunehmend schwieriger geworden, seinen Umgang mit seiner Biografie zu meistern.

Hintergrund der Affäre Rentzing sind unter anderem Texte, die er als Student geschrieben und herausgegeben hat. Die Kirchenleitung stuft diese als „elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich“ ein. Sie seien „aus damaliger und aus heutiger Sicht unvertretbar“. Auf die Frage, ob die Vergangenheit von Bischofskandidaten in Sachsen künftig genauer geprüft werde, sagte Vollbach: „Ich gehe fest davon aus, dass das so sein wird.“ Die Kirchenleitung will am Montag entscheiden, ob sie Rentzings Rücktrittsgesuch annimmt. Einer Entscheidung wolle er nicht vorgreifen, sagte Vollbach. „Aber die Ausgangslage ist, dass der Bischof selbst das Rücktrittsangebot gemacht hat.“

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Einen potenziellen Nachfolger bestimmt das Kirchenparlament, die Synode. Das amtierende Gremium tagt Ende November letzmalig. Neuwahlen finden erst im März 2020 statt, die erste reguläre Sitzung dann erst wieder im Herbst 2020. Vollbach sagte, es bestünde die Möglichkeit, eine Sondertagung der jetzigen Synode einzuberufen. Der Bischof selbst will sich nach SZ-Informationen erst nach seinem Urlaubsende am 26. Oktober äußern.

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