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Die Albrechtsburg als Tresor in der Nazizeit

Eine Führung präsentiert neuste Forschungsergebnisse zu einer Zeit, als die Burg in Meißen für bombensicher gehalten wurde.

Hier in einem Raum im Erdgeschoss der Burg, welcher heute für Sonderausstellungen genutzt wird, war während des Krieges die Sixtinische Madonna von Raffael  versteckt.
Hier in einem Raum im Erdgeschoss der Burg, welcher heute für Sonderausstellungen genutzt wird, war während des Krieges die Sixtinische Madonna von Raffael versteckt. © Claudia Hübschmann

Meißen. Der Aachener Dombaumeister Joseph Buchkremer traute möglicherweise seinen Meißner Kollegen nicht so ganz. Akribisch dokumentierte er 1941, wo der Aachener Domschatz in der Albrechtsburg eingelagert war. Skizzen und Fotos hielten die Standorte der Kisten tief unten im Wendelsteinkeller fest.

Der Eifer des weithin geschätzten Architekten kam nicht von ungefähr. Die vergoldete Karlsbüste mit der Schädeldecke des Kaisers, das wertvolle Lotharkeuz und weitere einmalige Kirchenschätze sollten in Meißen vor der Furie des Krieges Schutz finden. Aachen, weit im Westen des Dritten Reiches gelegen und so durch britische Bomber gut erreichbar, hatte bereits am 5. September 1939 seinen ersten Bombenangriff erlebt.

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In einem ersten Schritt transportierten Helfer die unschätzbar wertvollen Reliquien und Schmuckstücke in das niedersächsische Schloss Bückeburg. Als auch dort Bomben fielen, wurde im Auftrag des Reichsführers SS Heinrich Himmler in Sachsen ein neues Versteck gesucht.

Die Karlsbüste und weitere Teile des Aachener Domschatzes wurde in den 1940er Jahren unter dem Wendelstein in einem Keller  eingelagert. 
Die Karlsbüste und weitere Teile des Aachener Domschatzes wurde in den 1940er Jahren unter dem Wendelstein in einem Keller eingelagert.  © Wikipedia

Für den Museologen der Albrechtsburg, Falk Dießner, sind die Aufzeichnungen Buchkremers heute ein Glücksfall. Mit ihnen als Grundlage und dank umfangreicher Recherchen seiner Kollegen Dr. Birgit Finger und Alexander Hänel für die Sonderschau „Bombensicher. Kunstversteck Weesenstein“ sei es 2018 möglich gewesen, dieses spärlich beleuchtete Kapitel der Schlossgeschichte zu erschließen, sagt er. In einer anderthalb Stunden dauernden Führung hat Dießner nun die spannendsten Fakten konzentriert.

„Es ist ja kein Zufall, dass über diese Zeit bislang wenig bekannt ist“, so der Museologe. Die damals Verantwortlichen wollten den Kreis derer, die um die riesigen Mengen an Kunstschätzen in der Albrechtsburg wussten, möglichst klein halten. Einmal ging es darum, die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Zum anderen diente die strenge Geheimhaltung der Sicherheit. Die Albrechtsburg sei aus diesem Grund als besonders geeignet eingestuft worden. Durch ihre exponierte Lage auf einem Felssporn lässt sie sich vergleichsweise einfach abriegeln. Zudem war mit den Angestellten der Burg Personal vorhanden, um das Depotgut zu betreuen.

Beim Vorbereiten seiner neusten Führung hat Dießner verschiedene Perioden in der Nutzung von Deutschlands erstem Schlossbau als Kunsttresor während des Zweiten Weltkrieges ausgemacht. Bereits unmittelbar nach dem Angriff auf Polen am 1. September, sei daran gegangen worden, die bedeutendsten Stücke aus den Dresdner Sammlungen bombensicher unterzubringen. 

Ein Keller unter dem Wendelstein. 
Ein Keller unter dem Wendelstein.  © PR/Beckstet

Für die schon weithin als Kulturdenkmal erkennbare Burg, wurde in der Anfangsphase des Krieges davon ausgegangen, dass diese nach Artikel 27 der Haager Landkriegsordnung nicht angegriffen würde. Der Ende des 19. Jahrhunderts geschlossene internationale Vertrag legte fest, dass im Kriegsfalle „alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen werden, um die dem Gottesdienste, der Kunst, der Wissenschaft und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die geschichtlichen Denkmäler ... soviel wie möglich zu schonen ....“.

Ob auf der anderen Seite, die Meißner Burg von ihrer mittelalterlichen Kompaktheit her wirklich bombensicher gewesen wäre, darüber lässt sich streiten. Dießner verweist auf das Beispiel der Marienburg in Westpreußen. Von Ende Januar bis Anfang März 1945 leisteten in den massiven Mauern deutsche Soldaten der nach Westen vorandrängenden Roten Armee hinhaltenden Widerstand. Auch schwere sowjetische Artillerie vermochte es nicht, die eingeschlossenen Truppen schneller niederzukämpfen.

Welches Vertrauen der Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Hans Posse in die Mauern der Albrechtsburg setzte, zeigt sich in der Auswahl der in Meißen untergebrachten Bilder. Dazu zählten die Sixtinische Madonna von Raffael, der Zinsgroschen von Tizian oder die Alte mit dem Kohlenbecken von Rubens. Falk Dießner blickt aus dem Fenster eines der Sonderausstellungsräume im Erdgeschoss der Albrechtsburg. Dank der Aktennotiz eines Mitarbeiters der Gemäldegalerie stehe mittlerweile fest, dass hier die Sixtina in einer mit einem Vorhängeschloss gesicherten Kiste gestanden habe. Den Schlüssel bewahrte Schlossverwalter Borsdorf auf.

Nur dank der Inspektionsreise eines Angestellten der Dresdner Gemäldegalerie während des Krieges nach Meißen wissen wir, wo die Sixtinische Madonna von Raffael genau versteckt war.
Nur dank der Inspektionsreise eines Angestellten der Dresdner Gemäldegalerie während des Krieges nach Meißen wissen wir, wo die Sixtinische Madonna von Raffael genau versteckt war. © dpa/Archiv

Im Laufe des Krieges bekam die Sixtina Gesellschaft. Stücke aus der Dresdner Porzellansammlung, die historischen Formen der Meissener Manufaktur und zahlreiche weitere wertvolle Gegenstände brachten den historischen Bau an die Grenzen seiner Kapazität. Als sich die Wehrmacht nach dem Desaster von Stalingrad spätestens ab 1943 im stetigen Rückzug befand, mehrten sich allerdings Stimmen, welche Zweifel an der Sicherheit der Burg anmeldeten. Zudem gab es Kritik an den klimatischen Verhältnissen.

Der nach dem Tod von Hans Posse neu bestellte Galeriedirektor Hermann Voss reagierte. Im Dezember 1943 wurden die Sixtinische Madonna und weitere Gemälde in einen klimatisierten Eisenbahnwagen nach Rottwerndorf in der Sächsischen Schweiz verfrachtet. Der Waggon wiederum fand seinen Platz in einem Tunnel, welcher die Steinbrüche des Lohmgrundes mit dem Bahnhof Großcotta auf der Dohnaer Seite verband.

Auch der Aachener Dombaumeister Joseph Buchkremer holte seine Schätze aus Meißen. Im Herbst 1944 wurden sie vor der näher rückenden Roten Armee aus Sachsen mit Lkw nach Siegen im Rheinland abtransportiert. Dort erlebten Karlsbüste und Lotharkreuz in einem stillgelegten Stollen unversehrt das Kriegsende.

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Die nächste Führung zur Albrechtsburg als Bergungsort von Kunstschätzen im Zweiten Weltkrieg findet am 24. Mai, 19 Uhr statt.

Tickets für 22 Euro gibt es über Eventim und in allen bekannten Eventim-Vorverkaufsstellen.

Die Restkarten werden am Tag der Veranstaltung ab 10 Uhr an der Kasse der Albrechtsburg verkauft.

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