SZ +
Merken

Die alte Tuchfabrik machte Dampf

Vor 175 Jahren hielt bei Bergmann & Krause die erste Görlitzer Dampfmaschine Einzug.Am Standort auf der Rothenburger Straße erinnert nichts mehr daran. Dort wird jetzt abgerissen.

Teilen
Folgen

Von Wolfgang Stillerund Ralph Schermann

Auf der Rothenburger Straße hat ein Fabrikgebäude ausgedient. Lange Zeit war es ohnehin schon dem Verfall preisgegeben, jetzt fällt der Schornstein, verschwinden Werkstätten. Manche sagen Teichmühle zu dem Komplex, weil der früher eben so hieß. Bis 1956 befand sich in diesen Gebäuden die Spinnerei der Oberlausitzer Volltuchfabrik. Dann gab es einen Tausch: Volltuch erwarb ein Grundstück auf der Uferstraße als Werk 4 (heute entsteht dort ein Park), und von dort zog der VEB Holzverarbeitung auf die Rothenburger Straße/Ecke Nikolaigraben. Bis 1990 befand sich darin eine Möbelfabrik – dann endete die industrielle Nutzung dieses Areals.

Als dieses tatsächlich noch die Teichmühle war, hielt vor mittlerweile 175 Jahren ein ganz besonderer Fortschritt Einzug. An jener Stelle nämlich, die heute auf die Abrissbirne wartet, wurde 1837 die erste Görlitzer Dampfmaschine aufgestellt. Sie leistete zehn PS, für die damalige Zeit gewaltig. Betreiber war die Firma Gebrüder Bergmann und Krause, und dieser Betrieb wiederum hat in Görlitz eine lange Geschichte. Als Stammväter gelten die Brüder Christian Wilhelm sowie Carl Friedrich Krause, die gemeinsam mit den Brüdern Johann Gottlieb und Samuel Gustav Bergmann die damals am noch offenen Lunitzbach liegende Teichmühle für 3800 Taler kauften. Sie wollten eine Wollspinnerei eröffnen. Da etwas oberhalb die Pulvermühle lag, die bereits die Wasserkraft der Lunitz nutzte, kauften Bergmann & Krause diese dazu, um möglichem Streit aus dem Weg zu gehen. Während die Teichmühle dem Spinnereibetrieb diente, betrieben sie in der Pulvermühle das Walken, Rauhen und Färben von Tuchen. Als die Wasserkraft des Baches nicht mehr ausreichte, wurde beschlossen, sich eine Dampfmaschine zuzulegen. Geliefert wurde das gute Stück von der Aachener Firma Regnier. In Görlitz sorgte das für Aufsehen, denn immerhin begann bei Bergmann & Krause ein neues technisches Zeitalter in den Mauern der Neißestadt. 1845 bekam auch die Pulvermühle eine Dampfmaschine mit 12 PS. Nach 1852 schieden Bergmanns aus, ab 1862 hieß die Tuchfabrik Krause & Söhne. In jenen Jahren gab es auch die nächsten industriellen Pionierleistungen, denn der mechanische Webstuhl trat seinen Siegeszug in der Welt an. Wieder gingen die Krauses voran und beschafften zeitig solche Maschinen.

Am Grünen Graben entstand ein großes Webereigebäude, moderne Dampfkessel inklusive. Dennoch wurde der Absatz vorübergehend schwieriger. Die Betriebsführung wechselte in den kommenden Jahrzehnten oft, teils innerhalb der Familie, teils mit Berufung Außenstehender. Als sich Ausgang des 19.Jahrhunderts neue Absatzgebiete im Ausland erschlossen, wurde erneut eine Betriebsvergrößerung am Grünen Graben erforderlich.

1913 stellte die Tuchfabrik Krause & Söhne über 400000 Stück Tuch her, das sind etwa 20 Millionen Meter. Zwei Weltkriege brachten schließlich aber auch diese Firma in Schwierigkeiten. Nach 1945 ging die Oberlausitzer Volltuchfabrik mit sechs Werken aus der Krause-Tradition hervor, die die Görlitzer Tuchmacher-Anerkennung bis zur Abwicklung 1990 fortschrieb. Auch ihre Artikel waren bedeutende Exportschlager.