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„Die anderen Fahrer sind ja keine Schnarchnasen“

Timo Glock spricht über sein Leben als Vater in der Schweiz sowie die Unterschiede zwischen DTM und Formel 1.

© BMW/Daniel Reinhard

Er ist der erste Einheimische. Timo Glock gelang das, was vor ihm lediglich Jean Alesi und Mika Häkkinen schafften: Als dritter ehemaliger Formel-1-Fahrer gewann der gebürtige Hesse ein Rennen der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM). Er siegte wie der Franzose und der Finne in seiner Debütsaison. Der 32-jährige ausgebildete Gerüstbauer musste darauf aber bis zum Finale auf dem Hockenheimring warten. Dennoch sieht seine Bilanz bereits jetzt besser aus als die einstiger Grand-Prix-Gewinner wie David Coulthard, Heinz-Harald Frentzen und Ralf Schumacher.

Timo Glock und Isabell Reis sind seit 2008 ein Paar und seit 2013 Eltern.
Timo Glock und Isabell Reis sind seit 2008 ein Paar und seit 2013 Eltern. © Frank Rumpenhorst/dpa

Herr Glock, Sie haben seit 2013 einen Sohn. Was ist mit ihm seither anders?

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und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Das Leben mit ihm ist schon sehr interessant – beispielsweise, wenn er beschäftigt, bespaßt und bespielt werden will, während ich Formel 1 im Fernsehen gucke. Da verpasse ich natürlich gern einige Runden und albere lieber mit ihm rum.

Sie leben wie einige andere Rennfahrer in der Schweiz. Aus Steuergründen?

Überhaupt nicht. Wir machten in Deutschland viele schlechte Erfahrungen – mit aufdringlichen Fans und Fotografen. Es ist halt nicht angenehm, wenn meine Freundin plötzlich von einem Laserpointer im Gesicht getroffen oder man teils im Auto verfolgt wird. Da wird es irgendwann schwierig abzuschalten. Viele Profis leben in der Schweiz. Wir lieben die schöne Gegend am Bodensee und die zurückhaltenden Leute.

Sie stiegen 2013 aus der Formel 1 zu BWM in die DTM um. Wie fühlen Sie sich ein Jahr nach Ihrer Rückkehr?

Sehr wohl. Einige Leute kannte ich noch aus meiner Zeit als Formel-1-Testfahrer bei BMW-Sauber. Das machte mir die Eingewöhnungsphase bedeutend einfacher. Ich fühlte mich von Anfang an wie zu Hause.

Welche Unterschiede gibt es zwischen einem DTM- und einem Formel-1-Auto – außer Dach und Scheibenwischer?

Das sind zwei völlig andere Autos. Die DTM-Boliden ähneln äußerlich ein Stück weit normalen Straßenfahrzeugen. Die Kosten bleiben vergleichsweise niedrig. Dafür sorgen die Regeln. Sie schränken die Entwicklung der Wagen ein. Das finde ich auch sinnvoll. Die Leute wollen spannende Rennen und knallharte Zweikämpfe sehen. Das Formel-1-Cockpit ist dagegen offen. Die Mannschaften entwickeln das Auto permanent weiter, um es so schnell wie möglich zu machen. Die DTM-Boliden sind beinahe doppelt so schwer und haben deutlich weniger Leistung. Ich musste meinen Fahrstil ändern. Bei der Dichte des Feldes verliert man da und dort eine Zehntelsekunde auf die Besten und steht dann im Nirgendwo.

Es gibt zehn DTM-Läufe in Europa – im Gegensatz zu 19 Formel-1-Rennen weltweit. Wie nutzen Sie die freie Zeit?

Natürlich mit meiner Familie. Außerdem gibt es sehr viele andere Termine. Die Winterpause ist tatsächlich ein paar Wochen länger. Wir beginnen später und hören eher auf. Das ständige Reisen fällt weg. Das ist richtig. Allerdings hätte ich gegen ein paar zusätzliche Rennen nichts einzuwenden. Außerdem hatten die Reisen rund um den Globus auch immer ihren Reiz.

Was war für Sie das größte Problem beim Wechsel?

Ich musste mit sehr wenig Zeit auskommen. Seit 2013 gibt es für die DTM nur noch Sonnabend und Sonntag. Auf Strecken wie dem Lausitzring oder der Arena in Oschersleben fuhr ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Da geht es um Details.

Wie sehr ärgerte es Sie, dass bereits Ihr Scheitern prognostiziert wurde?

Ich hole im dritten DTM-Lauf den ersten Podestplatz und werde nach dem vierten, fünften oder sechsten Rennen, als es nicht mehr klappte, abgeschrieben. Das kann ich nicht verstehen. Kollegen wie Titelverteidiger Mike Rockenfeller benötigten einige Jahre bis zum ersten Sieg. Ex-Formel-1-Fahrer sollen in ihrer ersten DTM-Saison vorn dabei sein und im zweiten Jahr den Titel holen. Die anderen Fahrer sind ja keine Schnarchnasen. In der DTM herrscht ein extrem hohes Niveau.

Sie sind der dritte einstige Formel-1-Fahrer nach Jean Alesi und Mika Häkkinen, der ein DTM-Rennen gewann. Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?

Sehr viel. Es ist aller Ehren wert, dass die Leute das vergleichen. Dieser Sieg befreit auch ein bisschen vom Fluch der Ex-Formel-1-Fahrer. Ich siedele ihn weit oben an. Mein letzter Triumph lag ja schon ziemlich lange zurück. Er gelang mir 2007 beim Grand-Prix-2-Saisonfinale. Anschließend folgten die beiden zweiten Plätze in der Formel 1. Das waren absolute Höhepunkte.

Inwiefern veränderte der Hockenheimring-Sieg Ihre Bilanz im Premierenjahr?

Nicht so sehr. In zehn Rennen nur zweimal in den Punkten – damit bin ich nicht zufrieden. Das zeigt aber auch die unglaublich hohe Leistungsdichte in der DTM.

Wie sehr vermissen Sie die Formel 1?

Überhaupt nicht. Der Abschied fiel mir keinesfalls schwer. Ich befasste mich schon in meiner Zeit bei Virgin und Marussia mit der schwierigen finanziellen Lage kleiner Mannschaften. Bezahlfahrer, die klamme Rennställe mit Geld sponsern, bestimmen die Cockpitsuche. Das ist beängstigend und hat mit Motorsport nichts mehr zu tun.

Wie sehr brodelt es in Sebastian Vettel?

Er ist keinesfalls zufrieden – und sein Team auch nicht. Das ist eine neue Situation für alle. In den vergangenen Jahren spulten sie die Saison reibungslos ab. Für Sebastian Vettel gilt es, ruhig zu bleiben. Es bringt ja nichts, sich verrückt zu machen. Das Jahr ist lang. Da kann noch viel passieren.

Was kann Red Bull machen?

Die Mannschaft kann es schaffen und zurückschlagen. Sie gehört trotz aller Probleme immer zu den Favoriten. Der Rennstall ist nicht umsonst viermal hintereinander Weltmeister geworden und so erfahren, dass er weiß, woran das Team jetzt arbeiten muss.

Welche Chancen räumen Sie Mercedes und Nico Rosberg in dieser Saison ein?

Sehr große. 2014 gehören die Silberpfeile zu den Kandidaten auf die Titel. Nico Rosberg bewies 2012 mit seinem ersten Grand-Prix-Erfolg und 2013 mit zwei weiteren Rennsiegen, dass er gewinnen kann. Sein britischer Teamgefährte Lewis Hamilton besitzt aber die gleichen Möglichkeiten.

Was halten Sie von der neuen Formel 1?

Sie kostet extrem viel Geld. Besonders die kleinen Rennställe tun sich schwer mit den enormen Entwicklungskosten. Aber die Hersteller wollten die neue Technik unbedingt, um ihre Kompetenz zu beweisen. Schließlich geht es auch um ihre Produkte. Die Zuschauer interessiert es herzlich wenig, ob ein Auto jetzt ein oder zwei Sekunden langsamer oder schneller fährt. Letztlich müssen der Rennsport und die Show stimmen. Alles andere ist nebensächlich.

Motorsport kann auch gefährlich sein. Wie gehen Sie mit dem Risiko um?

Ich habe kein Problem damit. Verletzen kann man sich überall, beispielsweise im Straßenverkehr und in anderen Sportarten. So werden Radprofis in Massenstürze verwickelt, oder Tennisprofis knicken um.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Sicherheitsstandards in DTM und Formel 1?

Sie sind extrem hoch und die beiden Rennserien auf einem sehr guten Weg: mit noch stabileren Autos, besseren Helmen sowie längeren und immer häufiger auch asphaltierten Auslaufzonen anstatt Kiesbetten.

Wie sicher fahren Sie privat?

Sehr sicher. Ich rase jedenfalls nicht wie ein Verrückter über die Landstraßen. Nur abends, wenn die Autobahnen frei sind, bin ich auch schneller unterwegs. Ansonsten fahre ich mit Respekt und Überblick.

Und was halten Sie vom Senioren-Tüv von 65 Jahren an im Straßenverkehr?

Das finde ich sinnvoll, weil einige ältere Leute mit den neuen Autos und der neuen Technik sicherlich ein bisschen überfordert sind. Es ist sehr wichtig, fit zu bleiben.

Das Gespräch führte Maik Schwert.

TV-Tipp zur Formel 1: RTL – Sa., 7.30 Uhr; So., 9 Uhr.