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Die Anewand ganz weit draußen

Ein SZ-Leser freute sich, dass ein beinahe ausgestorbener Begriff in der Zeitung zu Ehren kam. Dabei ist er gar nicht so unbekannt.

Dieses Straßenschild in Schmiedeberg erinnert an den alten Ausdruck Anewand, aber erst seit 2006.
Dieses Straßenschild in Schmiedeberg erinnert an den alten Ausdruck Anewand, aber erst seit 2006. © Karl-Ludwig Oberthuer

Es war der Bericht über einen Feuerwehreinsatz, der unserem Leser Peter Gerlach eine besondere Freude bereitet hat. Die Schmiedeberger Wehr hat einen Ölfilm beseitigt, nichts Spektakuläres. Aber die Aktion hat sich an der Straße „An der Anewand“ abgespielt, und dieser alte Begriff weckte bei ihm Erinnerungen. „Im Artikel der Freitaler Ausgabe las ich heute den Begriff 'Anewand'. Wer kennt schon dieses Wort, zumal es heutzutage fast nicht mehr in Gebrauch ist. Auch bei mir war diese Formulierung verschüttet“, schreibt unser Leser. 

„Ich dachte an typisch sächsische Sprechweise. Nun erinnerte ich mich, dass ich vor ungefähr 70 Jahren dieses Wort bei Bauern hörte, die bei der Feldbearbeitung die breiten Feldränder beim Pflügen zum Wenden brauchten. Dieser Bereich wurde später bestellt oder es wurden darauf andere Feldfrüchte angebaut. Ich freue mich, wenn solche Sprachschätze nicht vergessen werden. Um den unkundigen Städtern zu helfen, könnte man in Klammern die Erklärung anbieten.“

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Mit Selbstironie und Humor

Eigentlich ist diese Erinnerung ja dem Gemeinderat von Schmiedeberg zu verdanken. Dieser hat vor 14 Jahren einige doppelte Straßennamen durch Umbenennung beseitigt,  in diesem Zug einen Nebenweg der Altenberger Straße mit einem neuen Namen ausgestattet und nach der traditionellen Anewand benannt und so dazu beigetragen, den Begriff dem Vergessen zu entreißen.

Denn er ist sehr selten. Selbst das elektronische Archiv der Sächsischen Zeitung oder auch Google spucken nur einige wenige Beispiele für seine Verwendung aus. Günter Groß in Dippoldiswalde, der Historiker des Osterzgebirges, kennt den Begriff in zwei Bedeutungen. Einmal ist es der Rand, der das Feld abgrenzt und der oftmals nicht so fruchtbar ist. Daher hat der Name auch etwas Abfälliges. Und insgesamt heißt die Grenzregion zu Böhmen hin im Volksmund auch „die böhmische Anewand“. Das kennt Groß als festen Begriff. Ihrerseits nennen sich die Bewohner des Erzgebirgskamms und der sächsisch-böhmischen Schweiz mit selbstironischem Humor auch danach.

Keine Besonderheit nur des Holzäppelgebirges

Beispielsweise hat 2005 die Sebnitzer Musikgruppe „Die Grenzgänger“ auf ihrer CD gesungen: „Wir vier kommen von der Sächsisch-Böhm'schen Anewand. Von Schandau bis nach Rumburk, da sind wir bekannt.“ Auf Facebook ist auch die Seite „Anewand-Racing-Team“ zu finden. Die gehört einer Gruppe von Mopedfans aus der Gegend zwischen Fürstenwalde und Hermsdorf/Erzgebirge, eben von der böhmischen Anewand.

Auch Landrat Michael Geisler (CDU) hat den Begriff einmal verwendet. Er nannte 2015 die böhmische Anewand als Begriff für die besonders entlegenen Orte im Landkreis, wo die demografische Entwicklung einen negativen Trend verzeichnet und wo der Speckgürtel von Dresden weit entfernt ist.

Aber das weltweite Datennetz und die Suchmaschine Google informieren uns auch, dass der Begriff Anewand keine sprachliche Besonderheit nur des Holzäppelgebirges ist, sondern auch in anderen Teilen Europas vorkommt. Das Wörterbuch der elsässischen Mundarten von 1899 kennt die Anewand als kleines Stück Wiese oder Rain am Ende eines Ackers. In Südtirol nennt Google Ferienhäuser und Hotels mit diesem Namen. Durchaus denkbar, dass sie nach einer ebenso entlegenen Gegend benannt sind. Denn gerade entlegene Gegenden sind meist wunderschön. Das werden sicher unsere Leser von der böhmischen Anewand bestätigen.  

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