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"Die Panik der Deutschen"

Tschechien macht die Grenzen dicht. Bevor ab Sonnabend keiner mehr ins Land darf, muss am Freitag gefühlt jeder noch mal rüber. Ein Vor-Ort-Bericht aus Varnsdorf.

Schnell noch mal den Kanister füllen: Auch Brigitte Domschke aus Leutersdorf hat sich am Freitagnachmittag in die Schlange an der Varnsdorfer Tankstelle eingereiht.
Schnell noch mal den Kanister füllen: Auch Brigitte Domschke aus Leutersdorf hat sich am Freitagnachmittag in die Schlange an der Varnsdorfer Tankstelle eingereiht. © Matthias Weber/photoweber.de

Ivan Berka steht und schüttelt ungläubig den Kopf. Mit einem Kameramann ist der Fernsehjournalist aus Liberec (Reichenberg) am Freitagnachmittag an den Grenzübergang nach Varnsdorf (Warnsdorf) gekommen. Eigentlich will er hier filmen, wie die Polizei Tschechiens Außengrenzen abriegelt.

Denn ab Mitternacht soll ja hier alles dicht sein. In Tschechien ist der Notstand ausgerufen, dann darf keiner mehr rein oder raus. Alle Grenzübergänge werden - vorerst bis zum kommenden Mittwoch - geschlossen sein. Nur der zwischen Neugersdorf und Jirikov (Georgswalde) bleibt offen - aber auch nur für Rettungsfahrzeuge und Menschen, die in Tschechien arbeiten oder einen anderen triftigen Grund für die Einreise haben. Einkaufen, Friseur, Restaurantbesuch, Wandern, Ausflüge - alles keine triftigen Gründe. Die tschechische Polizei kündigt strenge Kontrollen an - auch über den 13. März hinaus.

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Aber von Barrikaden-Bau ist an diesem Freitagnachmittag kein bisschen zu spüren. Ganz im Gegenteil. Der Verkehr aus Richtung Seifhennersdorf rollt und rollt und rollt. Da bekommt Ivan Berka ganz andere Bilder in die Kamera als gedacht: "Die Panik der Deutschen", wie er das kopfschüttelnd formuliert. 

Die Deutschen müssen alle schnell noch mal tanken. Rund 20 Cent sparen sie beim Normalbenzin. "Das macht schon was aus", sagt Brigitte Domschke aus Leutersdorf. Geduldig wartet die Rentnerin in ihrem weißen Opel Corsa in der Schlange. Die rückt nur langsam, denn die meisten haben auch gleich noch Kanister dabei. Und es gibt zwar acht Tanksäulen, aber nur einen Mann an der Kasse. 

Schlangestehen am Freitagnachmittag an der Tankstelle in Varnsdorf, bevor um Mitternacht die Grenzen geschlossen werden. 
Schlangestehen am Freitagnachmittag an der Tankstelle in Varnsdorf, bevor um Mitternacht die Grenzen geschlossen werden.  © Matthias Weber/photoweber.de

Nach einer halben Stunde ist Brigitte Domschke endlich bis zur Tanksäule vorgerückt. Und auch sie holt einen 20-Liter-Kanister aus dem Kofferraum. Der Rentner aus Neugersdorf an der Säule neben ihr hat im Schuppen sogar noch einen alten Kanister aus DDR-Zeiten gefunden. 

Brigitte Domschke und ihr Mann sind gut vorbereitet auf den Ausnahmezustand. Sie haben sich mit Reis und Nudeln bevorratet und die Gefriertruhe mit Fisch und Schnitzelfleisch aufgefüllt. "Verhungern werden wir nicht", sagt die 83-Jährige und schmunzelt gewitzt: "Wir machen uns aber auch nicht verrückt. Es wird schon nicht so schlimm werden." 

Händler Tony vom Zigarettenladen gleich hinter der Grenze kann am Freitag noch einmal traumhaften Umsatz verzeichnen. Ab Sonnabend bricht ihm der größte Teil seiner Kunden erst einmal weg.
Händler Tony vom Zigarettenladen gleich hinter der Grenze kann am Freitag noch einmal traumhaften Umsatz verzeichnen. Ab Sonnabend bricht ihm der größte Teil seiner Kunden erst einmal weg. © Matthias Weber/photoweber.de

Im Geschäft schräg gegenüber der Tankstelle haben sich die Regale an diesem Freitagnachmittag schon merklich geleert. Händler Tony macht noch einmal traumhaft Umsatz. Die Deutschen kaufen stangenweise die Zigaretten auf. Tony bedient sie nur noch mit Mundschutz. "Corona, überall Corona", sagt der Mann. Ab Sonnabend wird ihm erst einmal der größte Teil seiner Kunden wegbrechen. 

"Es gibt doch ganz andere Probleme"

"Es gibt doch ganz andere Probleme", sagt Frank Lange, der Kriminalpolizist ist und eng mit den Kollegen aus Varnsdorf zusammenarbeitet. Er hat gerade noch mal letzte  Absprachen im Grenzrevier getroffen. Mit den Kollegen aus Varnsdorf darf er sich ab sofort nur noch per E-Mail verständigen. "Das wird schon ziemlich hinderlich", ahnt er. 

Aber die wirklichen Probleme, die spielen sich ganz woanders ab: In der Wirtschaft. In den Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Bei den Eltern, deren Kinder jetzt zuhause bleiben sollen, die auf Arbeit aber dringend gebraucht werden. "Keiner weiß, was noch kommt", sagt Ivan Berka, der Journalist aus Liberec. "Die Leute sind alle nervös." Er packt das Mikrofon ein und winkt den Kameramann heran. Genug für heute. Morgen kommt es garantiert noch viel dicker.

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