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Die Angst der Sachsen vor der Digitalisierung

Und warum sie unbegründet ist - gerade in einem Land wie Sachsen.

Ohne schnelles Internet wird es auch nichts mit der zügigen Digitalisierung. Voraussetzung dafür sind unter anderem neue Glasfaserkabel, wie sie hier von einem Fachmann installiert werden.
Ohne schnelles Internet wird es auch nichts mit der zügigen Digitalisierung. Voraussetzung dafür sind unter anderem neue Glasfaserkabel, wie sie hier von einem Fachmann installiert werden. © dpa

Von Thomas Bürger

Mit dem Sputnik und der Landung auf dem Mond begann auch das digitale Zeitalter. Marshall McLuhan hatte schon 1962 in seinem Bestseller über die Gutenberg-Galaxis prophezeit, dass die Computer die Welt in ein globales Dorf verwandeln werden. Vor 30 Jahren, 1989, stellte Tim Berners-Lee erstmals die Idee des Internets im Genfer Forschungszentrum CERN vor. Was die Wissenschaftler aus aller Welt verbinden sollte, kommt heute der gesamten Weltbevölkerung zu Gute. Die elektronische Kommunikation, von der schon der Lebensreformer Eduard Bilz 1907 in seinem Radebeuler Zukunftsroman „In hundert Jahren“ träumte, hat seit Erfindung des Smartphones die Welt tatsächlich zu einem globalen Dorf verbunden.

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Bei allen technischen Neuerungen folgt bekanntlich nach der ersten Begeisterung eine öffentliche Debatte zur Abwehr der damit verbundenen Zumutungen. Das Telefon, die Eisenbahn, das Fahrrad, alle Erfindungen wurden angefeindet, bis sie nach einer Zeit der Gewöhnung praktisch genutzt und akzeptiert wurden.

Die Digitalisierung der Kommunikation und der Arbeitswelt ist ein weiterer technologischer Quantensprung. Daten sind jetzt der wertvollste Rohstoff, Informationstechnologien entscheiden über neues Wissen, neue Arbeitsplätze, neuen Reichtum. Sie öffnen aber auch Fehlentwicklungen wie Datenmissbrauch, kommerziellen Abhängigkeiten oder sozialer Spaltung Tür und Tor.

Kaum Zeit, Erfolge zu bestaunen

Die Risiken und Nebenwirkungen digitaler Technologien – von Falschnachrichten und Hassmails bis zur globalen Cyberkriminalität – halten die öffentliche Aufmerksamkeit seit Jahren in Atem. Hinzu kommen Verlustängste bei der Umstellung von analogen zu digitalen Verfahren. Da bleibt wohl zu wenig Zeit, Erfolge und Fortschritte zur Kenntnis zu nehmen, aus Erfahrungen schnell zu lernen und sich selbst besser fortzubilden und gegen Auswüchse zu wappnen. Blicke in die Geschichte zeigen, dass sich der Arbeitsmarkt seit Jahrhunderten ständig verändert hat, dass neue Technologien den Wohlstand förderten, dass bei den meisten zivilisatorischen Entwicklungen unterm Strich mehr Fortschritte als Rückschritte geblieben sind und, besonders wichtig, dass Fehlentwicklungen korrigierbar und Veränderungen zum Besseren möglich und notwendig sind.

Bildung war und ist der entscheidende Schlüssel zu gesellschaftlichen Fortschritten. Deutschland belegte 2018 im IMD-Ranking zur digitalen Wettbewerbsstärke den 14. Platz im Bereich „Wissen“ – Singapur, Israel, Kanada, USA und Hongkong schafften es auf die Plätze eins bis fünf. Es gibt bei uns also noch einiges aufzuholen. Sachsen hat gerade den Exzellenzstatus der Technischen Universität Dresden und den ersten Platz beim schulischen Bildungsmonitor erfolgreich verteidigt. Das liegt auch daran, dass der Freistaat als Hochtechnologieland richtige Weichen gestellt hat und die MINT-Fächer (Medizin, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) von der Schule bis zur Universität sowie in der beruflichen Bildung seit Generationen eine wichtige Rolle spielen.

Dennoch gibt es auch in Sachsen akuten Handlungsbedarf, wie der Bildungsmonitor ebenfalls zeigt, zum Beispiel bei der digitalen Bildung und der Qualifikation von Informatikern. Deutschland benötigt 2030 mehr als 1,2 Millionen Informatiker, 250 000 mehr als heute. Rund zehn Prozent aller heutigen Berufe dürften in Zukunft wegfallen, viele dafür neu entstehen. Zudem verändern sich mindestens 50 Prozent aller Berufstätigkeiten durch Digitalisierung. Bibliothekare zum Beispiel haben jetzt viel mehr mit digitalen Medien zu tun, widmen sich der Digitalisierung des kulturellen Erbes und müssen mit semantischen Suchmaschinen das weltweite Wissen, das sich in immer kürzeren Zyklen verdoppelt, überschaubar und zugänglich halten. Viele Berufe, auch im Mittelstand und im Handwerk, setzen längst digitale Technologien ein – und suchen dringend Fachkräfte.

Eine Partei ohne digitales Konzept

Digitalisierung, richtig angepackt, erhält alte und schafft neue Arbeitsplätze. Offenkundige Schieflagen wie die zwischen Stadt und Land, zwischen den Generationen und sozialen Gruppen, zwischen Ökonomie und Umwelt können durch digital unterstützte Methoden des Wissensaustauschs und Teilens verringert werden. Deutschland benötigt deshalb eine breite digitale Bildungsoffensive für alle, für Schüler, Erwerbstätige, Arbeitsuchende, Umzuschulende und unbedingt auch für die immer größer werdende Zahl der über 65-Jährigen, die „zu jung für alt“ sind und über digitale Netzwerke Wissen und Erfahrung einbringen wollen. Ein gutes digitales Bildungsklima ermutigt junge Familien, im Land zu bleiben und von hier aus international vernetzt zu arbeiten. Digitale Qualifizierung ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung für Bund, Länder und Kommunen, Industrie und Gewerkschaften, Unternehmen und private Anbieter, Bildungseinrichtungen, Initiativen und nicht zuletzt für die mündige Bürgergesellschaft selbst.

Aus den Wahlprogrammen der Parteien zur bevorstehenden sächsischen Landtagswahl werden unterschiedliche Haltungen zur Digitalisierung sichtbar. Die Regierungsparteien CDU und SPD wollen die „Digitalisierung offensiv für Sachsen nutzen“ und „digitale Möglichkeiten in allen Bereichen“ entwickeln, die FDP fordert „lebenslanges Lernen durch digitale Bildung“, Bündnis 90/Die Grünen ein „Ministerium für Innovation und Digitalisierung“. Die Linken benennen sinnvolle Einzelforderungen, lassen ein Gesamtkonzept aber noch vermissen. Die AfD belässt es bei negativen Aussagen und hat offenbar kein Konzept und wenig Kompetenzen.

Von einer gelingenden Digitalisierung hängt jedoch die wirtschaftliche Zukunft Sachsens wesentlich ab. Bei Start-ups liegt das Land deutschlandweit im Mittelfeld, in der Softwarebranche haben sich die Zahlen der Beschäftigten seit 2012 auf fast 30 000 und der Umsatz auf bald 4,5 Milliarden Euro verdoppelt. Das Potenzial digitaler Wertschöpfung ist noch viel größer, auch in den Regionen, in denen die Schaffung neuer Arbeitsplätze ganz oben auf der Tagesordnung steht. Kultureinrichtungen, Tourismus, sie alle haben die Vorteile digitaler Vernetzung längst erkannt – und müssen diese nun auch konsequent umsetzen.

So notwendig wie die Beschleunigung der Verkabelung ist die Verbreitung digitaler Bildung, eine verbesserte Kultur des Teilens von Wissen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Digitale Bildung heißt: (selbst)kritischer Umgang mit Informationen, Aneignung digitaler Methoden zur Bewältigung der Zukunftsaufgaben, die Beachtung demokratischer Werte, ethischer Regeln und der Gemeinwohlverpflichtung beim Umgang mit Daten und Informationstechnologien. „Eine mündige Gesellschaft versteht Digitalisierung nicht als Schicksal, sondern als Gestaltungsaufgabe“, schreibt der Gesellschaftskritiker Harald Welzer richtig. Sachsen hat gute Voraussetzungen, die digitale Zukunft für sich zu gewinnen und sollte die jetzt anstehenden Aufgaben deshalb sofort angehen.

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Unser Autor Prof. Dr. Thomas Bürger war bis 2018 Generaldirektor der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) sowie Mitglied im nationalen Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII). Die aktuelle Publikation „Digitale Kompetenzen – dringend gesucht“ ist frei verfügbar unter www.rfii.de.

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