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Die Angst nach dem Nazi-Angriff

Nach dem Überfall in Geising erzählen die beiden Opfer, wie nahe ihnen das Erlebte geht.

© Egbert Kamprath

Von Franz Herz und Mandy Schaks

Mohammad R. guckt ernst und vorsichtig um sich. Der junge Afghane hatte gehofft, in Deutschland in Sicherheit vor den Taliban zu sein. Seit vier Monaten lebt er hier. Doch was er am Sonntag vor einer Woche erlebt hat, macht ihm erneut Angst. Er spricht Persisch. Mithilfe eines Dolmetschers berichtet er, was passiert ist.

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Er sei auf den Rodelhang gegangen, um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben. Dabei stieß er einmal mit einem anderen Schlitten zusammen. Es gab eine kurze Entschuldigung „Sorry“ und die Sache schien erledigt. Doch als er das nächste Mal herunterfuhr, wurde er angegangen und mit einem Helm geschlagen. Er zeigt auf die Stelle an der Wange, wo er blaue Flecke hatte. Ahmad Zaki B., ein anderer Afghane, der mit auf dem Hang war, kam ihm zur Hilfe und wurde auch geschlagen. Dann haben andere Leute, die auf dem Rodelhang waren, eingegriffen und geholfen. Der Angreifer, der nach Beschreibung der Zeugen ein Hitlerbärtchen trug und ein Hakenkreuz auf seinem Helm hatte, lief davon. Die Helfer riefen die Polizei und den Rettungsdienst, der die beiden versorgte.

Bis dahin sind die zwei Afghanen gern auch einmal durch Geising gegangen und haben sich umgesehen. Das kleine Städtchen hat ihnen gefallen, und im Schnee haben sie auch Spaß gehabt. In Afghanistan gibt es genauso die Jahreszeiten wie hier. Sie kennen also auch die Kälte.

Seit dem Angriff verlassen sie das Heim aber nur noch, wenn es unbedingt nötig ist. Sie fühlen sich unter Druck, wenn sie vorsichtig zum Discounter gehen, um einzukaufen. Eigentlich wollen beide nur eines, in Frieden leben. Ahmad Zaki B., der in Afghanistan als Koch in einem Hotel gearbeitet hat, will gern wieder in seinen Beruf einsteigen. Mohammad R. will eine Ausbildung nachholen. Die Taliban haben die Schule geschlossen, die er besucht hat, und später seinen Vater umgebracht, erzählt er. Darum hat er seine Heimat verlassen.

Nach dem Angriff auf dem Rodelhang hatten sie erst gedacht, dass die Stimmung ihnen gegenüber generell so schlecht sei. Aber sie haben inzwischen viel Unterstützung bekommen. „Es gibt ein Problem mit Einzelnen, nicht mit allen Leuten“, sagt Abderrahman Lachheb, der sich im Auftrag der Stadt Altenberg um die Flüchtlinge kümmert. Die Initiative Asyl in Altenberg hatte die beiden ins Begegnungscafé eingeladen. Als Geste der Wiedergutmachung bekamen sie Karten für den Weltcup im Rennrodeln im Februar. Der Altenberger Bürgermeister Thomas Kirsten (Freie Wähler) verurteilt den Angriff. „Das ist völlig abartig“, sagt er. So etwas dürfe nicht passieren, erst recht nicht an einem Rodelhang, „wo dann auch noch Kinder miterleben müssen, wie sich Menschen prügeln“. Kirsten hofft, dass die Polizei den Täter schnell ermittelt. Sie hat schon konkrete Hinweise. Denen geht unter anderem die Staatsschutzabteilung nach, wie die Polizeidirektion Dresden informiert.

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Der Vorfall könnte darüber hinaus Folgen haben, befürchtet Bürgermeister Kirsten. Zum einen behindere er die Bemühungen der Stadt und der Initiative Asyl, Flüchtlingen zu helfen und sie zu integrieren. Zum anderen drohe der Region ein Imageverlust. „Wenn wir mehrere solche Auftritte haben, wird man schnell in die rechte Ecke gestellt“, sagt Kirsten. Das könne dem Tourismus schaden, welcher der Haupterwerbszweig in Altenberg sei.