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Die Angst nach der Messerattacke

Ein somalischer Asylbewerber wurde von einem Ausländerhasser in Dresden schwer verletzt.

© Sven Ellger

Von Tobias Wolf

Der Verband ist für Mohamed Kandiraman* die Erinnerung an seinen schlimmsten Moment in Deutschland. Unter dem blauen Stoff verbirgt sich eine Verletzung, die nicht nur körperlich nachwirkt. Mit 32 Stichen auf beiden Seiten haben Notärzte die tiefe Wunde an der linken Hand des jungen Asylbewerbers genäht.

Stars im Strampler aus Radeberg
Stars im Strampler aus Radeberg

Auch in der letzten Woche sind Babys auf die Welt gekommen, die im Landkreis Radeberg zu Hause sind.

Es ist der 23. Dezember, kurz nach 21 Uhr, als Kandiraman in die Straßenbahn der Linie 9 am Hauptbahnhof einsteigt. Nach einem Treffen mit Freunden will er mit zwei Begleitern nach Hause ins Strehlener Wohngebiet. Der junge Somali ist mit seiner dunklen Hautfarbe leicht als Afrikaner zu erkennen. Mit zwei Freunden sitzt er in der Mitte des Waggons, als ein Mann beginnt, sie anzupöbeln. Es ist ein Deutscher, der wohl seinen Hass auf Flüchtlinge ausleben will.

Von zwei Männern verfolgt

Bis zur Haltestelle Otto-Dix-Ring muss sich der 19-Jährige Beleidigungen übelster Sorte anhören. Worte wie „Nigger“, „Schwarzer Mann“ und „Scheiß-Ausländer“ fallen. Der Deutsche fuchtelt vor dem Somali mit einer leeren Zigarettenschachtel rum, schreit: „Nimm!“ Kandiraman ist irritiert, fragt den Mann, was er denn will. An der Haltestelle Otto-Dix-Ring steigt der Pöbler mit aus, grölt weiter „Scheiß-Ausländer“ und andere Beleidigungen, die der junge Somali trotz seiner passablen Deutschkenntnisse nicht versteht. Ein zweiter Mann baut sich vor Kandiraman und seinen Begleitern auf. Nun schreien beide auf die Migranten ein. Im Polizeibericht ist später die Rede von einem Angriff mit gefährlicher Körperverletzung und einem ausländerfeindlichen Hintergrund.

Das Trio versucht, die beiden Männer abzuschütteln. Die jungen Asylbewerber laufen den Otto-Dix-Ring neben dem Kaufland-Gebäude entlang. Trotzdem werden sie verfolgt und mit Hasstiraden überschüttet. Der Somali will die Situation beruhigen, breitet seine Arme aus und fragt wieder: „Was wollen Sie, was passiert hier?“ Nun wird es richtig ernst. Ein Begleiter wird von einem der Angreifer geschubst und fällt hin.

Der nächste Versuch der Beschwichtigung endet für den jungen Somali ebenfalls unverhofft brutal. „Der eine Mann hat plötzlich aus seiner linken Jackentasche ein Messer gezogen und zugestochen“, sagt Kandiraman. Die Stahlklinge schneidet durch die ganze Hand, durchtrennt Haut, Muskeln, Adern, Sehnen. „Den Schmerz hab ich sofort gespürt“, erinnert sich der junge Asylbewerber. „Da war plötzlich überall Blut und spritzte auf den Boden.“ Reste des tiefroten Flecks sind heute noch am Otto-Dix-Ring zu sehen.

Extremismusexperten suchen Täter

Nach der Messerattacke flüchten beide Täter ins Dunkel der Nacht. Kandiramans Begleiter versuchen, ihnen zu folgen, erreichen sie aber nicht mehr. Insgesamt habe der ganze Vorgang vom Aussteigen bis zum Messerangriff keine zehn Minuten gedauert. Mit Taschentüchern verbinden die Freunde notdürftig die Handverletzung. Zwei Frauen kommen den Gehweg entlang, fragen, ob der vom Blutverlust geschwächte Somali Hilfe brauche. „Ich hab einfach nur ja gesagt“, sagt Kandiraman.

Eine der Frauen ruft schließlich den Krankenwagen, auch die Polizei kommt an den Otto-Dix-Ring. Für die Retter ist schnell klar: Der Verletzte muss sofort ins Krankenhaus. In einer Notoperation vernähen Chirurgen die klaffende Wunde. Sein zweites Weihnachtsfest in Deutschland muss der junge Somali im Krankenhaus verbringen. Dabei war er wegen solch brutaler Gewalt aus seinem Land geflohen. Die Hafenstadt Kismaayo im Süden des Landes war einst seine Heimat. Die islamistische Shabaab-Miliz hatte sie unter ihre Kontrolle gebracht, bis die kenianische Armee sie in blutigen Kämpfen zu bekämpfen begann. Da war Kandiraman noch ein Kind.

Sehnen der Finger zerschnitten

Nun sucht das auf Extremismus spezialisierte Operative Abwehrzentrum der Polizei nach den Tätern vom Otto-Dix-Ring. Die tiefe Wunde aus seiner neuen Heimat könnte den Somali ein Leben lang an jenen Moment vor Heiligabend erinnern. Denn die Ärzte können nicht garantieren, dass er wegen der zerschnittenen Sehnen alle Finger wieder richtig bewegen können wird. Der Angriff der Rassisten hat noch etwas anderes verändert. „Wenn ich zur Schule gehe oder nach Hause komme, habe ich jetzt immer Angst, dass so etwas noch einmal passieren kann“, sagt der junge Mann, der in Somalia als Automechaniker arbeitete und diesen Job hier wieder machen will.

*Name aus Sicherheitsgründen geändert