SZ +
Merken

Die Aufsteigerin des Jahres verpasst den Gipfel

Denise Herrmann scheitert als Favoritin schon im Halbfinale. Eine Chance bleibt ihr noch.

Teilen
Folgen

Von Daniel Klein, Sotschi

Am Ende war es ein Wimpernschlag, eine Winzigkeit. 28 Hundertstel trennten Denise Herrmann vom Finale. Und damit der Aussicht auf eine Medaille. So aber konnte man die Enttäuschung in den feuchten Augen ablesen. „Ich wollte aufs Podium, wo ich schon öfter war in dieser Saison“, sagte die 25-Jährige. „Aber so ist eben der Sprint.“

Der ist – für Langlaufverhältnisse – ein Spektakel. K.o.-Rennen, ständig Entscheidungen, das fasziniert die Zuschauer. Für die Athleten selbst aber kann der Sprint grausam sein. Dies bekam gestern nicht nur Herrmann zu spüren. Favoriten stürzten reihenweise – und das im doppelten Wortsinn. Auch die Überläuferin Marit Björgen musste in den Schnee greifen und schaffte es wie Herrmann nicht ins Finale.

Dabei begann der Tag so hoffnungsvoll für die Oberwiesenthalerin. Als Achte der Qualifikation lief sie locker ins Viertelfinale, gewann dort überlegen gegen eine Konkurrenz, die schon Endlauf-Format hatte. „Da habe ich gemerkt, heute kann alles gehen“, sagte Herrmann. Im Halbfinale aber erwischte sie auf der 1,3 Kilometer langen Strecke einen schlechten Start, lag bei der Einfahrt ins Stadion hinten und musste in der letzten Kurve die lange Außenbahn nehmen. Geplatzt war der Traum. „Dort außen war die Spur vielleicht ein bisschen stumpfer als in der Mitte“, vermutete Claudia Nystad, die als 35. bereits in der Qualifikation gescheitert war. „Trotzdem war das eine Super-Weltklasseleistung von Denise“, erklärte sie.

Aufmunterung und Trost konnte die am Ende Achtplatzierte gut gebrauchen. Schließlich gehörte sie zum engen Favoritenkreis, bei acht Weltcups in diesem Winter stand sie achtmal im Finale, schaffte es sechsmal aufs Podest. Rang fünf war die schlechteste Platzierung. Sie trägt, außer natürlich bei Olympia, das rote Trikot der Weltcupführenden in dieser Disziplin. Mit diesen Vorzeichen ist man keine Außenseiterin. Und das war auch nicht ihr Anspruch. „Ich fahre nach Sotschi nicht nur wegen des olympischen Gedankens“, hatte sie vor den Spielen erklärt.

Das Aus im Halbfinale ist auch deshalb tragisch, weil Herrmann nicht nur die größte, sondern die einzige Medaillenkandidatin der deutschen Langläufer ist. Nun bleibt wohl bloß noch eine Chance im Teamsprint – wahrscheinlich an der Seite von Nicole Fessel. „Da können sich die anderen schon einmal warm anziehen“, kündigte sie an, und es klang bereits wieder kämpferisch.

Chef-Bundestrainer Frank Ullrich wollte die Enttäuschung nicht schönreden, stellte aber klar: „Sie bleibt eine der weltbesten Sprinterinnen. Sie hatte in diesem Winter schon Glück gehabt, ausgerechnet heute leider nicht.“ Ullrich kritisierte aber auch die Organisatoren. „Am Morgen haben sie die Strecke trotz der Plusgrade weichgemacht, dadurch war sie sehr tief.“ Sicher ein Grund für die vielen Stürze. Auch Herrmann hatte es beim Einlaufen hingeschmissen.

Dass sie nun lange an der Enttäuschung knabbern wird, glaubt Ullrich nicht. „Es geht im Leben eben nicht immer alles steil nach oben, es kommt auch mal ein kleines Tal. Sie wird damit klarkommen“, erklärte er. Wobei die Entwicklung der Sportsoldatin in den vergangenen Jahren schon eine erstaunliche war. Mit 18 schien die Langlauf-Karriere bereits beendet zu sein, ehe sie richtig begann. Ein Griff in den elterlichen Medizinschrank wurde ihr zum Verhängnis, sie nahm einen Hustensaft und wurde wegen Clenbuterol-Missbrauchs für ein Jahr gesperrt.

2010 beendete sie die Weltcup-Saison noch auf Platz 123. Die Biathlon-Trainer wollten sie zu einem Wechsel überreden, luden sie zum Probeschießen ein. Doch Herrmann blieb ihrer Disziplin treu, wechselte zu ihrem Freund an den Stützpunkt Ruhpolding und kämpfte sich bis an die Spitze. „Früher habe ich Athletinnen wie Marit Björgen oder Justyna Kowalczyk eher schüchtern aus der Distanz angeguckt und gerade ein ,Hallo‘ rausgekriegt, aber jetzt grüßen und gratulieren sie und machen sogar ein bisschen Small Talk“, beschreibt sie den Unterschied und ihre neue Stellung. Eine Führungsrolle lehnt sie jedoch ab. „Ich freue mich aber, dass der Langlauf wieder mehr ins mediale Sichtfeld gerückt ist.“ Sie hat daran einen großen Anteil. Daran ändert auch das Halbfinal-Aus nichts.