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Die Augen vergessener Pirnaer

Steffen Richter und sein Team wollen Geschichte unkompliziert vermitteln. Dafür überstehen sie auch Anfeindungen.

Von Marcus Herrmann

Mit der Leitung eines Wohnheims für geistig Behinderte hat er eigentlich genug zu tun. Doch Steffen Richter ist keiner, der sich zufriedengibt. Seine Freizeit nutzt der 35-Jährige, um sich weiterzubilden, um andere für seine Blickrichtung zu gewinnen und für eine Idee zu streiten, die ihn schon seit Schulzeiten umtreibt: Menschen dürfen nicht die Augen vor Verbrechen verschließen, die in Orten passiert sind, in denen sie heute leben. Auch wenn die Taten 70 Jahre zurückliegen. Menschen sollten immer aufs Neue aus der Geschichte lernen, um die Zukunft durch diesen Lernprozess zu gestalten, sagt Richter.

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Auf der Suche nach dem richtigen Anker für seine Idee findet Richter im 2002 gegründeten Alternativen Bildungszentrum Sächsische Schweiz (Akubiz) die geeignete Organisation.

Der in Pirna bekannte gemeinnützige Verein setzt sich aktiv mit den Themen Rassismus und Antisemitismus auseinander. Die Mitglieder sind bunt gemischt: Studenten, Schüler, Metallbauer oder Gärtner, 20-Jährige sind genauso dabei wie Rentner. „Und alle haben sich auf die Fahnen geschrieben, Geschichte – vor allem die Zeit des Nationalsozialismus – nicht nur durch dicke Bücher oder langatmigen Unterricht an die Menschen zu bringen“, sagt Richter. „Sondern durch Alternativen zum Althergebrachten.“

Damit meint er Workshops, Vorträge, Bildungsreisen zu Partnerorganisationen in ganz Europa, das Anfertigen von Broschüren oder regelmäßige Wanderungen an historisch wichtige Orte. Insgesamt sind es zehn ehrenamtliche Mitarbeiter, die lokale Geschichte vor allem jungen Menschen nahebringen wollen.

Sechs Konzentrationslager in Pirna

„Dafür haben wir in unseren Räumen gleich neben dem Schillergymnasium eine kleine Bibliothek, die Schüler auch kostenlos nutzen dürfen“, erklärt Richter. Besonders stolz ist er auf den 2008 herausgebrachten Comic-Band „Jetzt re(i)chts in Sachsnitz“. Der Comic spielt in einer fiktiven Kleinstadt und thematisiert alltägliche Ressentiments, wie man sie auch in realen Städten Sachsens findet. „Bis 2012 wurden davon drei Auflagen gedruckt. Gerade arbeiten wir an einem neuen Band“, verrät Richter. Das neueste Projekt des Vereins stellt sich die Frage, wie man historische Zusammenhänge einfach sichtbar machen kann. Seit Kurzem existiert dazu ein Flyer unter dem Motto „Warum erinnert ihr euch nicht an die Augen von …“, die Akubiz-Mitarbeiter entworfen haben. Sie sind unter anderem in der Touristinformation erhältlich. „Wir haben uns gedacht, dass wir am meisten erreichen, wenn wir zeigen, welche Gräueltaten sich vor einiger Zeit vor der eigenen Haustür und in der eigenen Stadt zutrugen und nicht ganz weit weg“, sagt Richter. Die Inspiration für die Aktion kam ihm bei einem Praktikum – Richter studiert quasi nebenbei Soziale Arbeit – in Italien. „Hier gab es während eines Geschichtsvortrages ein ganz ähnliches Konzept, über das lange debattiert wurde. Das hat mich fasziniert.“

Darum will er am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, auf seine Weise unter dem Motto „Warum erinnert ihr Euch nicht an die Augen von …?“ das Schicksal von insgesamt 13 mehr oder weniger bekannten Personen aus Pirna aufzeigen. Sie alle wurden von Nazis verfolgt oder ermordet. In der Stadtbibliothek wird Richter ab 18.30 Uhr in einer Vorlesung über die Biografien berichten und zeigen, wie viele Orte es in und um Pirna gab, an denen die Nazi-Schergen grausame Verbrechen begangen haben. „Allein in der ehemaligen Amtshauptstadt Pirna gab es sechs Konzentrationslager. Für viele ist das ein Schock“, sagt Steffen Richter. Doch diese Aufklärungsarbeit sei nötig.

Auch wenn Leute, die anderer Meinung sind, es nicht immer bei Worten belassen. Das hat auch Steffen Richter, ein sympathischer, kräftiger Mann mit ruhigem, aber bestimmtem Auftreten, erfahren müssen. „Mir selbst wurde schon einmal aufgelauert. Doch die Schläge habe ich schnell weggesteckt“, sagt Richter.

Schlimmer sei es, wenn sich die Wut Unverbesserlicher gegen seine Familie richtet. „Das Auto meines Bruders wurde 2009 in Pirna in Brand gesteckt und das Wohnhaus meiner Mutter mit recht eindeutigen Parolen besprüht. Das geht mir natürlich nahe“, sagt der Akubiz-Vorsitzende. Auf Veranstaltungen sei aber noch nie etwas passiert. In die Öffentlichkeit trauen sich die Einzeltäter nicht. Verunsichern lassen werde er sich ohnehin nicht, sagt Richter. „Weil die positiven Signale überwiegen. Auch wenn mir nach der letzten Landtagswahl wieder mehr Übergriffe rechter Chaoten zu Ohren gekommen sind.“

Dennoch beobachte er eine zunehmende Anzahl von Leuten, die auf das Thema sensibel reagierten und die richtigen Schlüsse zögen. „Das ist gerade heute – da immer mehr Asylbewerber bei uns ankommen – wichtig für ein tolerantes Miteinander.“ Dafür will sich Richter mit seinen Mitstreitern auch in Zukunft starkmachen.