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Die Aussteiger mit der grünen Kutsche

Familie Schneiders zieht seit 2017 mit vielen Tieren und einem Planwagen durchs Land. Derzeit campieren sie auf einer Wiese bei Großenhain.

Daniel, Barbara, Sarah und Julian Schneiders mit einem Teil ihrer Tiere.
Daniel, Barbara, Sarah und Julian Schneiders mit einem Teil ihrer Tiere. © Anne Hübschmann

Großenhain. Wem gehören die vielen Pferde auf der Wiese? Anwohner können die Frage leicht beantworten: Sie gehören einer vierköpfigen Aussteigerfamilie, die gerade hier Station macht. 

Das klingt freundlich, ganz ohne Vorurteil. Mit neun Pferden, zwei Hunden, einer Ziege zieht die Familie wie früher eine Karawane von Ort zu Ort, erlebt nach eigener Auskunft „das Abenteuer ihres Lebens“. Das Ehepaar Schneiders mit seinen zwei großen Kindern wohnt in einem Planwagen, den sie grüne Kutsche nennen. Einwohner haben sie damit schon zum Einkaufen ins Großenhainer Kaufland fahren sehen. 

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Die Lebenskünstler aus dem Hunsrück bzw. Berlin haben sich Mitte September auf einer Wiese der Agrargenossenschaft Skäßchen niedergelassen, vorher campierten sie im Döbelner Land. Ihre Pferde stehen in einer eingezäunten Koppel, die aller zwei Tage weiterrückt.

Vater Daniel (40) ist Hufschmied und Masseur, er hat auch eine Heilpraktikerausbildung. Ursprünglich war er mal Prozessmanager bei Siemens. Mutter Barbara, gelernte Bürokauffrau, versorgt die Familie und führt Tagebuch über alle Erlebnisse. Der 16-jährige Julian geht dem Vater zur Hand und kümmert sich um die Tiere. Tochter Sarah (19) betreut die Internetpräsenz der Aussteiger. 

Mit dem Kauf der Kutsche begann das Abenteuer.
Mit dem Kauf der Kutsche begann das Abenteuer. © Anne Hübschmann
Daniel ist wie die Anderen eng mit den Tieren verbunden.
Daniel ist wie die Anderen eng mit den Tieren verbunden. © Anne Hübschmann
Julian hackt Holz für den Ofen und das Feuer.
Julian hackt Holz für den Ofen und das Feuer. © Anne Hübschmann
In diesem Planwagen spielt sich das Leben der Aussteiger-Familie ab.
In diesem Planwagen spielt sich das Leben der Aussteiger-Familie ab. © Anne Hübschmann

Denn so spartanisch wie die Familie auch lebt – sie hat durchaus moderne Technik: natürlich Strom und Internet, einen Youtubekanal, eine gute Kamera und eine eigene Webseite. Diese Internetseite zählt zahlreiche Unterstützer auf, die den Schneiders das Leben ohne festen Wohnsitz ermöglichen. Und das seit Sommer 2017. 

Viele Unterstützer kommen aus Nieschütz, dort ist die Familie im Sommer gewesen. Das Vagabundenleben haben sich die Vier bewusst ausgesucht. „365 Tage wollten wir durchhalten, jetzt sind es schon über zwei Jahre“, sagt Daniel Schneiders stolz. Überall treffe man tolle Menschen, Freundschaften sind entstanden. Die Medien berichteten.

Zehn Jahre – sagen sie – haben sie sich auf dieses Leben vorbereitet. Sie wollten dem Lärm und der Hektik der Großstadt entfliehen, wollten eine intensive gemeinsame Zeit haben, bevor die Kinder eigene Wege gehen. Julian will Busfahrer werden, Sarah kann gut singen und schneidet die Youtubefilme, die die Familie hochlädt.

Für die Schneiders geht es immer Richtung Osten. Wohin sie vielleicht schon in den nächsten Tagen fahren, wissen sie noch nicht. „Uns haben hier viele Menschen besucht, sie brachten uns Eier oder Sonntagsbrötchen“, erzählen die Schneiders. Daniel hat Pferde beschlagen, die Familie arbeitete auch schon im Rinderstall. Ein schwarzer Opferstock beschert der lebensfrohen, gläubigen Familie weitere Spenden. „Beim Trinkwasserholen im Dorf wurden wir freundlich aufgenommen“, sagt Sarah.

„Wir konzentrieren uns auf das Nötigste“

Die Vier genießen das Leben in der Natur und mit ihren Tieren. Doch sie geben auch zu, dass ihr Alltag hart ist – kein Urlaubsausflug. „Wir konzentrieren uns auf das Nötigste“, sagen die Schneiders. Sie ernähren sich vegetarisch, hauptsächlich von Gemüse und Milchprodukten. „Unser Leben ist glücklich“, sagen sie. „Den Rest erledigen die Endorphine.“ Richtig krank war keiner von ihnen. Die Schneiders wissen, dass sie mit ihrer Lebensweise ihre Gesundheit positiv beeinflussen.

Die vielen Pferde brauchen sie zum Ziehen der schweren Kutschen – in einem zweiten Planwagen befinden sich die Schmiedewerkstatt und ein Gästebett. Auch eine große schwarze Kote mit Ofen ist aufgestellt. „Hier drin haben wir bei Frost den vorigen Winter zugebracht“, erzählt die Familie. Das war eine harte Probe, gelegentlich haben die Schneiders dann schlechte Laune und werden auch mal laut. Bisher schafften sie es aber immer, die Anstrengung wieder abzubauen.

Daniel erzählt, wie er am Anfang morgens hochschreckte und auf die Uhr starrte. Heute nehmen sich die Aussteiger für alles Zeit. Diese Zeit zum Reden geben sie auch ihren Besuchern. „Viele Menschen erzählen uns von ihren Problemen“, sagen sie. Man könne zuschauen, wie sie an ihrem Tisch immer ruhiger werden. „Wir sehen es als unseren Auftrag, diese Menschen innerlich zu erwärmen“, sagt Daniel. Es sei auch ihr Job, Leute von ihrem Vorurteil über Aussteiger zu befreien.

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