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Löbau

Die Baggerfahrerin aus dem Civitatenweg

Lonie Pfennig war so vieles: Baggerfahrerin in der Grube, Küchenfrau für Hunderte Schüler und die letzte und längste Mieterin im künftigen Herrnhuter Ärztehaus.

Lonie Pfennig lebte mehr als 70 Jahre in dem Haus hinter ihr. Jetzt regieren da die Bauarbeiter und machen ein Ärztehaus daraus.
Lonie Pfennig lebte mehr als 70 Jahre in dem Haus hinter ihr. Jetzt regieren da die Bauarbeiter und machen ein Ärztehaus daraus. © Foto: Rafael Sampedro

Die 90 Jahre sieht man Lonie Pfennig nicht gleich an: Helle Augen leuchten unter einem gepflegten Kurzhaarschnitt hervor. An viele Dinge kann sich die zierliche Herrnhuterin auch noch ganz gut erinnern. Nur zum Laufen muss sie inzwischen den Rollator benutzen - und der Rücken zwackt eben. Ach ja - ein bisschen lauter reden muss man auch, wenn man mit ihr sprechen will, lässt sie Besucher bestimmt aber höflich wissen. Zu erzählen hat die kleine Dame allerdings allerhand.

Lonie Pfennig hat ein bewegtes Leben hinter sich. Und den allergrößten Teil davon hat sie im Civitatenweg 1 verbracht. Damit ist sie wohl diejenige, die das künftige Herrnhuter Ärztehaus so gut und so lange wie niemand anderes kennt. Von hier aus ist sie 18 Jahre lang zum Tagebau nach Hagenwerder gefahren. Zur Arbeit. Aber nicht ins Büro, winkt sie ab, sondern direkt in die Grube: "Ich war eine derjenigen, die auch den großen Kohlebagger fahren durften", erzählt sie. So einen Koloss wie man ihn in Hagenwerder besichtigen kann. 

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Im Dreischichtbetrieb hat sie gearbeitet, auch an Feiertagen natürlich. Vorher war sie viele Jahre bei Dürninger beschäftigt, da habe sie die Handdruckerei mit aufgebaut, sagt sie. Dass sie dann aber eine echte "Bergfrau" war, konnte man auch zu Hause nicht übersehen: Bevor die Bauarbeiter mit den Umbauten im Haus begonnen haben, hing vor ihrer Tür auf dem Flur noch eine alte Grubenlampe. "Ja, natürlich, die hing immer da", sagt sie - als ob ein solches Utensil ganz selbstverständlich wäre.

Nach dem Krieg ist Lonie Pfennig im Herrnhuter Civitatenweg eingezogen. "Erst unten", sagt sie. Seit 1949 wohnte ihre Familie dann im ersten Stock. "Wir hatten am Anfang nur zwei Zimmer", erinnert sich die Frau, die erst vor einem reichlichen Jahr ausgezogen ist und nun im Anna-Nitzschmann-Haus, im Altenheim in Herrnhut, wohnt. Nun schaut sie noch einmal auf die Fensterfront an Quer- und Längsseite: "Das waren meine", zeigt sie mit ausgestrecktem Arm. Dort hat sich ihr Familienleben abgespielt. Dort hat sie ihre beiden Söhne großgezogen. 

Auf der Rückseite des Hauses pflegte sie ihren kleinen Garten. "Blumen, Bohnen, Zwiebeln" habe sie da in den Jahren angebaut, erklärt sie. Lonie Pfennigs Söhne sind inzwischen verstorben. Mit einem lebte sie bis zum Schluss in der Wohnung. Der Ehe mit ihrem Mann war kein dauerhaftes Glück beschieden, sie ging vor langer Zeit in die Brüche.

So zupackend wie im Tagebau war die kleine Frau auch im Alltag. Sie war immer unterwegs - sagt auch Frank Zimmer, der sich als letzter Angehöriger vor Ort ein bisschen um sie kümmert. "Die Dusche und die Wanne habe ich mir selbst eingebaut", erzählt Frau Pfennig. Viel Arbeit habe der Vermieter - die Stadt - mit ihr da wohl nicht gehabt, schätzt sie ein. Dafür hat sie selbst durchaus auch mal anderswo zugepackt: Für die 1973 eröffnete und nun abgerissene Plattenbauschule wenige Meter weiter wurde in den Gewölberäumen im Erdgeschoss von Lonie Pfennigs Wohnhaus eine Schulküche eingerichtet. 

"Einmal war die Köchin krank geworden und sie hatten niemanden, der das machen konnte, da haben sie mich gefragt", sagt sie. Ein Vierteljahr ist sie dann von der Arbeit im Kraftwerk freigestellt worden und hat Hunderte Schüler bekocht. Auch später, als sie wieder in der Grube war, war ihre Hilfe gefragt, wenn das Personal knapp war: "Da haben sie mich auch früh aus dem Bett geholt, damit ich Eier schäle oder Nudeln koche", schildert Frau Pfennig. Dauert ja auch ein bisschen, wenn man 500 bis 600 Eier schälen muss ...

Trubel war um sie herum - und um das Haus - im Grunde genommen immer. Erst zum Schluss, als sie die letzte Mieterin war, wurde es ruhiger. Auch wenn sie es so nicht ausspricht - dass sie beim Anblick des Hauses heute Wehmut befällt, sieht man ihr an. Sie habe gern hier gewohnt, sagt sie. Dabei war das 1820 errichtete Gebäude eigentlich für ganz andere Zwecke gedacht: Zu Beginn war hier eine Gerberei untergebracht. 1919/20 baute die Evangelische Brüdergemeine das Haus dann zum Predigerseminar um und brachte hier die Theologie-Studenten unter, die für Kirchenleitung, Predigtamt, Missions- und Schuldienst ausgebildet wurden. 

In einem Bericht von Anfang der 40er Jahre ist auch eine Bibliothek mit 13.000 Büchern erwähnt, ordnet Herrnhuts Museums-Chef Konrad Fischer die Bedeutung des Hauses ein. Nach 1945 wurde die Arbeit des Seminars eingestellt, aus den 1970ern ist bekannt, dass es teilweise als Rüstzeitheim für Jugendfreizeiten der Brüdergemeine genutzt wurde - und als Wohnhaus eben. Der Name Civitateweg blieb aber - er kommt von der einst existierenden Studentenverbindung im Predigerseminar.

Lonie Pfennig kann sich an die letzten Theologen, die im Haus logierten, noch erinnern. Nun ist sie selbst ein wichtiger Teil der Geschichte - und sie ist durchaus neugierig, wie es weitergeht: Vielleicht wird es in ihrem früheren Wohnzimmer in den kommenden Jahren mal ein Arztzimmer oder eine Physiotherapie geben? Doktor Kay Herbrig, der gemeinsam mit der Stadt dieses Projekt vorantreibt, kennt sie ja, erklärt sie. Und wer weiß? Vielleicht kann sie sich nach den Bauarbeiten ja einmal anschauen, was aus ihrer alten Heimat Neues entstanden ist.

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