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Die Bahn durchsticht den Weinberg

Geschichte. Die Eisenbahnstrecke von Görlitz über Seidenberg nachReichenberg ging vor 130 Jahren in Betrieb.

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Von Wilfried Rettich

Schon 1842 schickten Mitglieder der Reichenberger Handelskammer eine Petition für eine Schienenverbindung nach Preußen an ihre Majestät in Wien, während die ersten diesbezüglichen Aktivitäten zwei Jahre später einsetzten. Das Preußische Ministerium für öffentliche Arbeit erteilte jedoch Genehmigungen nur bei erfolgversprechenden Hauptbahnen, und auch Österreich sperrte sich aufgrund sächsischer Interventionen gegen eine Bahnverbindung zwischen Reichenberg und Görlitz zugunsten eines Anschlusses nach Zittau.

Versuche ohne Erfolg

1849 unternahm die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn (Berlin – Kohlfurt – Görlitz) einen weiteren erfolglosen Versuch. Im sächsisch-österreichischen Staatsvertrag von 1853 über die Zittau – Reichenberger Bahn, die am 1.12.1859 in Betrieb ging, wurde sogar der Ausschluss einer preußischen Verbindung in Reichenberg bis 1882 fixiert. Nachdem jedoch die Betriebsergebnisse dieser Bahn in den ersten drei Jahren die Erwartungen nicht erfüllten, traten Görlitz und Zittau 1862 in Verhandlungen bezüglich einer Schienenverbindung durch das Neißetal.

Die Friedensverhandlungen 1866 nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen zwangen die Österreicher zur Rücknahme des Reichenberger Sperrvertrages. 1868 bewarb sich die Berlin-Görlitzer Eisenbahn (BGE), die seit 31.12.1867 über Cottbus in die Neißestadt einmündete, um eine Weiterführung ihrer Linie nach Seidenberg mit Anschluss an die Süd-Norddeutsche Verbindungsbahn Pardubitz – Reichenberg.

Doch es vergingen noch drei Jahre, bis die BGE am 9.10.1871 die Konzession für die Strecke Görlitz – Nikrisch – Seidenberg und die Zweigbahn Nikrisch – Zittau erhielt. Anstelle der ursprünglich vorgesehenen westlichen Ausfahrt aus dem Görlitzer Bahnhof über Klein-Biesnitz entschied man sich für den Durchstich durch den Weinberg. Am 15.9.1872 begannen die Bauarbeiten am Blockhaus. Vornehmlich italienische Arbeitskräfte sprengten und meißelten die Unterführung der Kohlfurter Strecke und den 600 Meter langen und bis zu 18 Meter tiefen Einschnitt unterhalb der anfänglich hölzernen Teufelsbrücke. Ein Großteil der Erd- und Felsmassen fand bei der Dammschüttung jenseits der Zittauer Chaussee Verwendung. Neben dem 130 Meter langen Blockhaustunnel waren an Kunstbauten bis Seidenberg nur sechs Wegunterführungen und eine Überführung sowie die Neißeüberbrückung bei Radmeritz notwendig. Am 19.5.1875 befuhr erstmalig ein Probezug die gesamte Linie bis Seidenberg. Die feierliche Eröffnung für den Personen- und Güterverkehr fand am 1.7.1875 statt. Deutsche und österreichische Honoratioren reisten mit Sonderzügen nach Seidenberg, um mit Toasten in der Bahnhofsrestauration und danach mit einem opulenten Festmahl im „Englischen Garten“ das Ereignis zu würdigen.

Umstieg war vorgeschrieben

Bis zur Landesgrenze am Kilometer 17,4 zwischen Seidenberg und dem böhmischen Tschernhausen gehörte die Strecke der BGE. Diese letzten 600 Meter waren an die Süd-Norddeutsche Verbindungsbahn verpachtet. Obwohl Spurweite und wichtige technische Daten der Fahrzeuge komplett übereinstimmten, durften nur Güterwagen an die jeweils andere Bahn übergeben werden. Personenzüge endeten im Grenzbahnhof Seidenberg, weiter reisende Fahrgäste mussten hier umsteigen.

Im Eröffnungsjahr gab es nur die Zwischenhaltestellen Görlitz-Vorbahnhof und Nikrisch, wenig später kam Deutsch-Ossig hinzu. Den Radmeritzern blieb ein Haltepunkt versagt, sie mussten weiterhin bis Nikrisch laufen. 1882 wurde die BGE verstaatlicht, nun unterstand die Strecke bis zur Grenze der Königlich Preußischen Eisenbahn-Verwaltung (K.P.E.V.), Direktion Breslau. Den böhmischen Streckenabschnitt übernahm die österreichische K.k.St.B. Im Grenzbahnhof Seidenberg unterhielten beide Bahnverwaltungen eigene Heizhäuser und Lokbehandlungsanlagen. Der Reiseverkehr von anfänglich vier Zugpaaren nach Seidenberg entwickelte sich zur Jahrhundertwende auf sechs Zugpaare. Weitere sieben Züge fuhren von Görlitz nach Zittau, so dass 1908 für den gemeinschaftlich benutzten Streckenabschnitt bis Nikrisch der zweigleisige Ausbau beschlossen und bis 1910 verwirklicht wurde. Parallel dazu fand die Vergrößerung und Verlegung des Görlitzer Vorbahnhofs zum Bahnhof Posottendorf-Leschwitz statt.

Bremsen als Problem

1920 ging die K.P.E.V. in der Deutschen Reichsbahn auf, aus der K.k.St.B. entstanden die Tschechoslowakischen Staatsbahnen (CSD). Die Umbenennung von Ortsnamen slawischer Herkunft betraf 1936 auch Nikrisch und Posottendorf-Leschwitz, aus denen Hagenwerder und Weinhübel (ab 1949 Görlitz-Weinhübel) wurden. 1938 konnten Reisende zwischen sieben Zügen von Görlitz nach Seidenberg wählen, der Schnellste brauchte 20 Minuten. Wer ins Nachbarland wollte, musste nach wie vor umsteigen, denn die CSD-Fahrzeuge besaßen Saugluftbremsen, während die DR die Druckluftbremse verwendete. Das änderte sich nach der Annexion des Sudetenlandes und der schrittweisen Anpassung des Rollmaterials. 1941 liefen auf der Kursbuchstrecke 160e die Züge von Görlitz bis Reichenberg, Seidenberg sank zur unbedeutenden Binnenstation herab.

Nur der Bahndamm blieb

Die Geschichte der Eisenbahn Görlitz – Seidenberg endete am 7.5.1945, als Pioniere der Wehrmacht sämtliche Neißebrücken sprengten. Seitdem ist der Zugverkehr zwischen Hagenwerder und Seidenberg unterbrochen. Der Ausgang des Zweiten Weltkrieges bestimmte die Gebiete und Strecken jenseits der Neiße zu Polen, das neben dem Bahnhof Seidenberg auch die zurückgelassenen Fahrzeuge „kassierte“. Von der 130-jährigen Strecke ist zwischen Hagenwerder und Radomierzyce (Radmeritz) nur der Bahndamm übrig geblieben.

Bahn profitiert von Turow

Zwölf Jahre lang blieb Seidenberg, nunmehr Zawidow, ohne Zugverkehr, denn auch die Beziehungen zur CSR entwickelten sich nur sehr zögerlich. Mit dem Aufbau des Energiekombinates Turoszow (Türchau) gewann die Neißetalbahn für Polen an Bedeutung. Bei Reczyn (Reutnitz) entstand ein Abzweig mit Neubaustrecke hinter dem Stift Joachimstein, um bei Radmeritz in die alte Trasse der BGE einzumünden. Kurz vor Seidenberg errichteten die Polnischen Staatsbahnen (PKP) den Abzweig Wilka mit Gleisdreieck, das einen beiderseitigen Verkehr sowohl von der Neißetalbahn über Radmeritz als auch von Seidenberg her über eine weitere Neubaustrecke in Verlängerung der Schönberger Kleinbahn (jetzt Sulikow) ermöglicht. Ein Gleisdreieck bei Mikulowa (Nikolausdorf) gestattete die Verkehrsführung über die ehemalige schlesische Gebirgsbahn in Richtung Zgorzelec oder Luban (Lauban).