merken
PLUS

Die Bahn will den Hauptbahnhof loswerden

Die Gebäude kommen 2014 unter den Hammer. Die Stadt wird sie nicht kaufen – und arbeitet trotzdem an dem Problem.

Von Thomas Mielke

Löbau, Oderwitz, Seifhennersdorf, Großschönau – nun also auch Zittau: Die Deutsche Bahn sucht einen Käufer für den Hauptbahnhof. Ab Januar wird er im Internet angeboten, teilte die Pressestelle der Bahn mit Sitz in Leipzig auf SZ-Anfrage mit.

Familienkompass 2020
Familienkompass 2020
Familienkompass 2020

Welche Ergebnisse bringt der Familienkompass 2020 für die sächsischen Gemeinden und unsere Region hervor? Auf sächsische.de bekommen Sie alle Infos!

Den letzten Ausschlag für den Verkauf scheint die Vergabe der bisher von der Bahn bedienten Strecke Dresden-Zittau an die Vogtlandbahn gegeben zu haben. Denn solange die Bahn noch den Bahnhof ansteuerte, war keine Rede vom Verkauf. Schließlich ist ihr Gelände der wichtigste Knotenpunkt für den öffentlichen Nahverkehr im Altkreis Zittau: Von den Gleisen fahren Züge Richtung Dresden, Görlitz, Cottbus und Berlin, in die tschechischen Städte Liberec (Reichenberg) und Varnsdorf ab. Die Kleinbahn dampft von dort nach Jonsdorf und Oybin. Vom ausgebauten Busbahnhof vor dem weißen Gebäude können Bahnreisende bequem in Stadt- oder Überlandbusse umsteigen. Wer es noch bequemer haben möchte, geht zum Taxistand.

Erst vor reichlich einem Jahrzehnt war der Bahnhof für rund 2,4 Millionen Euro – von denen der Freistaat das meiste bezahlt hatte – saniert worden. Zum Tag der Sachsen im Herbst 2001 strahlte das zuvor runtergekommene Haus in neuem Weiß. 300 Fenster und Türen waren gewechselt, das Dach neu gedeckt, behindertenfreundliche Zugänge eingebaut worden. Ein halbes Jahr später waren die Bauleute auch innen fertig. Trotzdem: So viel Leben wie zu DDR-Zeiten, als ganze Heerscharen von Bahnern und Grenzbeamten das Gebäude als Dienststelle nutzten, ist nie wieder in das Gebäude eingezogen. Zwar gibt es noch eine Agentur, die Fahrkarten verkauft und einen Imbiss, der Reisende von früh bis spät mit Kaffee, Schnittchen und Zeitungen versorgt. Aber darüber und daneben herrscht meist gähnende Leere. Die Zahl der Passagiere nahm seit der Wende deutlich ab. Auch die Zittauer fahren lieber Auto.

Bereits vor fünf Jahren hatte die Bahn mitgeteilt, dass nur noch rund 1 000 Passagiere am Tag den Bahnhof aufsuchen – zu wenige, damit sich weitere Geschäfte tragen würden. Zumal ohnehin nur Läden für den Bedarf der Reisenden öffnen dürften. Darüber hinaus verbietet das Handelskonzept der Stadt, dass ähnliche Waren wie in der Innenstadt angeboten werden.

„Eine Shopping-Mall wird der Bahnhof also nicht“, sagt Alexander Hennig von der Stadtentwicklungsgesellschaft. Er hat die drohende Gefahr schon vor Monaten erkannt und bemüht sich nun, Ideen für die künftige Nutzung zusammenzutragen. Dabei will er das Rad nicht neu erfinden: Der Bahnhof ist für die Mobilität gebaut worden. Warum nicht dabei bleiben? Hennig kann sich vorstellen, dass der Verkehrsknotenpunkt noch stärker ausgebaut wird. Vielleicht findet sich ein Verleiher, der im Bahnhof eine Ausleihstation für Fahrräder eröffnet? Dann könnten Touristen oder Studenten auch auf dieses Verkehrsmittel zurückgreifen. Hennig kennt auch Leute, die Car-Sharing (gemeinsame Nutzung von Autos) in Zittau etablieren wollen. Auf dem Bahnhof könnte die Basisstation entstehen. Warum nicht auch gleich den Touristen vor Ort Elektromobile anbieten? All die Fahrzeuge müssen gewartet und repariert werden. Vielleicht lassen sich ja Außenstellen von Auto- oder Fahrradwerkstätten im Bahnhof nieder. „Wir haben die Situation erkannt und bemühen uns“, sagt Hennig. Seit ein paar Tagen läuft seine Anfrage beim Regionalen Planungsverband, ob der die Suche nach einer Lösung für den Bahnhof finanziell unterstützen würde.

Auf den ersten Blick sieht es also so aus, als würde die Stadt den Bahnhof kaufen wollen. Das weist Oberbürgermeister Arnd Voigt (Freie Bürger) aber weit von sich. „Das dürfen wir gar nicht“, sagte er der SZ. Nur, wenn die Stadt eine Immobilie für die Verwaltung oder ihre Entwicklung braucht, darf sie laut Gesetz zugreifen.

Das trifft beim Bahnhof nicht zu. Aber es droht die Gefahr für Zittau, dass sich auch kein anderer Käufer findet und der Bahnhof – wie so viele andere stadtbildprägende Gebäude – in einen am Ende tödlichen Dornröschenschlaf fällt. Deshalb macht die Stadt – durch ihre Entwicklungsgesellschaft – etwas, das deutschlandweit schon lange üblich ist: Sie versucht selbst ein Nutzungskonzept zu entwickeln, um potenzielle Investoren überhaupt erst einmal für die Immobilie zu interessieren. Die Bahn wird wohl für so etwas zumindest voerst kein Geld ausgeben.