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Die Baracke mit dem Kreuz

In der DDR galt sie als kleinstes Gotteshaus – die Kirche der Familie Kind in Rugiswalde im Landkreis Sächsische Schweiz. Ob sie den Rekord auch im wiedervereinigten Deutschland innehat, weiß niemand so genau zu sagen.

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Von Heike Sabel

In der DDR galt sie als kleinstes Gotteshaus – die Kirche der Familie Kind in Rugiswalde im Landkreis Sächsische Schweiz. Ob sie den Rekord auch im wiedervereinigten Deutschland innehat, weiß niemand so genau zu sagen. Und wenn, dann tröstet man sich mit einem anderen Superlativ: „Es ist nämlich eine der vollsten Kirchen“, sagt Pfarrer Sören Schellenberger. Er wechselt sich mit Pfarrer Karsten Klipphahn bei den Gottesdiensten in Rugiswalde ab.

In der Tat: Wenn sich 15 bis 20 Gläubige sonntags in der kleinen Kirche auf dem Kindschen Grundstück drängeln, dann ist das Kirchlein fast voll. So wie am 7. September, als hier sechs Menschen getauft wurden. Damit beging das Kirchlein zugleich sein 40-jähriges Jubiläum, das eigentlich erst am 6. Oktober fällig ist.

In den vier Jahrzehnten hat sich im Inneren des Häuschens nur wenig verändert. Die selbst genähten Stuhlkissen sind ebenso noch aus den Zeiten, als alles begann, wie die Gardinen, der Altar und das Harmonium. Im Winter muss Edith Kind die Töne mit einem Heizkörper wärmen. Sonst klingt es nicht. Dass sie es mit dem Heizen immer gut meint, bestätigt auch Pfarrer Schellenberger. „Es ist eine der heißesten Kirchen – im Sommer wie im Winter.“ Also noch ein Superlativ.

Zu verdanken haben Rugiswalde und die Familie die Kirche dem Vater von Edith Kind. Nach seiner Amtszeit als Bürgermeister baute er die Kirche. Die Kinder hatten für den Gottesdienst keine Bleibe, erinnert sich Edith Kind. Zuerst fanden sie in der Korbmacher-Werkstatt ihres Mannes Platz. Er räumte sie sonnabends kurzerhand aus. Irgendwann sagte dann Ediths Mutter zum Vater: „Da kaufst Du eben eine Baracke.“ Gesagt – und nicht so einfach getan. Denn es bedurfte einer Genehmigung. Als Lager für die Werkstatt begann die Kirche ihr Leben in den Akten. Nach etwa 400 Arbeitsstunden stand sie, die als Baracke getarnte Kirche im hinteren Teil des Grundstückes. Die 75 Kilogramm schwere Glocke erhielt sie erst zwei Jahre später.

Nur äußerlich macht die Rugiswalder Kirche heute etwas mehr her als einst. Helle Schindeln schützen und verschönern die Fassade. Edith Kind streicht darüber und freut sich, dass Söhne und Enkel fortführen, was ihr Vater und ihr Mann begannen.

Der nächste Gottesdienst in der Rugiswalder Kirche: 16. November, 10 Uhr