merken
PLUS

Die beispielhafte Wohltäterin

Am 26. März wäre die bekannte Schwedin Elsa Brändström 130 Jahre alt geworden, und am 4. März ist sie genau 70 Jahre tot. Eine Erinnerung an ihr Wirken in der Westlausitz.

© privat

Von Martin Stolzenau

Anzeige
Yoga unterm Weihnachtsbaum

Auf der Suche nach dem perfekten Weihnachtsgeschenk kommt meist Stress auf? Warum nicht einfach ein bisschen Zeit zum Relaxen unter den Baum legen?

Schmeckwitz. Nahe der Lessingstadt liegt das Dorf Schmeckwitz, das zum Kernsiedlungsgebiet der Sorben gehört, 1280 erstmals urkundlich erwähnt wurde und über Jahrhunderte anteilig drei Grundherren besaß, das Rittergut Räckelwitz, das Kloster St. Marienstern und das Bautzener Domstift. 1817 wurde nahe Schmeckwitz durch Johann Gottfried Böhnisch das Schwefelbad „Marienborn“ eingerichtet, das über Sachsen hinaus als Kurbad Bekanntheit erlangte und nach dem I. Weltkrieg ein Arbeitssanatorium für ehemalige deutsche Kriegsgefangene beherbergte. Das leitete Elsa Brändström, eine bedeutende Frauenpersönlichkeit, die als Wohltäterin berühmt wurde.

Beiname: Engel von Sibirien
Elsa Brändström war von ihrer Herkunft her Schwedin, engagierte sich während des I. Weltkrieges im Dienst des Schwedischen Roten Kreuzes in Sibirien für das Überleben der deutschen sowie österreichischen Kriegsgefangenen und erhielt dort den Beinamen „Engel von Sibirien“. Sie kümmerte sich später in Deutschland um Kriegsheimkehrer und notleidende Kinder, gründete Stiftungen sowie Heime für sozial Bedürftige vor allem in Sachsen sowie in der Uckermark und übersiedelte 1933 angesichts der Nazi- Diktatur in die USA, wo sie für neue Hilfsaktionen im Sinne christlicher Nächstenliebe sorgte. Damit erlangte die Schwedin internationale Bekanntheit und auch über ihren Tod vor 70 Jahren hinaus eine große Nachwirkung. Sie erhielt die Ehrendoktorwürde der Universitäten von Tübingen, Königsberg sowie Uppsala, wurde während der Weimarer Republik fünfmal für den Friedensnobelpreis nominiert und ist in Deutschland, Österreich und Schweden Namensgeberin vieler Straßen sowie Schulen. Dazu gab es beim ZDF 1971 einen Fernsehfilm sowie beim MDR 2014 eine Fernsehdokumentation und außerdem zahlreiche Schriften zu ihrem Wirken. Die Deutsche Bundespost widmete ihr in der Reihe „Helfer der Menschheit“ 1951 eine Sondermarke. In Wurzen sowie Mittweida in Sachsen und im österreichischen Ort Krems an der Donau erinnern Denkmäler, Gedenktafeln und Skulpturen an die Wohltäterin. Außerdem wurde sie im „Ökumenischen Heiligenkalender“ aufgenommen.

Elsa Brändström wurde am 26. März 1888 in Sankt Petersburg geboren, wo ihr Vater als schwedischer General die Funktion des schwedischen Militärattachés bekleidete. Die Generalstochter absolvierte das Lehrerinnenseminar in Stockholm und meldete sich bei Ausbruch des I. Weltkrieges in St. Petersburg freiwillig als Krankenschwester. Elsa Brändström beließ es nicht bei der medizinischen Betreuung. Sie kümmerte sich um alles, sorgte gegen großen Widerstand der Lagerkommandanten mit dem Deutschen, Österreichischen und Schwedischen Roten Kreuz für mehr Menschlichkeit sowie eine bessere Versorgung und reduzierte so die Sterblichkeitsquote in ihrem Verantwortungsbereich Krasnojarsk von 80 auf 18%. Das begründete ihren Ruhm. Nach dem Krieg veröffentlichte sie ihre Erlebnisse im Buch „Unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien 1914 bis 1920“. Danach ging sie nach Deutschland, wo sie ein neues Kapitel christlicher Nächstenliebe aufschlug.

Ihre erste Wirkungsstätte wurde das Arbeitssanatorium für ehemalige deutsche Kriegsgefangene in Bad Marienborn bei Kamenz. Sie organisierte Hilfe für traumatisierte Kriegsheimkehrer und Kriegsgefangene sowie deren Kinder. Mit Erfolg. Aus eigenen Mitteln und mit Spenden kaufte die Schwedin dann die Schreibermühle bei Lychen in der Uckermark. Aus dem Mühlenbau wurde unter ihrer Regie ein Kinderheim. Elsa Brändström überwand auch hier alle Hürden. Mehr noch. 1923 unternahm die couragierte Wohltäterin eine Vortragsreise durch die USA, wobei sie nebenbei 100 000 Dollar für ein neues Kinderheim sammelte. Mit diesem Geld erwarb die Schwedin Schloss Neusorge in Mittweida. Das wurde ein Heim für 200 notleidende Kinder. Brändström knüpfte dabei an die Aktivitäten von Johannes Daniel Falk 200 Jahre früher in Weimar an.

Beiname: Nordische Jeanne d‘ Arc
Sie war rastlos tätig, absolvierte 1925 eine weitere Vortragsreise in ihrem Vaterland Schweden mit Spendensammlung, investierte alle Gelder in ihre Fürsorgeprojekte in Lychen, Bad Marienborn und Mittweida, gründete eine Studienstiftung und wurde 1927 von der Universität Tübingen mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Harry Graf Kessler bezeichnete sie in diesem Zusammenhang voller Bewunderung für ihr Wirken als „Die nordische Jeanne d´ Arc“. Doch als die Wohltäterin 1929 bei einer Reise in die Sowjetunion auch dort mit einer Privatinitiative für Fürsorgeheime sorgen wollte, wurde sie abgewiesen. Sie konzentrierte sich fortan auf ihre deutschen Heime, heiratete den Pädagogik-Professor Robert Ulich und hatte ihren Hauptwohnsitz bei ihrem Mann in Dresden.

Dann kam 1933 die Machtübernahme der Nazis, die sie ablehnte. Da ihr Mann eine Professur an der Harvard University bekam, wechselte das Paar noch rechtzeitig in die USA, wo Elsa Brändström-Ulich nun Hilfe für Exilanten organisierte. Noch vor Kriegsende verlagerte sie ihre Aktivitäten auf die Unterstützung für Notleidende im zerstörten Deutschland. Daraus entwickelte sich die Organisation „Care International“, die massenhaft für Hilfssendungen sorgte. Parallel unternahm sie eine Reise durch das zerstörte Europa. Mittendrin wurde die Aktivistin vom Knochenkrebs befallen. Das war ihr letzter Kampf, den sie verlor. Der „Engel von Sibirien“ starb am 4. März 1948 in Cambridge/Massachusetts. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Nordfriedhof von Solna bei Stockholm.

Ihr Sanatorium in Bad Marienborn war von den Nazis samt der Stiftung aufgelöst worden. Doch die Wohltäterin ist in Schmeckwitz nicht vergessen. An der Kirche steht ein Gedenkstein. Im ehemaligen Badehaus erinnert eine Ausstellung an sie, und die Ortsfeuerwehr trägt ihren Namen.

Literaturtipp: Norgard Kohlhagen – Elsa Brändström. Die Frau, die man Engel nannte. Eine Biographie. 1992