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Die Beleidigte vom Amt

Der Angeklagte bezeichnet eine Mitarbeiterin des Landratsamtes als Lügnerin. Doch die Frau ärgert wohl etwas ganz anderes.

Von Jürgen Müller

Es gibt ja so Vorurteile über bestimmte Berufsgruppen. Fitnessstudiogestählt und solarstudiogebräunt, kahlgeschorener Schädel, nichts Ordentliches gelernt, ein bisschen rechts und ganz oft vorbestraft, jawohl, so sind sie, die Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten. Stimmt alles nicht? Im Falle des 46-jährigen Angeklagten aus Radebeul zumindest äußerlich nicht unbedingt. Sein Vorstrafenregister jedoch ist lang und eindrucksvoll: Verwenden von Nazisymbolen, gefährliche Körperverletzung, gemeinschaftliche Körperverletzung, versuchte räuberische Erpressung, versuchte Anstiftung zur Falschaussage, Trunkenheit. Nur im Gefängnis hat er noch nicht gesessen, wurde stets zu Bewährungsstrafen verurteilt. Die Bewährungszeiten – mitunter bis zu vier Jahren – hat er alle überstanden.

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Im Gegensatz zu seinem kriminellen Vorleben ist das, was ihm die Staatsanwaltschaft diesmal vorwirft, eher eine Bagatelle. Er soll die Mitarbeiterin des Landratsamtes Meißen am Telefon als Lügnerin bezeichnet haben. Die fühlt sich dadurch beleidigt, zeigt den Mann an. Und nun sitzt er mal wieder vor Gericht, zum zehnten Mal in seinem Leben.

„Das ist wie Berufsverbot“

Der Angeklagte gibt zu, dass es einen Streit mit der Frau gab. Im Kern ging es darum, dass es während eines Fußballspieles zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden als Sicherheitsmann gearbeitet haben soll. Dies ging jedenfalls aus einem Polizeiprotokoll hervor. Das hätte der Mann aber gar nicht tun dürfen. Denn dazu müsste er als geprüfter Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes registriert sein. Ist er aber nicht, jedenfalls nicht im Landkreis Meißen. „Das ist für mich wie ein Berufsverbot. Diese Frau lässt mich einfach nicht arbeiten“, sagt er. In Dortmund habe er jedenfalls nicht bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet. Das habe die Frau aber behauptet. Deshalb habe er gesagt, dass sie lüge.

Doch die Mitarbeiterin des Landratsamtes störte wohl noch etwas anders. Im Laufe des offenbar hitzigen Gespräches soll der Angeklagte gesagt haben, die Mitarbeiter in Behörde hätten „keine Ahnung, ebenso wie die Bullen.“ Sie bekämen ohnehin viel zu viel Geld, während er sich drehen müsse, um zu seinem Geld zu kommen. Zumindest was Letzteres betrifft, hat er Recht. Als Ordner verdient er acht Euro die Stunde, als Sicherheitsmann wären es wenigstens zwölf. Auch nicht die Welt, aber wesentlich besser.

Doch als solcher kann er nicht arbeiten, wenn er keine Gewerbegenehmigung bekommt. Die erhielt er bisher wegen seiner Vorstrafen nicht. Die letzte Verurteilung stammt aus dem Jahre 2008, jetzt könnte er also die Genehmigung neu beantragen. Wenn er denn nicht erneut verurteilt wird. Dann bekäme er wieder für die folgenden fünf Jahre keine Genehmigung. Genau darum geht es ihm in dem Verfahren. Der Verteidiger möchte deshalb erreichen, dass das Verfahren gegen eine Geldauflage eingestellt wird. Er bietet die doppelte Summe dessen an, die im Strafbefehl stand: 2 000 Euro. Doch die Staatsanwältin tut sich schwer damit. „Ihr Vorstrafenregister gibt das eigentlich nicht her“, sagt sie, ringt sich dann aber „schweren Herzens“ doch dazu durch.

Vor Gericht hat sich der Mann übrigens bei der Mitarbeiterin des Amtes entschuldigt. Die reagiert kühl: „Ich hätte das früher erwartet.“

Sag´s nicht mit Blumen

Die Richterin rät dem Mann noch ab, bei der Frau vom Amt mit einem Blumenstrauß zur Entschuldigung aufzuschlagen. Mitarbeiter im öffentlichen Dienst dürfen nämlich nur Geschenke von äußerst geringem Wert annehmen. Und ein Blumenstrauß für fünf Euro wäre für die Frau wohl schon wieder eine neue Beleidigung.