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Feuilleton

Die besten Karikaturen der letzten 20 Jahre

Der Deutsche Karikaturenpreis feiert sein 20. Jubiläum. Die Themen und Karikaturen zeichnen ein kritisches und komisches Bild der Zeit. Ein Überblick.

2011: Motto: „Merkt doch keiner“
2011: Motto: „Merkt doch keiner“ © Ioan Cozacu alias Nel

Der deutsche Spießer hat eine Scheibe. So wie Tennis-Legende Boris Becker, der im Jahr 2000 vor seinem Computer saß, plötzlich drin war, auf den Bildschirm starrte und las: „AOL: Willkommen im Internet.“ So einfach soll das damals gewesen sein, obwohl Boris nicht wusste, was hinter diesem „www“ steckte.

Das Motto des ersten Deutschen Karikaturenpreises lautete deshalb damals: „Gibt es noch ein Leben hinter der Scheibe?“ Karikaturistinnen und Karikaturisten malten ihre komischen Ansichten vom Hinterscheibendasein und konstatierten: Die Zukunft ist kein Buch mit sieben Siegeln, sondern eine Homepage mit sieben Passwörtern. Was haben wir gelacht. Das Thema Internet ploppte dreizehn Jahre später mit der Frage „Klickst Du noch richtig“ wieder auf, da war Boris längst pleite, die Erde eine Google, gebeichtet wurde auf Facebook, vergeben bei Twitter und auf Youtube bekam jeder seine Hauptrolle.

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Während die digitale Revolution die Welt schneller drehen ließ, etabliert sich der Deutsche Karikaturenpreis nach und nach zum renommierten Wettbewerb in der Satire-Branche und zeichnete ein kurioses und vor allem kritisches Bild der analogen Gesellschaft. 12.465 Arbeiten reichten seit 2.000 Zeichnerinnen und Zeichner bei der Jury ein, um einen der Geflügelten Bleistifte in Bronze, Silber oder Gold abzubekommen. 224.000 Euro Preisgeld wurde bis heute unter den Siegern verteilt und insgesamt 5.899,5 Gläser Bier bei den jährlichen Treffen der Künstlerinnen und Künstler getrunken. Zu den Ausstellungen kamen über 200.000 Besucher.

2001: Motto „Viva Europa!“ / Gewinner: Gerhard Haderer
2001: Motto „Viva Europa!“ / Gewinner: Gerhard Haderer © Gerhard Haderer

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Während eine Krise die andere jagte, feierte der Spaß heiter Konjunktur. Das Leben war einfach nicht mehr ernst zu nehmen. Schon als 2001 Griechenland als zwölftes Mitglied von der EU aufgenommen wurde, ahnten viele, da stimmt was nicht. Als die Bundesbürger erfuhren, dass sie ihre harte D-Mark gegen weiche Euros tauschen sollten und viele Gurken nicht mehr der europäischen Norm entsprachen, da glaubte viele, das sei ein Witz. Das veranlasste die Jury des Deutschen Karikaturenpreises auszurufen: „Viva Europa!“ Irgendetwas war faul im Kontinent der Butterberge und Milchseen.

Die Karikaturistinnen und Karikaturisten übertrieben mit ihren EU-Lachern gewaltig und trafen so den Kern der Malaise. Dass im September 2001 die Twin Towers nach einem Terroranschlag fielen, konnte bei der Ideenfindung des Mottos im Mai keiner ahnen, genau wie 2002 im Frühjahr für den Wettbewerb die Devise „Dumm gelaufen“ ausgeschrieben wurde und im August die Jahrhundertflut den halben Osten überschwemmte. Im selben Jahr attestierte die PISA-Studie, dass Deutschland bei der Bildung untergegangen sei und bei der Frau am Krisenherd gab es ebenfalls Ärger. Da half nur noch, die Katastrophen auszulachen, um nicht endgültig abzusaufen.

2004: Motto „Prost Mahlzeit“ / Gewinner: Greser & Lenz
2004: Motto „Prost Mahlzeit“ / Gewinner: Greser & Lenz © Greser & Lenz

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Als alle dachten, es könne nicht schlimmer kommen, da wurde der Geiz geil.„Hauptsache billig“ hieß 2003 das Karikaturen-Motto, um die Todsünden Geiz und Geilheit zu verspotten. Überall schrumpften Intelligenz, Gesundheitskosten und Zukunftsinvestitionen, doch die Teilnehmer des dritten Karikaturenpreises sparten nicht mit ihren Spaßarbeiten. Folgerichtig wirkte da 2004 der Stoßseufzer: „Prost Mahlzeit!“ Denn es sorgten Stürme und Erdbeben, ein Zusammenstoß von zwei Bundeswehrkampfjets, die Explosion einer mit Nägeln gespickten Bombe in Köln oder der erste Tote bei einer Protestaktion gegen Castor-Transporte für Darmkrämpfe. Eiskalt und abgebrüht lieferten die Zeichnerinnen und Zeichner ihre Beobachtungen und sorgten mit Werken zu Diätwahn, Fresssucht und anderen schwer verdaulichen Katastrophen für lachhaftes Schluckauf.

Da tat es wohl, 2005 mit „Zur Sache, Schätzchen“ in jeder Beziehung große Gagpotenz zu sehen, 2006 „Geld oder Leben“ alternativlos zur Entscheidung zu stellen, 2007 „Nach uns die Sintflut!“ auszurufen, um 2008 doch wieder beim Wettlauf um die beste Karikatur „schneller höher weiter“ dabei zu sein. Das Vergnügen war ganz auf der Seite des Publikum, das Optimismus daraus schöpfte und von der Finanzkrise voll erwischt wurde. Oder auch nicht. „Krise, welche Krise?“ landete 2009 als Frage auf den Schreibtischen der Kreativen, die fröhlich erklärten, warum weder Ochs noch Esel den Kapitalismus in seinem Lauf aufhalten.

2009: Motto: „Krise? Welche Krise?“ / Gewinner: Til Mette
2009: Motto: „Krise? Welche Krise?“ / Gewinner: Til Mette © Til Mette

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Am 27. Januar 2010 läutete Apple das Jahr des Tablet-Computers ein. Allein in den ersten Stunden wurden 50.000 Vorbestellungen für das iPad verbucht. Der damalige Außenminister Westerwelle schrieb über spätrömische Dekadenz von Hartz-IV-Empfängern, in der Katholische Kirche wurden erste Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs bekannt und Margot Käßmann trat nach einer alkoholisierten Autofahrt von ihrem Amt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland zurück. Da ging also noch was: „Jetzt erst recht!“ So lautete die Aufforderung an die Humorarbeiter und sie lieferten zuverlässig.

Der Karikaturenpreis wuchs zum Treffpunkt der unterhaltsamen Gewissensbildung, obwohl die beißende Satire vielen Politikern am Hintern vorbei ging. Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg dachte 2011 gar „Merkt doch keiner!“ und stand da als oberster Kopierer der Nation. Eine bessere Vorlage, um den Heuchlern das Fell über die Ohren zu ziehen gab es nicht. 2012 sollte gar die Welt untergehen, so viel schien sicher, denn Mayas lügen nicht. Also „Schluss mit lustig!“ Nicht mit uns, das große Feixen ging 2014 mit der Frage „Wie krank ist das denn?“ weiter, bis im 25. Jahr der Wiedervereinigung 2015 alle begriffen „Wir sind ein Witz!“. Der beste Scherz entsteht aus dem Tabubruch: „Bis hierin und weiter!“ hieß es deshalb 2016 und die Zeichnerinnen und Zeichner nutzen die Chance für gnadenlose Grenzüberschreitungen, denn „Menschen sind auch keine Lösung“ (2017). Doch „Vorsicht, Heimat!“ Die Künstlerinnen und Künstler führten das Publikum 2018 mit ihren ausgezeichneten Landkarten listig hinter das frisch lackierte Ortseingangsschild. Der deutsche Spießer indes putzt noch immer seine Scheibe, aber hat endlich das Lachen gelernt.

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Tipp: Die Verleihung des Deutschen Karikaturenpreises findet am 17. November, 11 Uhr im Dresdner Schauspielhaus statt. Mit dabei Tom Pauls und über 70 Karikaturisten aus Deutschland. Schon am 15. November findet in der Schauburg erstmals eine Karikaturenshow mit SZ-Karikaturist Mario Lars und Dorthe Landschulz statt.

Karten unter: www.sz-ticketservice.de