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Die Bestie von Omaha Beach

Heute vor 70 Jahren landeten die Alliierten in der Normandie. Ihr tödlichster Feind kam aus Döbeln.

Von Jens Ostrowski

Auf der Suche nach der Bestie von Omaha Beach überschlug sich die Presse vor zehn Jahren mit Augenzeugenberichten von deutschen Landsern, die am 6. Juni 1944 mit ihren Maschinengewehren unentwegt auf alles zuhielten, was aus den Landungsbooten sprang. Manch einer mähte Hunderte oder gar Tausende GIs nieder. Und obgleich sie von ihnen bedient wurde: Die eigentliche Bestie von Omaha Beach war kein Mensch, sondern eine Maschine, die in Döbeln entwickelt und teilweise auch gefertigt wurde: Das MG 42 schoss pro Sekunde unmenschliche 25 Projektile ab und durchtrennte ganze Körper. Die deutschen Landser tauften es deshalb Hitler-Säge.

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Moderne Tötungsmaschine

Ein Original befindet sich in der Sammlung der AG Militärhistorik in Zeithain. Die Arbeitsgemeinschaft hat sich zur Aufgabe gemacht, die lange Geschichte des Truppenübungsplatzes aufzuarbeiten. Wo das MG 42 zum Einsatz gekommen ist, weiß der Vorsitzende Rüdiger Schwark nicht. „Wir haben es über einen Händler bekommen, die genaue Historie des Exponats ist aber nicht bekannt.“ Dass es aus Wehrmachtszeiten stammt und nicht erst nach dem Krieg von einer anderen Nation nach deutschen Plänen gebaut wurde, ist aber unbestritten. Denn die Kennzeichnung am Gewehrkolben ist eindeutig. Und möglicherweise wurde dieses MG 42 sogar in der Normandie eingesetzt. „Wer weiß das schon“, sagt Schwark. Klar ist aber, dass auch Teile dieses Maschinengewehrs in Döbeln produziert worden sind.

Die Firma Johannes Großfuß hat das MG 42 entwickelt und Einzelteile gebaut. In Spandau ist die Waffe dann zusammengesetzt worden. Irmgard Weniger (95) aus Leisnig gehörte zur Großfuß-Belegschaft, war für die Verwaltung der Konstruktionspläne verantwortlich. Und ihr verstorbener Ehemann Herbert arbeitete in der Konstruktion mit. „Es geschah alles unter völliger Geheimhaltung. Wir durften nicht darüber sprechen, was hier gebaut wurde“, erinnert sich die 95-Jährige.

Vor dem Krieg stellte Großfuß Küchengeräte und Radiochassis her, wurde dann zu einem der wichtigsten Rüstungsbetrieben der Wehrmacht umgebaut. Chefkonstrukteur Professor Werner Gruner schaffte es, in zwei Schritten aus dem schwerfälligen MG 34 das modernste und zugleich mörderischste Maschinengewehr der Welt zu bauen. „Für die neue Waffe übernahm er Bewährtes, verzichtete aber auf kompliziert zu fräsende Teile und reduzierte den Materialeinsatz“, erinnert sich Irmgard Weniger. Während für das MG 34 zur Herstellung noch rund ein Zentner Stahl benötigt wurde, war es beim MG 42 nur noch die Hälfte. Die Schussfolge erhöhte sich von 900 auf 1 500 Schuss pro Minute, die Herstellungszeit halbierte sich auf 75 Stunden. „Das war insofern erstaunlich, weil Gruner als Elektroingenieur alles andere als ein Waffenexperte war. Aber er hatte Erfahrung darin, Produktionen effizienter zu gestalten“, weiß Irmgard Weniger. 400 000 Stück etwa wurden bis Kriegsende gebaut, kamen an allen Fronten zum Einsatz – eben auch beim D-Day.

„Bei der Landung der Alliierten in der Normandie hatten viele Soldaten, die dem deutschen Maschinengewehr gegenüberstanden, keine Chance“, weiß Rüdiger Schwark. Gerade die ersten Landungstruppen standen in manchen Abschnitten auf verlorenem Posten, weil sie bis zu 300 Meter lange Strände zu überwinden hatten. Die Deutschen hatten mit ihrer mörderischen Waffe freies Schussfeld. „Und deshalb ist es auch wichtig, eine solche Waffe in unserer Ausstellung in den richtigen geschichtlichen Kontext zu bringen. Sie war eine Tötungsmaschine“, sagt Rüdiger Schwark.

Und die Arbeitsgemeinschaft hat noch ein Exponat, dass unabdingbar mit dem D-Day in Verbindung steht: Ein Jeep der US-Armee, der bei der Landung mit nach Frankreich gebracht worden war, kurz danach aber den Geist aufgab. „Den haben wir kürzlich gefunden – und er muss noch restauriert werden“, sagt Schwark und schlägt auf das Polster des Fahrersitzes. Der Staub der Geschichte erfüllt den Raum. Er erzählt auch von den 250 000 Toten, die der D-Day auf beiden Seiten mit sich brachte.