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Die Blütenmacher der Queen suchen Nachfolger

Die Steyers führen in Wallroda eine international renommierte Firma. Das macht die Firmenübergabe nicht leichter.

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Von Sylvia Gebauer

Die Aida muss warten. Wenn es nach Heide Steyers Arzt ginge, wäre so eine Kreuzfahrt nötig. Ausspannen. Die Seele baumeln lassen. Nichts tun. „Mein Arzt hat mir ein Jahr Aida verschrieben“, sagte die damals 67-jährige Heide Steyer im April 2011. Eigentlich würden sich Heide und Gerald Steyer gerne zur Ruhe setzen. Ihre Kunstblumenmanufaktur an einen Nachfolger weitergeben. Das ist selbst für ein international renommiertes Unternehmen, wie ihres, schwierig.

Die englische Queen Elisabeth II. ist für ihre Hüte mit Kunstblume bekannt. Entworfen wird die Kopfbedeckung von Star-Designer Philip Treacy. Die Kunstblumen kommen aus Wallroda. Foto: dpa
Die englische Queen Elisabeth II. ist für ihre Hüte mit Kunstblume bekannt. Entworfen wird die Kopfbedeckung von Star-Designer Philip Treacy. Die Kunstblumen kommen aus Wallroda. Foto: dpa © dpa

Gerald Steyer kann den aktuellen Stand bei diesem Thema in wenige Worte zusammenfassen: „Es ist eine Hängepartie“, sagt er. An Bewerbern mangelt es eigentlich nicht. 50 bis 60 kamen allein in den letzten zwei Jahren in den Arnsdorfer Ortsteil Wallroda. In die Großröhrsdorfer Straße 28, wo ihr Vierseithof zu finden ist. Seit 1998 arbeiten und leben Heide und Gerald Steyer hier. Zehn Mitarbeiter vervollständigen das Team. 1970 hatten beide in Berlin die Blumenproduktion der Blumen- und Federnfabrik Curt Morgenstern übernommen. Nach der Wende suchten sie außerhalb von Berlin nach geeigneten Produktionsräumen. Über Sebnitz führte der Weg nach Wallroda. 1995 kauften sie den Vierseithof. Drei Jahre später startet hier die Produktion hochwertiger Kunstblumen. Jede einzelne ist handgefertigt, besteht aus vielen Einzelteilen. Dadurch ist jede für sich etwas Besonderes. Genau das hat sich bis an den englischen Königshof herumgesprochen.

Nicht Queen Elisabeth II. selbst, sondern ihr Hutmacher Philip Treacy wurde auf Steyers Kunstblumen aufmerksam. Seitdem schmücken die Blüten die Hüte der Queen. Nicht nur ihre. Für viele Designer hat die Wallrodaer Kunstblumenmanufaktur schon gearbeitet. Ein Großauftrag flattert in diesem Jahr ins Haus. „Im Februar waren es noch zwischen 5 000 und 8 000 Blüten, nach einem Monat wurden insgesamt 26 000 Kamelienblüten geordert“, sagt Gerald Steyer. Für keinen Geringeren als Chanel. Für die diesjährige Dekoration werden die Wallrodaer Kunstblumen verwendet. – Auch beim berühmten italienischen Modehaus Gucci gab der Postbote schon ein Päckchen aus Wallroda ab. Geknüpft werden solche Kontakte unter anderem auf den zahlreichen internationalen Messen. Ohne Fremdsprachen funktioniert es nicht. Gerald und Heide Steyer sprechen selber Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. „Ohne diese kommt man in der Modewelt nicht sehr weit“, sagt Heide Steyer. Ein sprachliches Genie muss der Nachfolger nicht sein. Englisch ist auf alle Fälle Pflicht. In Französisch reichen Grundkenntnisse, nimmt Gerald Steyer etwas die Anforderung in dieser Hinsicht heraus.

Den Entschluss, die pulsierende Metropole Berlin zu verlassen und aufs Land zu ziehen, bereuen beide auf keinen Fall. Für viele Bewerber ist genau das der Knackpunkt. Das Landleben. Lieber wollen sie im Zentrum einer Großstadt arbeiten. „Das ist irgendwie nicht nachvollziehbar, in 15 Minuten ist man von hier auf der Autobahn, in 30 Minuten in Dresden. Das ist doch optimal“, findet Gerald Steyer. Er weiß, dass die Anforderungen an einen Nachfolger nicht einfach sind.

Möglich wäre es, die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Einer kümmert sich ums Geschäft, während der andere designt. Aber den Entwurf muss er auch vom Papier umsetzen können. „Für einen Designer, der nur entwirft, ist der Betrieb zu klein“, fügt Gerald Steyer an. Der Wille über seine Arbeit hinaus etwas zu tun – von morgens bis abends, wenn es sein muss am Wochenende –, der muss da sein. Wer das, die Sprachkenntnisse, das nötige Kleingeld und die Liebe zum Beruf mitbringt, hat gute Karten. Dafür gibt’s eine international renommierte Kunstblumenmanufaktur mit der Queen als Kundin.

Gerald Steyer feierte vor wenigen Monaten seinen 70. Geburtstag. Eigentlich wollte er in diesem Alter nicht mehr arbeiten. Aber etwas Gutes hat es auch: „Dadurch bleibe ich gesund“, sagt er. Die Aida wird wahrscheinlich noch weiter ohne Heide und Gerald Steyer ablegen. Zumindest in den Urlaub wollen beide noch fahren. Zwei Wochen ans Meer.

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