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Die Briten ärgern sich über einen Schulnamen

In Großbritannien empört sich ein Parlamentarier über die Benennungeiner Bernstädter Schule nach Klaus Riedel.

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Von Anja Beutler

Gunter Lange, der Bürgermeister von Bernstadt zwischen Zittau und Görlitz, hat in den vergangenen Tagen einige Interviews gegeben: Seit die Tageszeitung taz, Spiegel-online und die Nachrichtenagentur Reuters Anfang der Woche über die Benennung der Schule nach dem Raketenforscher Klaus Riedel im September 2007 berichtet hatten, treffen nun Anfragen aus Großbritannien ein. Denn die Briten sind empört, dass ein Mann, der am Bau der Vernichtungsrakete V2 beteiligt war, mit denen die Nazis die Alliierten in die Knie zwingen wollten, Namenspatron einer Schule ist.

„Ich finde es mit Blick auf Tausende tote Briten und Zwangsarbeiter grob unsensibel, eine Schule nach einem Mann zu benennen, der geholfen hat, diese Rakete zu bauen“, sagte der konservative Parlamentarier Henry Bellingham der „Daily Mail“, der Zeitung mit der zweithöchsten Auflage in Großbritannien. Auch die BBC hat das Thema aufgegriffen und war am Dienstag gleich mit einem Interviewteam im Bernstädter Rathaus angerückt.

Verständnis für Empörung

„Ich kann verstehen, dass die Briten empört sind“, betont Bürgermeister Gunter Lange, der gestern noch weitere Pressetermine im Kalender stehen hatte. Es sei eine Tatsache, dass der Raketeneinsatz viele Unschuldige das Leben gekostet hat. Aber man könne doch nicht alles Klaus Riedel anlasten.

Über zwei Jahre lang hatte sich die Bernstädter Schule auf die Namensgebung vorbereitet, sich mit der Biographie Riedels befasst, die Schüler über Zeit und Hintergründe aufgeklärt. „Riedel war kein Nazi“, sagt der Bürgermeister und wird nicht müde zu betonen, dass man sich vor allem auf die Raketenversuche im September 1930 in Bernstadt – hier lebte Riedels Großmutter – und auf seine ingenieurtechnische Leistung beziehe.

Dass Stadt und Schule wegen Riedel unter politischem und medialem Beschuss stehen, ist indes nicht neu: Ende des vergangenen Jahres hatte die Bernstädter Grünen-Landtagsabgeordnete Astrid Günther-Schmidt den Stein ins Rollen gebracht, als sie – schockiert über die Namensgebung – beim Kultusminister vorsprach.

Aufgestoßen war ihr vor allem eine missverständliche Darstellung im Lebenslauf Riedels, der auf der Schul-Homepage stand. „In Absprache mit dem Schulträger, der Stadt, haben wir das geändert“, erklärt Sprecher Dirk Reelfs vom Kultusministerium. Die Entscheidung für den Namen liege bei der Stadt.

Erben wollen Einhalt gebieten

Betroffen von den neuerlichen Vorwürfen sind auch die Nachfahren Riedels. Seine Tochter Rike Riedel-Lückmann und ihr Mann Werner sind schockiert über die reißerischen Schlagzeilen: „Hitlers schrecklicher Raketenbauer“, titelte kürzlich eine Boulevard-Zeitung in Berlin. Dabei gebe es eindeutige Zeitzeugenaussagen, dass sein Schwiegervater eher links eingestellt war und das Nazi-System nicht für gut befunden habe, sagt Riedels Schwiegersohn. Die Familie will prüfen, ob sie gegen solcherlei Berichterstattung vorgehen kann.

Auf dem diplomatischen Parkett zeichnen sich indes derzeit keine Folgen für Bernstadt ab: „In Berlin hat man von der Berichterstattung über die Namensgebung Kenntnis“, hieß es gestern auf Anfrage.

www.ms-bernstadt.de.vu