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"Es ist ein großes Chaos"

Sängerin Jenifer Lary hätte noch zwei große Rollen in dieser Spielzeit am Görlitzer Theater gehabt. Die Corona-Pause ist für sie besonders tragisch.

Von Ines Eifler
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Jenifer Lary ist Koloratursopranistin am Gerhart-Hauptmann-Theater und zurzeit zu Hause. Dort ist Proben nicht so einfach.
Jenifer Lary ist Koloratursopranistin am Gerhart-Hauptmann-Theater und zurzeit zu Hause. Dort ist Proben nicht so einfach. © PR

Jenifer Lary, genau wie viele andere Theatermitarbeiter sind Sie in diesen Wochen wegen der Corona-Krise in Kurzarbeit. Sind Sie in Görlitz geblieben oder nach Hause gefahren?

Wir sind alle dageblieben. Die meisten Ensemblemitglieder leben mit ihren Familien in Görlitz. Auch ich habe mich entschieden, hierzubleiben und nicht zu meiner Familie nach Tirol zu fahren, als die vorübergehende Schließung des Theaters entschieden wurde. Ich hätte sicher nach Österreich einreisen dürfen, aber vielleicht hätte ich nicht so bald nach Görlitz zurückkehren können. Es war nicht absehbar, wie lange dieser Zustand anhält. 

Wenn Ihre Familie in Tirol lebt – sind dort alle gesund?

Es geht ihnen gut, auch meinem über 80 Jahre alten Großvater. Er hat ein stabiles Immunsystem, aber trotzdem macht man sich Sorgen und will ihn schützen. 

Als Sängerin sind Sie es gewöhnt, vor Publikum aufzutreten oder mit dem Ensemble zu proben. Wie geht es Ihnen in Zeiten abgesagter Veranstaltungen und geschlossener Theater? 

Auf der Bühne zu stehen und das gemeinsame Musizieren fehlen mir sehr. Denn ich liebe meine Arbeit und probe auch wirklich gern. Andere haben wenigstens ein Instrument bei sich zu Hause, aber mein Klavier steht leider in Wien. Sonst trenne ich Beruf und Privatleben sehr klar und ich kann das Klavier im Theater nutzen. Das geht jetzt natürlich nicht und fehlt mir sehr.

Wie verbringen Sie jetzt Ihren Tag? 

Besonders in der ersten Woche war es wirklich schwer. Ich arbeite normalerweise sehr strukturiert auf vieles hin. Die Theatersaison war durchgeplant, aber auch meine Vorhaben und Konzerte außerhalb des Theaters gehe ich sehr planvoll an. Jetzt ist dieser Fluss unterbrochen. Da unklar ist, wann und wie es weitergeht, fällt auch die Vorbereitung schwer. Zuerst war ich schon etwas unmotiviert und antriebslos. Inzwischen habe ich mir eine neue Routine zurechtgelegt und versuche mich mit Yoga und Laufen aktiv zu halten. Und ich stehe in regem Kontakt zu meiner Familie, zu Freunden, zu den Kollegen.

Wie gehen Ihre Kollegen mit der Situation um?

Es ist für alle eine völlig ungewohnte Situation. Man kann nichts planen, nichts organisieren, nichts vorbereiten. Eigentlich würde jetzt der neue Spielplan veröffentlicht werden. Jetzt muss alles umgeplant werden ohne die Gewissheit, worauf man hinplanen kann. Viele Verträge waren schon geschrieben, auch Gastverträge, damit hat die Verwaltung jetzt zu tun. Unser Theater hat zumindest eine gewisse Klarheit geschaffen mit der Schließung bis mindestens 31. Mai. Andere Theater schauen von Woche zu Woche, wie es weitergeht. Es ist ein großes Chaos. 

Bereiten Sie sich trotzdem zu Hause auf kommende Rollen vor?

Ohne Klavier kann ich nicht so gut neue Partien einstudieren. Aber ich übe Arien, die ich schon länger mal auffrischen wollte und trainiere bestimmte Techniken. Ich versuche wenigstens jeden Nachmittag zwei Stunden in meiner Wohnung zu singen, in der Hoffnung, dann die Nachbarn am wenigsten zu belästigen. Als Koloratursopran habe ich eine sehr durchdringende Singstimme und deshalb Hemmungen, schwierige Passagen wieder und wieder zu üben. 

Eigentlich hätten Sie vorigen Sonnabend als Jenny in der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ auf der Bühne gestanden. Nun wurde die Premiere in die nächste Spielzeit verschoben, genau wie auch „Don Giovanni“. Wie geht es Ihnen damit?

Für mich ist das unglaublich schade. Die Zerlina in Don Giovanni habe ich schon einmal auf Italienisch gesungen. Aber auf Mahagonny hatte ich mich besonders gefreut. Die Inszenierung war schon fertig, es wäre eine richtig tolle, grandiose Produktion geworden, die mit ihrer Kapitalismuskritik auch so gut in unsere Zeit passt. Außerdem ist es die letzte Inszenierung unseres Intendanten. Aber da ich nicht in Görlitz bleiben werde, sondern im Sommer nach Heidelberg gehe, werde ich die Jenny nun wahrscheinlich nicht singen können. 

Aber vielleicht als Gast in der nächsten Spielzeit?

Das würde ich schon gern, aber im Moment ist unklar, ob ich die Termine wahrnehmen könnte. Ich werde mich ja nach dem Plan des Heidelberger Theaters richten müssen. Aber wenn es möglich wäre, die Jenny zu singen, würde ich mich sehr freuen. Sonst wäre mein Auftritt als Adele in der Fledermaus am 13. März mein letzter Auftritt am Gerhart-Hauptmann-Theater gewesen, dann hätte ich gar keinen richtigen Abschluss in Görlitz. Aber damit müsste ich leben. Wichtig ist es, dass wir alle gesund bleiben und trotz allem den Optimismus nicht verlieren.

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