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Die Bürgerhaus-Retter

Der Milstricher Dorfclub ist jetzt Hausherr in der alten Schule. Und bewahrt die letzte Kulturstätte im Ort vorm Aus.

© Mathias Schumann

Von Manuela Paul

Milstrich. Der Stolz steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Völlig zu Recht. Denn was die Milstricher aus ihrem Dorfgemeinschaftshaus gemacht haben, ist eindrucksvoll. Vor dieser Leistung und dem Enthusiasmus könne man „den Hut gar nicht tief genug ziehen“, erklärt Fritz Boden. Der 79-Jährige gehört zur Tischtennisgruppe, deren Hobbyspieler regelmäßig in der Begegnungsstätte die Kellen schwingen. Dass sie ihrem Freizeitsport auch weiter frönen können, verdanken die Senioren dem Dorfclub. Denn der gemeinnützige Verein entschied sich, die Verantwortung für die alte Schule zu übernehmen, erklärt Dorfclub-Chef Dirk Raffe. Allerdings habe man sich dafür mit dem Jugendclub, der Milstricher Feuerwehr und auch mit besagten Tischtennissportlern verbündet. Allein wäre der Dorfclub sicher an seine Grenzen gestoßen. Denn die Milstricher Begegnungsstätte ist ein ziemlich großes Objekt. Wesentlich größer als die Dorfgemeinschaftshäuser in den anderen Ortsteilen.

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Deshalb taten sich die Milstricher anfangs auch schwer, als ihnen im August 2015 der Nutzungsvertrag kommentarlos zugeschickt wurde. „Da haben wir schon gehadert“, erinnert sich Dirk Raffe. Sollte sich der mit zwölf aktiven Mitgliedern recht kleine Verein so ein großes Haus ans Bein binden? Wegen der schlechten Haushaltssituation der Gemeinde war seinerzeit ein Punkt in der Liste der Sparvorschläge, die Dorfgemeinschaftshäuser per Vertrag an die Vereine abzutreten. Denn das Geld reiche nur für die Erfüllung der Pflichtaufgaben der Kommune, betonte Bürgermeister Siegfried Gersdorf im Vorfeld der Übergaben immer wieder. Kulturstätten zu unterhalten gehöre definitiv nicht dazu.

Das Experiment gewagt

Nach langem Abwägen entschied sich der Verein schließlich, das Experiment zu wagen. Denn das alte, graue, zweistöckige Gebäude ist die letzte Kulturstätte im Ort. „Wir haben hier nichts. Keine Schule. Keinen Kindergarten. Keine Einkaufsmöglichkeit. Auch keine Gaststätte. Nur noch das Dorfgemeinschaftshaus.“ Das gesellige Leben in Milstrich konzentriert sich in und um die über hundert Jahre alte Schule. So soll das auch bleiben.

Wo, wenn nicht an und in der Begegnungsstätte am Auenweg sollten denn sonst traditionelle Höhepunkte, wie das Dorffest, Faschings- oder Silvesterfeiern stattfinden. Deshalb unterzeichnete die kleine Truppe um Vereinschef Dirk Raffe den Vertrag mit der Gemeinde schließlich auch. Seit Jahresbeginn trägt der gemeinnützige Verein die Verantwortung für die Begegnungsstätte. Und die Betriebskosten. Auch für Renovierung und kleine Reparaturen sind die neuen Hausherren zuständig, ebenso für die Pflege des Außengeländes.

Einen Teil der Kosten wollen die Milstricher über Vermietung erwirtschaften. Die großen Räume in ihrem Vereinsdomizil bieten sich dafür geradezu an. Punkten kann das Objekt auch mit dem Spielplatz vor und der Wiese hinter dem Gebäude.

Allerdings war das Ambiente im Haus bis dato eher trostlos. Das Gemäuer strahlte eine gehörige Portion DDR-Charme aus. Fürs Vermietungsvorhaben eher kontraproduktiv. Deshalb möbelte der Verein das Erdgeschoss des über hundert Jahre alten Gebäudes in Eigenregie kräftig auf, legte seit Januar kräftig Hand an. Inzwischen ist das Grau verschwunden. Stattdessen dominieren Farbe, Licht und moderne Materialien. Der Fußboden präsentiert sich in erfrischender Holzoptik, vor den neuen Fenstern hängen schicke helle Rollos und es wurde eine nagelneue kleine Küche eingebaut. Außerdem entstand ein Anbau, in dem schicke Toiletten eingebaut wurden. Der neue Gebäudetrakt ist auch vom Hof aus erreichbar – gut für die Dorffeste. „Wir brauchen keinen Toilettenwagen mehr.“

Mit einfachen Mitteln etwas Tolles schaffen

Die Türen der stillen Örtchen sind ganz rustikal – aus stylischen Schwartenbrettern. „Man kann auch mit einfachen Mitteln etwas Tolles schaffen“, erklärt Vereinschef Dirk Raffe. Genau das sei auch die Intention gewesen. Denn kosten sollte der Umbau so wenig wie möglich. Deshalb habe man so gut wie alles allein gemacht, betont der Milstricher. Zum Glück könne man mit den Mitgliedern viele Gewerke abdecken, freut sich Jacqueline Schäfer – eine der drei Frauen im Dorfclub. Neben dem Tischler, der die vielen Holzarbeiten übernahm, gebe es beispielsweise auch Maurer und Elektriker. Zudem fanden sich zahlreiche Helfer und Sponsoren, die den Machern unter die Arme griffen. Über 50 an der Zahl. „Ohne diese Hilfe hätten wir es nicht geschafft.“ Immerhin stecken mehrere Tausend Euro in Material und Einrichtung. Und unzählige freiwillige Arbeitsstunden. Jetzt wolle man bei der Gemeinde über die Vereinsrichtlinie einen Zuschuss für das Projekt beantragen. Das Geld käme dem Verein recht. Zu tun gibt es am Dorfgemeinschaftshaus nämlich noch einiges.

Das Ergebnis ihrer monatelangen Arbeit präsentierte der Verein den Milstrichern unlängst beim Tag der offenen Tür, bei dem auch ein Luther-Baum gepflanzt wurde. Quasi als Symbol für den Neubeginn. Die Resonanz sei überwältigend gewesen, erzählen Dirk Raffe und Jacqueline Schäfer. „Wir hatten keinen einzigen freien Platz mehr.“ Der stellvertretende Oßlinger Bürgermeister Olaf Zinke, der den urlaubenden Gemeindechef vertrat, schätzt den Umbau als „wegweisend für die anderen Ortsteile“ ein. Auf diese Anerkennung ist die Truppe um Dirk Raffe natürlich stolz. Noch viel mehr aber über die ersten Reservierungen. Zum Schuleingang 2018 ist das Haus schon jetzt ausgebucht.

Die Milstricher suchen noch Mitstreiter, die sich an der Baumpatenschaft beteiligen wollen. Interessenten melden sich bitte unter: [email protected]