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Die den Fliegerhorst errichteten

Kamenz feiert am 2. und 3. Juni 100 Jahre Flugplatz. Wieso eigentlich? Der SZ-Chronist gibt Auskunft.

© Klaus Wagner

Von Norbert Portmann

Kamenz. Die Erfindung des Flugzeuges gehört zu den größten technischen Leistungen der Menschheit. Der Weg vom Traum bis zur Realität des Fliegens verlangte einen an Kühnheit kaum zu überbietenden Einsatz vieler Pioniere der Luftfahrt. Und er bot wirtschaftliche Chance. Kamenz tat gut daran, sich stark zu machen, nachdem leider bei der Planung der Eisenbahnnetze einiges verschlafen wurde. Eine Möglichkeit ergab sich 1909, als am 13. November die Stadt ein Schreiben der „Deutschen Luftschiffahrt-Gesellschaft e. GmbH“ aus Dresden erhielt. Die Firma bat, auf städtischem Gelände eine Station für den Luftverkehr mit lenkbaren Luftschiffen zu errichten, verbunden mit dem Bau einer Luftschiffhalle oder eines Ankermastes. Die einzige Möglichkeit, solch einen Platz zu finden, gab es vor der Stadt auf der Flur zwischen Jesau und Zschornau, wo das 13. Königlich-Sächsische Infanterieregiment Nr. 178 einen Exerzierplatz unterhielt. Das sächsische Kriegsministerium verhinderte die Pläne durch einen Einspruch.

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„Flugplatz Kamenz“ von Gerhard Kaiser und Jürgen Buch ist ein interessanter historischer Abriss der Fliegerhorstgeschichte. Die Broschüre ist zum Flugplatzfest erhältlich.
„Flugplatz Kamenz“ von Gerhard Kaiser und Jürgen Buch ist ein interessanter historischer Abriss der Fliegerhorstgeschichte. Die Broschüre ist zum Flugplatzfest erhältlich.

Dann gab es im Frühjahr 1911 für die Kamenzer die Möglichkeit, ein Flugzeug im Stand und beim Fliegen zu beobachten. Vor etwa 5 000 Zuschauern fand am 26. März trotz böigen Windes ein Flugspektakel mit dem Flieger Oswald Kahnt und dem Grade-Eindecker auf dem Kasernenhof statt. Heute erinnert ein Gedenkstein, der anlässlich der 100. Wiederkehr dieses Ereignisses im Beisein ehemaliger Flieger und Gäste aufgestellt wurde, an diesen denkwürdigen Tag. Wenn schon keinen Flughafen, dann mindestens einmal ein Luftschiff über Kamenz. Diese Gelegenheit wurde den Kamenzern mit dem Überfliegen des Luftschiffes „Sachsen“ am 27. Juli 1913 geboten. Schon kurz zuvor hatte die Stadt dem in Leipzig ansässigen Verein für Luftfahrt ihre Bereitschaft zur Errichtung eines Flugstützpunktes mitgeteilt. Zunächst wurde an dem abschlägigen Bescheid seitens des Kriegsministeriums festgehalten. Für Kamenz war kein Flugplatz vorgesehen.

König erteilte die Weisung zum Bau einer Fliegerstation

Aber auch das Militär erkannte immer mehr die Bedeutung der Fliegerei für die Durchsetzung militärischer Ziele. Im Herbst 1913 entstanden die ersten vier Fliegerbataillone des Kaiserreichs. Es wurden Fliegerschulen mit Flugplätzen und sonstigen Einrichtungen gegründet. Da erinnerte man sich im Kriegsministerium an den Kamenzer Wunsch und Vorschlag, hier einen Flugplatz zu errichten. Und am 16. September 1916 erteilte der sächsische König die Weisung zur Errichtung einer Fliegerstation. Der Baubeginn zog sich freilich hin. Trotz fehlender Flugplatzeinrichtungen und der noch nicht fertigen Stell- und Rollflächen vor den Hallen wurde am 18. Juni 1918 von Preußen aus der Befehl zur Belegung mit Flugschülern der Fliegerersatzabteilung 12 aus Cottbus erteilt. Laut Befehl sollte am 20. Juni die Ausbildung beginnen. Somit ist dieses Datum die Geburtsstunde des Kamenzer Flugplatzes. Mit dem Kriegsende wurde im November /Dezember der Flugbetrieb wieder eingestellt. Die angefangenen Bauarbeiten an Gebäuden wurden vollendet. Der Kamenzer Flugplatz unterlag aber den Bedingungen des Versailler Vertrages. Konkret vor Ort hieß das, dass die Flugzeughallen spätestens bis 15. Februar 1921 abgerissen, sein mussten. Damit war auch eine zivile Nutzung einzelner Hallenteile nicht mehr möglich. Ein Teil der Flugzeugwerft sowie ein als Wohnhaus genutztes Gebäude blieben erhalten. Ein Teil der ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzflächen wurde für Getreide- und Gemüseanbau wieder genutzt.

Zunächst war in der Weimarer Republik das Fliegen tabu, aber der Gedanke, Flugsport zu betreiben, verschwand nie aus den Träumen der Menschen. Der Leitspruch der Flieger: „Einmal fliegen, immer fliegen“ wurde niemals aufgegeben – und ehemalige Flieger unterstützten den Gedanken der flugsportinteressierten Bürger. So kam es im Sommer 1927 zur Flugsportvereinsgründung. Die Geschäftsstelle befand sich damals im Haus Bautzener Straße 52, dem Haus des ehemaligen Drogisten und Stadtrates Goldberg. Für den 31. Juli 1927 war ein Flugtag geplant, der auch durchgeführt wurde. Dieser Flugtag bildete die Grundlage und den Auftakt für die weitere Existenz des Lausitzer Flugvereins mit Sitz in Kamenz. Der Verein errichtete eine Halle, die als Werkstatt für den Segelflugbetrieb und als Bauort des ersten vereinseigenen Segelflugzeuges diente.

Vor dem 2. Weltkrieg zum Fliegerhorst ausgebaut

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde der ideologische Nährboden für die militärische Wiederaufrüstung auch auf fliegerischem Gebiet geschaffen. Auch Kamenz rückte ins Blickfeld der Planung des Reichswehrministeriums. Aber aus unerklärlichen Gründen war Kamenz noch im gleichen Jahr nicht mehr auf dem Plan. Nur ein prinzipielles Interesse an einen Kamenzer Flugplatz blieb bestehen. 1936 begann dann der Reichsarbeitsdienst doch mit dem Ausbau des Rollfeldes. Durch die Luftwaffenbauleitung wurde zwischen 1937 bis 1939 der Kamenzer Platz kontinuierlich zum Fliegerhorst ausgebaut. Der schon bestehende Gleisanschluss wurde erweitert, u.a. auch für die unterirdisch angelegte Unterflurtankanlage am nördlichen Flugplatzende. Bereits 1937 begann ein unregelmäßiger Flugbetrieb durch die in Dresden stationierte Luftkriegsschule. Der Schulbetrieb wurde bis Oktober 1944 aufrechterhalten. Ausgebildet wurde auf der Focke-Wulf FW 44. Weitere Fliegerschulen nutzten den Kamenzer Platz für die Ausbildung, so u.a. die Jagdfliegerschule 1. Vorrangig setzte diese Schule den Flugzeugtyp Arado Ar 96 für die fliegerische Grundausbildung ein. Die Jagdfliegerschule bestand bis zum November 1942. Durch die Fliegerschule A/B aus Görlitz wurde dann die Jagdfliegerausbildung bis Ende 1944 fortgesetzt.

Neben der Jagdfliegerausbildung wurde der Platz mit seinen Einrichtungen auch noch anderweitig genutzt. So erfolgten von hier fliegerische Einsätze bei der Besetzung des Sudetenlandes im Herbst 1938. Durch die Flugzeug-Weser-Werft wurde die Junkers Ju 52 gewartet und die Junkers Ju 87 montiert und eingeflogen. Im Jahre 1945, als die Front immer näher rückte, kamen auch Kampfverbände nach Kamenz. Am 20. April 1945 räumte die letzte Einheit der Luftwaffe den Platz. Und am 7. Mai 1945 wurden die Stadt und der Flugplatz schließlich durch die Rote Armee besetzt. Sowjetische Fliegerkräfte nutzten den Flugplatz bis 1948. Danach erfolgte die Sprengung der Reste der Hallen und der Gebäude des Flugplatzes.

Bereits 1951 gab es Überlegungen, den Flugplatz Kamenz wieder aufzubauen und für eine künftige fliegerische Ausbildung zu nutzen. Zwischen 1952 und 1955 wurde der Flugplatz durch die Bau Union Süd völlig neu errichtet. Bereits am 1. Oktober 1952 wurde mit der fliegerischen Ausbildung begonnen, die zunächst durch ein sowjetisches Ausbildungsregiment auf dem Flugzeugtyp Jakowlew Jak-18 bis August 1953 sichergestellt wurde.

Kamenz als Ausbildungsort

Im Januar 1955 erfolgte die Gründung der Fliegerschule Kamenz. Ausgebildet wurde auf den Flugzeugtypen Jakowlew Jak-18 und Jak-11. Mit Gründung der NVA am 1. März 1956 und späterer Umstrukturierung der Fliegerschule erfolgte weiterhin in Kamenz die Ausbildung. Hier war das Fliegerausbildungsgeschwader FAG-1, später dann FAG-10 bis zur Auflösung im Oktober 1963 stationiert. In den folgenden Jahren wurde der Flugplatz durch die Verbindungsfliegerkette der Offiziersschule, die Flugzeugreparaturwerkstatt 24 (FRW-24) und die Segelflieger der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) genutzt.

Mit der Gründung der Transportfliegerausbildungsstaffel 45 (TAS-45) am 5. November 1972 sollte für die folgenden Jahre wieder fliegerisches Leben auf dem Flugplatz Einzug halten. Zunächst erfolgte die fliegerische Ausbildung auf dem Doppeldecker Antonow An-2 und ab 1981 zusätzlich noch auf dem zweimotorigen PTL-Mehrzweckflugzeug L-410 „Turbolet“. Am 29. September 1990 führte die TAS-45 den letzten Flugdienst durch und am 6. Juni 1991 übergab die Luftwaffe der BRD den Flugplatz Kamenz dem Bundesvermögensamt zur zivilen Nutzung. Der Flugplatz wird jetzt 27 Jahre erfolgreich betrieben und am 2. und 3. Juni zu Recht mitgefeiert.