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Die doppelte Seite der Integration

Wir müssen nicht nur Menschen anderer Länder in unsere Grundgesetz-Kultur aufnehmen. Sondern auch Deutsche, die sich aus ihr verabschiedet haben.

© dpa

Von Matthias Vogt

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Integrieren und Differenzieren bilden Gegensätze, jedenfalls in der Sprache der Mathematik. In der Praxis der Politik ist es umgekehrt: Erfolgreiche Integration setzt Differenzierung voraus, ein geduldiges Hinterfragen der Begriffe und Grundannahmen. Das fängt schon bei der „Integrationspolitik“ selbst an. Sie basiert auf der Annahme, dass alle Asylantragssteller, die registriert wurden, sich integrieren wollen. Tatsächlich haben sie mit ihrem Asylantrag nur eine temporäre Duldung im Gastland mit dem ausdrücklichen Ziel einer Heimkehr ins Heimatland beantragt. In der philosophischen Logik würde man eine Ableitung aus einer fehlerhaften Annahme einen Trugschluss nennen. Die Süssmuth-Kommission hatte 2001 ein ganz anderes Ziel ausgegeben: „Zuwanderung gestalten – Integration fördern“. Bei Zuwanderung passt der Begriff Integration, bei Asylverfahren zunächst nur bedingt. Bei der sogenannten Flüchtlingskrise aber passt er durchaus – nur anders, als die meisten denken.

Matthias Theodor Vogt (57) war 1992 bis 1995 „Vater“ des Sächsischen Kulturraumgesetzes. Er leitet das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen und lehrt Kulturpolitikwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz. Heute erscheint seine Studie „Anko
Matthias Theodor Vogt (57) war 1992 bis 1995 „Vater“ des Sächsischen Kulturraumgesetzes. Er leitet das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen und lehrt Kulturpolitikwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz. Heute erscheint seine Studie „Anko

Entscheidend nämlich ist, dass es sich um eine doppelte Herausforderung handelt, der die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland derzeit ausgesetzt ist. Die viel diskutierten ungesicherten Grenzen haben lediglich zu einer Zunahme der gegenwärtigen Wohnbevölkerung um rund ein Prozent gesorgt, verbunden mit einer Belastung der öffentlichen Haushalte im Bereich von ebenfalls einem Prozent. Im Verhältnis zur Gesamtzahl skalenübergreifender Wechselwirkungen innerhalb einer so komplexen Gesellschaft wie der unsrigen, die sich im Gleichklang mit unseren europäischen Nachbarn auf historisch seltenem Friedens- und Wohlstandsniveau befindet, ist dies allenfalls eine sichtbare Größe. Eine Krise ist es zunächst einmal noch nicht.

Im Inneren der Republik aber hat ein erheblicher Teil der Bevölkerung seine Integration in die Grundannahmen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zur Disposition gestellt. In Sachsen-Anhalt ein Viertel der Wählenden, in Berlin knapp ein Fünftel. Dies ist in der Tat eine Krise. Ein geduldiges Hinterfragen der Begriffe und Grundannahmen ist daher kein Luxus wissenschaftlicher Selbstbeschäftigung im Elfenbeinturm, sondern existenzielles Gebot der Stunde.

Wie bei unseren Nachbarn jenseits von Rhein, Elbe und Donau führt die sogenannte Flüchtlingskrise des Jahres 2015 zu erstaunlichen Herausforderungen, wenn man sich näher mit den Problemen beschäftigt, über die Deutsche zu klagen Anlass sehen und die gar nicht in erster Linie mit den Migranten zu tun haben. Wohl aber mit dem Problem mancher Deutschen, anzukommen in der eigenen deutschen Lebenswelt. Nicht länger leugnen lassen sich Strukturprobleme unserer Republik, die eine Re-Integration der Gesamtbevölkerung in die Prämissen unserer Rechtsordnung erforderlich machen, also eine innere Integrationspolitik. Möglicherweise ist die Aufgabe, Migranten in die hierzulande verbindliche Werteordnung zu integrieren, ein guter Anlass, auch dieses zu leisten und den Prozess der geistigen Wiedervereinigung auf erneuerter Grundlage voranzubringen. Einer der verblüffenden Effekte der sogenannten Flüchtlingskrise ist die Neubewertung des Begriffs Kultur. Bis etwa 2014 war er den Ökonomen und Technikern, wenn sie die großen Erzählungen der Republik instrumentierten, höchstens ein Nice-to-Have wert, ein „Hübsch, wenn man sich’s denn leisten will“. Plötzlich jedoch wird fraktions- und diskursübergreifend die Kultur gepriesen, die europäische, die deutsche, gegebenenfalls mit einem früheren Kampfbegriff die abendländische. Eine Gruppe der Gesellschaft hat die Herausforderungen der Integrationsarbeiten fast flächendeckend und sofort angenommen: die Künstler und die Kultureinrichtungen. Sie müssen ohnehin in Qualitätskategorien denken und dürfen nicht in ethnischen Kategorien denken, wenn sie bereits ihren bürgerlichen Auftrag erfüllen wollen.

Eine andere Gruppe der Gesellschaft aber hatte die Chancen durch Kunst und Kultur seit Jahrzehnten fast systematisch vernachlässigt und hat auch in den vergangenen Monaten kaum Entsprechendes publiziert: die Sozialwissenschaft. Das mag damit zusammenhängen, dass sich die heute wirkende Generation – wie bekanntlich so manche unserer Politiker – kaum noch über den sozialen Ort von Theater, Konzert und Vernissage definiert. Die Sozialwissenschaft hat viele kluge Integrationstheorien aufgestellt, aber meist geht sie dabei von der Annahme einer Art Erwachsenenbildung aus. Wenn man aber als Wissenschaftler von sich auf andere schließt und ganz und gar „erwachsen“ ist bzw. so denkt und schreibt, entgeht einem da nicht etwas Fundamentales?

Doch hat nicht schon Friedrich Schiller geschrieben: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“? Und ergänzte nicht der Dresdner Erich Kästner „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch“? In ihrem Geleitwort zu unserer Studie „Ankommen in der deutschen Lebenswelt“ schreibt die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth: „Mit Neugier und Lachen entdecken Kinder die Welt. Niemand zwingt sie, sprechen zu lernen; sie tun dies aus eigenem Antrieb. Über die Vorbilder ihrer Großeltern, Eltern, Geschwister und Erzieher lernen sie, welche Verhaltensweisen für den Zusammenhalt von Familie und Gemeinschaft wichtig sind und von ihnen erwartet werden. Dieses Hineinwachsen in Wertvorstellungen, in die Normen einer Gesellschaft, nennt die Wissenschaft Enkulturation.“

Und weiter heißt es: „Wahrscheinlich war jeder von uns – zum Beispiel beim Urlaub – schon einmal in der Fremde, wo wir niemanden kannten und vielleicht auch die Sprache nicht kannten. Zunächst einmal lassen wir dann den Ort, seine Gerüche, seine Geräusche, seine Farben auf uns wirken, finden einen sinnlichen Zugang. Dann beobachten wir die Menschen, wie sie miteinander umgehen, sich begrüßen und verabschieden, wie sie sich zueinander verhalten im Alltag, beim Fest und bei den Lebenshöhepunkten, die ja jede Gesellschaft zwar ähnlich, aber stets anders vollzieht. Und erst in einem dritten Schritt informieren wir uns abstrakt über Sitten, Gebräuche, Geschichte, Gebäude und Künste des betreffenden Landes, vollziehen einen kognitiven Zugang, verstehen mit der Zeit, was diese Gesellschaft zusammenhält.“

Unsere zentrale Überlegung war also, dass wir unsere Kultur mit ihren tragenden Normen-, Wert- und Ordnungsvorstellungen und Erfahrungen nicht nur einfach rational und belehrend vermittelt erhalten. Sondern dass wir sie uns ganz wesentlich sinnlich, vor-bewusst und emotional erschließen und uns ihr anverwandeln. Dies nannte man bisher Enkulturation und beschrieb damit nur kindliche Aneignungsprozesse; wir tun dies nun erstmals auch in Bezug auf Erwachsene, eben Migranten. Und bei solchen sinnlichen, vor-bewussten und emotionalen Prozessen spielt die Kunst eine wesentliche Rolle: für Kinder, für Menschen, die bereits in Deutschland leben, und für zu uns Kommende.

In unserer Studie „Ankommen in der deutschen Lebenswelt“ fragen wir deshalb, wie genau Enkulturation funktioniert, und fragen weiter, wie Menschen eigentlich sind, um so Möglichkeiten und Grenzen von Migrantenenkulturation auch aus Sicht der evolutionären Anthropologie zu diskutieren. Aber je länger wir ein volles Jahr lang nachgedacht und geschrieben haben, desto mehr kamen wir zur Überzeugung, dass bei unseren Handlungsempfehlungen für gelingende Enkulturation – und zwar zentral – auch die Gruppe jener Deutschen berücksichtigt werden sollte, die dabei ist, sich von den Parametern des Grundgesetzes zu verabschieden.

Was genau und als Erstes geschafft werden soll, dies ist klar: eine Erst- bzw. Re-Integration aller Schichten der Bevölkerung in die Prämissen unserer Rechtsordnung. Die „Flüchtlingskrise“ ist Anlass zu handeln. Wenn das geschafft ist, dann gibt es auch eine gesamtgesellschaftliche Grundlage für die Integration derer, die unsere Barmherzigkeit und unsere Integrationsbereitschaft nötig hatten. Der sehr vielen, die sie nötig haben. Und – mit Blick auf die Eine Welt – der sehr sehr vielen, die sie in Zukunft nötig haben werden.

Wie aber wollen Politik und Zivilgesellschaft auf Migration reagieren, wenn wir weder über zureichende Daten noch über tatsächlich ganzheitliche Integrationskonzepte verfügen? Wir halten es deshalb für geboten, sehr viel genauere Erkenntnisse über die kulturelle Vorprägung der zu uns Kommenden zu gewinnen und für die an Integration mitwirkenden Bürger aufzuarbeiten. So sollte aus einem Blick auf die Vorstellungswelten sowohl der Aufnahmegesellschaft wie der Migranten viel klarer deutlich werden, wo wir übereinstimmen, wo nicht und wie weit der Weg zueinander wohl wirklich sein mag. Integrieren also durch Differenzieren.