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Die drei ungleichen Schwestern

Standortwettbewerb. Die Stadt Chemnitz hängt die Leipziger Konkurrenz ab. Die Landeshauptstadt führt weiter.

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Von Katlen Trautmann

Das Verhältnis der drei sächsischen Großstädte hat sich in diesem Jahrtausend gewandelt. Im Rennen um die Krone für den am rasantesten wachsenden Standort hat Chemnitz aufgeholt und liegt hinter Dresden. Die Stadt Leipzig hat Boden verloren.

„Alle drei Städte boomen“, sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen, Markus Lötzsch. Im Vergleich zu anderen ostdeutschen Kommunen trifft diese Aussage zwar zu. Unterschiede lassen sich aber nicht übersehen. Dresden und Chemnitz können früher eingeschlagene Wege der Wirtschaftsentwicklung weiter gehen, Leipzig musste umdenken.

Dienstleistern fehlen Aufträge

Das Ranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und der Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ hat Dresden zum Aufsteiger des Jahres gekürt. Chemnitz belegt Platz 38, Leipzig Platz 41. Dorthin ist Leipzig über die Jahre gerutscht, zur eigenen unangenehmen Überraschung. Experten machen den Mangel an Industrie als Nachteil aus. Verarbeitendes Gewerbe fehle. „Leipzig ist hier nicht wie Dresden oder Chemnitz aufgestellt“, sagt Lötzsch. „Wir haben es nicht verstanden, unser Ziel der Reindustrialisierung zu kommunizieren“, drückt es der Leiter des Leipziger Amtes für Wirtschaftsförderung, Michael Schimanski, aus.

Leipzig wird vor allem als Medien- und Dienstleistungsstandort wahrgenommen. Das Konzept der Messestädter als Medien-, Banken- und Dienstleistungsstandort ging bis Ende der 90er Jahre auch auf. „Die Entwicklung ging zu Lasten des verarbeitenden Gewerbes“, räumt Schimanski ein. Mittelständler hätten sich in der „dritten Reihe“ gesehen. So fehlen Betriebe, die Dienstleistungen in großem Stil abrufen wollen. „Wir haben die Kurskorrekturen erkannt und in Angriff genommen“, bestätigt Schimansky. Leipzig umwirbt die Industrie wieder. Mit Porsche und BMW sei der Grundstein für mehr Industrie gelegt. Auf der Haben-Seite der Region sieht er die Logistik-Branche. „Dort passen die Fördertöpfe des Freistaates aber oft nicht“, kritisiert Schimanski. Stolz ist der Wirtschaftsförderer auf die Infrastruktur. Mit Messe und Autobahn kann Leipzig bei Investoren punkten. Insgesamt besteht Aufholbedarf in der Messestadt. Neben der höchsten Arbeitslosenrate wies Leipzig vergangenes Jahr die höchste Pro-Kopf-Verschuldung und Spitzenwerte bei der Zahl der Bedarfsgemeinschaften unter den drei Städten aus. Die Leipziger haben mit 14 400 Euro weniger verfügbares Einkommen als der „Durchschnittssachse“ (14 878 Euro) in der Kasse. Chemnitz brilliert mit dem Höchstwert von 15 800 Euro.

Die Stadt Chemnitz kämpft sich währenddessen auf wirtschaftlich sicheres Terrain vor. „Ziel ist eine selbsttragende Wirtschaft bei Auslaufen des Solidarpaktes 2009“, sagt Ulrich Geissler von der Chemnitzer Wirtschaftsförderung. Als Standort für Automobil- und Maschinenbau hat die Stadt bereits einen guten Ruf, das Kompetenzzentrum Mechatronik kann sich sehen lassen. Bei Ausgründungen spielt die Technische Universität bundesweit in der ersten Liga.

Unbeachtet, aber stetig

Wer viel zu schleppen hat, kommt schlecht voran: Für den Wirtschaftswettlauf hat Chemnitz deshalb Ballast abgeworfen. Als einzige der drei Städte weist sie einen ausgeglichenen Haushalt vor, obwohl in der Stadtkasse die vergleichsweise geringsten Steuereinnahmen klingeln. Bei den Pro-Kopf-Schulden liegt Chemnitz hinter Dresden. Aber die löste ihre finanziellen Probleme unorthodox durch Verkauf der eigenen Woba-Wohnungen .

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 25 100 Euro pro Einwohner im Jahr 2004 liegt Chemnitz vor Leipzig (23 500 Euro). Firmen mit Chemnitzer Töchtern wie Siemens oder Niles Simmons (USA) haben Anteil daran. „Nachteile bei der Außenwahrnehmung“, bescheinigt Markus Lötzsch Chemnitz. Die Stadt ist trotzdem stolz auf sich. Sachsens Fördermittelstrategie nennt Geissler „in Zahlen gegossene Leuchtturmpolitik“ und Äußerungen von Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) „Realsatire“. Der Minister hatte Unmut mit Aussagen entzündet, wonach „nur gefördert werden könne, was beantragt sei. „Der Mittelstand bindet eben weniger Geld als eine BMW-Ansiedlung“, kommentiert Geissler. Außer bei Technologie bekomme Chemnitz das kleinste Stück vom Förderkuchen, Dresden das größte.

Eine Bevorzugung der Landeshauptstadt will Brigitte Mommsen vom Dresdner Amt für Wirtschaftsförderung darin nicht sehen. „Die Leuchtturmpolitik fördert Branchen, keine Städte“, sagt Mommsen. Die Halbleiterindustrie habe vom Potenzial an Arbeitnehmern vor Ort profitiert. Das Zusammenspiel hochkarätiger Forschungseinrichtungen und Industrie gemeinsam mit dem Ruf hoher Lebensqualität befördere die im Osten einzigartige Situation Dresdens. Unglücklich ist man darüber keineswegs. Elbflorenz liegt im Trend.