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Ist das schon die Dresdner Verkehrswende?

Die Dresdner nutzen das Auto immer seltener, zeigt eine Studie. In welchen Stadtteilen besonders häufig Rad gefahren wird - die wichtigsten Ergebnisse.

Die Stadt kündigt an, was die Radfahrer bei dieser Demo im Februar 2019 forderten: mehr Radwege.
Die Stadt kündigt an, was die Radfahrer bei dieser Demo im Februar 2019 forderten: mehr Radwege. © Sven Ellger

Wer sollte mehr Platz bekommen: Auto- oder Radfahrer? Wie brisant diese Frage ist, zeigen die monatelangen Streitigkeiten über einen neuen Radweg an der Albertstraße und einen breiteren Radweg entlang des Zelleschen Weges. Um Platz dafür zu schaffen, müssen Autofahrer in beiden Fällen bald auf eine Fahrspur verzichten. Befürworter eines gut ausgebauten Radwegnetzes erhalten jetzt neue Argumente. Verkehrsbürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) hat am Montag die Ergebnisse der neuen repräsentativen Mobilitätsbefragung vorgestellt. Und diese zeigt: Nur noch 36 Prozent aller Wege in der Stadt legen die Dresdner mit dem Auto zurück.

Welches Verkehrsmittel nutzen die Dresdner am häufigsten?

Das Auto bleibt mit 36 Prozent zwar auf Platz eins, wie die Auswertung der Technischen Universität Dresden im Auftrag der Stadtverwaltung und der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) zeigt. Auch die Zahl der Haushalte mit mindestens einem Pkw ist gestiegen. Allerdings wurden noch vor fünf Jahren 39 Prozent aller Wege mit dem Auto erledigt, 2008 waren es 41 Prozent, 2003 rund 43 Prozent und 1998 etwa 44 Prozent. Dafür haben in den vergangenen Jahren die umweltfreundlicheren Verkehrsmittel stark zugelegt. Bus und Bahn, Rad und Fußverkehr haben es bei der Befragung 2018 auf einen Anteil von insgesamt 64 Prozent geschafft. Insbesondere das Fahrrad scheint immer attraktiver zu werden. Mit ihm werden inzwischen 18 Prozent aller Wege zurückgelegt (1998: 10 Prozent). Außerdem stieg die Zahl der Fahrradfahrten in den vergangenen fünf Jahren um 70 Prozent auf 362.000 pro Tag. Die meisten Radfahrer fahren auch im Winter regelmäßig.

Für welche Erledigungen nutzen die Dresdner welche Verkehrsmittel?

Zum einen spielt der Weg eine Rolle: Mit jedem zusätzlichen Kilometer, der zurückgelegt werden muss, gewinnt das Auto an Bedeutung. So haben die Dresdner 71 Prozent aller Strecken, die zehn Kilometer und länger waren, mit dem Auto zurückgelegt. Demgegenüber haben die insgesamt 3.231 Befragten in 90 Prozent aller Fälle aufs Auto verzichtet, wenn der Weg kürzer als einen Kilometer war. Bei der Wahl des Verkehrsmittels ist aber auch entscheidend, wohin die Reise geht. Bei der Fahrt von und zur Arbeit hat das Auto weiterhin die Nase vorn - Tendenz sinkend. Einkäufe werden dagegen am häufigsten zu Fuß erledigt. Und für den Weg zur Kita oder zur Schule steht erstmals das Fahrrad auf Platz eins.

Haben die Wissenschaftler auch herausgefunden, wer lieber mit dem Fahrrad fährt?

Kaum verwunderlich ist, dass Senioren das Fahrrad kaum für ihre Wege nutzen. Dafür hat in der Gruppe der über 65-Jährigen das Auto in den vergangenen fünf Jahren an Bedeutung gewonnen. Mit dem Pkw werden 38 Prozent der Wege zurückgelegt - nur etwas mehr als zu Fuß. An Attraktivität hat das Fahrrad vor allem bei den Jüngeren gewonnen. Ein Beispiel: Nutzte die Gruppe der 25- bis 45-Jährigen das Rad 2013 noch für 14 Prozent aller Wege, so waren es 2018 bereits 23 Prozent. "Deshalb hat der Ausbau eines sicheren, lückenlosen und komfortablen Radwegenetzes allerhöchste Priorität“, sagte Raoul Schmidt-Lamontain am Montag. Dresden solle Vorreiterin bei der Umsetzung klimaneutraler Mobilität sein und damit langfristig einen Beitrag zu einer hohen Lebensqualität in der Stadt leisten. Die junge Generation verlange von der Stadt zurecht, dass sie ihre Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft ernster nehme.

Offenbar gibt es auch zwischen dem Einkommen und der Wahl des Verkehrsmittels einen Zusammenhang. So fahren häufiger jene Dresdner Rad, die relativ wenig oder viel Geld verdienen.

Fahren die Radfahrer nur Rad und die Autofahrer nur Auto?

Tatsächlich haben 43 Prozent der Befragten angegeben, immer nur ein Verkehrsmittel zu nutzen. Am häufigsten waren das Autofahrer. Der Rest wechselt gern. So sagen zum beispiel 19 Prozent, sowohl das Auto als auch das Fahrrad zu nehmen. Bei wechselhaftem Wetter wird das Auto bevorzugt. Regnet oder schneit es, steigen Autofahrer und Radfahrer gern auf Bus und Bahn um.

Wie hat sich die Nachfrage bei Bus und Bahn entwickelt?

Nur 20 Prozent aller Wege wurden 2018 mit Bussen, Bahnen und Zügen zurückgelegt - zwei Prozentpunkte weniger als 2013. Woran das liegen könnte? Das Wetter könnte Schuld gewesen sein. 2018 - ein Hitze- und Dürrejahr - gingen Menschen möglicherweise lieber zu Fuß und fuhren Rad, anstatt sich in heiße Busse und Bahnen zu setzen. Außerdem stieg in den letzten fünf Jahren der Preis für eine Fahrstunde um 20 Prozent, rechnet die Stadt vor. Darüber hinaus sei die Reisezeit für Dresdner, die weite Wege zurückzulegen hätten, wohl zu lang, schätzt Mirko Rüde ein, der bei den DVB für die Markt- und Qualitätsforschung verantwortlich ist. "Da sind wir offenbar nicht konkurrenzfähig", sagte er. Mit dem Auto sei man deutlich schneller. Und selbst per Rad komme man inzwischen fast genauso schnell durch die Stadt wie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Gibt es zwischen den Stadtteilen große Unterschiede?

Ja, die gibt es. So kommen 42 Prozent der Innenstadt-Haushalte ganz ohne eigenes Auto aus, während in Loschwitz und Klotzsche mehr als ein Drittel der Haushalte über mindestens zwei Autos verfügen. Das spiegelt sich in den meisten Fällen in der täglichen Wahl der Verkehrsmittel wider: In der Neustadt bewegen sich die meisten Menschen per Rad fort, in der Altstadt vor allem zu Fuß sowie mit Bus und Bahn. Die Klotzscher und die Loschwitzer liegen an der Spitze, wenn es ums Autofahren geht.

Wie bewertet die Stadtverwaltung die Ergebnisse?

„Die Ergebnisse bilden ab, was wir schon länger wahrnehmen", so der Verkehrsbürgermeister. "Die Dresdner bewegen sich vorwiegend zu Fuß, mit dem Rad und dem Öffentlichen Nahverkehr." Also das, was auch als Umweltverbund bezeichnet wird. Darauf setze die Stadt schon seit Jahren. "Und damit liegen wir richtig." In den nächsten Jahren sollen unter anderem der Rad- und Fußverkehr weiter gestärkt werden, ebenso die Elektromobilität und Angebote, bei denen man sich Autos, aber auch Fahrräder ausleihen kann.

Hinweis: Das „System repräsentativer Verkehrsbefragungen" (SrV) ist ein seit 1972 laufendes Forschungsprojekt der TU Dresden. Befragt wurden 3.231 Personen in Dresden an einem mittleren Werktag (Dienstag bis Donnerstag), verteilt über das Jahr 2018. Die zufällig ausgewählten Personen wurden unter anderem über die Wege (Ziel, Dauer, Länge, Verkehrsmittel, Zweck) der Haushaltsangehörigen am jeweiligen Stichtag befragt. Nicht abgefragt wurden Dienstwege. Die Kosten in Höhe von rund 96.000 Euro teilen sich die Landeshauptstadt Dresden und die Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB).

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